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Neue Therapieform Mit Selbstmord-Genen gegen Krebstumore

Das Münchner Biotechnik-Unternehmen Apceth hat weltweit die erste Genehmigung erhalten, mit gentechnisch veränderten Stammzellen Krebs versuchsweise zu therapieren. Worum es genau geht.

Das Münchner Biotechnik-Unternehmen Apceth will versuchen, Krebszellen mit Hilfe von Stammzellen zu zerstören und damit die Krankheit selbst zu heilen. Quelle: Presse

Stammzellen werden in der Krebstherapie schon seit vielen Jahren mit großem Erfolg eingesetzt, zum Beispiel um das Immunsystem der Patienten nach einer Chemotherapie wieder aufzubauen. Was das Münchner Biotechnik-Unternehmen Apceth jetzt allerdings versuchen will, ist ein ganz neuer und innovativer Ansatz, Krebszellen mit Hilfe von Stammzellen zu zerstören und damit die Krankheit selbst zu heilen. Am Menschen hat das bisher noch niemand versucht. Wie Apceth gerade bekannt gab, hat das Unternehmen nun als weltweit erstes die Erlaubnis, die neue Therapie an Patienten mit fortgeschrittenem Magen-, Dickdarm- und Enddarmkrebs versuchsweise zu behandeln.

Die Geschichte der Genetik
Bereits Wissenschaftler der Antike interessierten sich für Fragen der Vererbung. Etwa 500 vor Christus erklärte der griechische Philosoph Anaxagoras, dass der Embryo im männlichen Spermium bereits vorgeformt sei. Dass nur der Mann Erbanlagen besitze, behauptete auch Aristoteles etwa 100 Jahre später. Ähnliche Vorstellungen hielten sich noch bis in die Neuzeit hinein, da es an Instrumenten und Technik fehlte, um tiefer in die Forschung eintauchen zu können. Quelle: Gemeinfrei
Den Grundstein zur sogenannten modernen Vererbungslehre legte Gregor Johann Mendel. Der Augustinermönch schrieb 1865 die sogenannten Mendelschen Regeln nieder. Sie erfassen bis heute die Prinzipien für die Vererbung körperlicher Merkmale. In seiner Forschung experimentierte Mendel mit Erbsen, und zwar mit sieben unterschiedlichen Merkmalen reinrassiger Erbsenlinien, und fasste die Ergebnisse seiner Kreuzungsversuche zu drei Grundregeln zusammen. Quelle: Gemeinfrei
1869 wurden in Fischspermien erstmals Nukleinsäuren, die Bausteine der DNA (Desoxyribonukleinsäure), entdeckt. Den Zusammenhang zur Struktur der Erbsubstanz konnten Wissenschaftler bis dahin jedoch nicht herstellen. Erst 19 Jahre später entdeckte Wilhelm von Waldeyer (im Bild) die Chromosomen in menschlichen Zellen. Quelle: Gemeinfrei
1890 wies dann der deutsche Biologe Theodor Boveri nach, dass die Chromosomen Träger der Erbinformation sind.  Quelle: Gemeinfrei
William Bateson war es, der 1906 den Begriff "Genetik" für die Vererbungsgesetze einführte. Quelle: Gemeinfrei
Bereits 1903 vermutete der amerikanische Biologe Walter S. Sutton, dass paarweise auftretende Chromosomen Träger des Erbmaterials sind. Dieser Ansatz wurde ab 1907 von Thomas Morgan an der Drosophila melanogaster (eine Taufliegenart) verfolgt und ausgebaut. Morgan gelang es, Gene als Träger der geschlechtsgebundenen Erbanlagen an bestimmten Stellen der Taufliegen-Chromosomen zu lokalisieren. Für diese Leistung erhielt er 1933 den Nobelpreis für Medizin. Quelle: dpa
James Watson (im Bild) entdeckte gemeinsam mit seinem Kollegen Francis Crick 1953 die Doppelhelixstruktur der DNA. Sie stellten fest, dass das DNA-Molekül ein dreidimensionaler, spiralförmiger Doppelstrang ist, in dessen Innenraum sich die vier Basen immer paarweise zusammenschließen. Das Besondere an dieser Struktur sei, so die beiden Forscher, dass sie sich selbst kopieren könne. Damit hatten Watson und Crick auch den Mechanismus der Vererbung erklärt. Dafür erhielten auch sie den Nobelpreis. Quelle: dpa

Der Trick an der neuen Therapie: Die Stammzellen werden als Lotsen benutzt, um ein bestimmtes Gen, das Medikamente tausendfach wirksamer macht, ganz gezielt zu den Krebsgeschwüren und deren Ablegern, den Metastasen zu bringen. Warum das so gut funktioniert, erläutert Ralf Huss, der wissenschaftliche Leiter von Apceth, so: "Die Stammzellen finden ihren Weg zu den Krebszellen, weil diese Signale aussenden, um sie anzulocken."

Scharf gemacht mit Sebstmord-Gen

Apceth hat als weltweit erstes Unternehmen die Erlaubnis, die neue Therapie an Patienten mit fortgeschrittenem Magen-, Dickdarm- und Enddarmkrebs versuchsweise zu behandeln. Quelle: Presse

Zuvor werden die sogenannten adulten, mesenchymalen Stammzellen, die den Patienten vor der Behandlung aus dem Knochenmark entnommen werden - im Labor präpariert: Sie bekommen das Gen eines Herpes-Virus eingebaut, der sich vor Ort - in den Tumoren und Metastasen - zu einer Art Selbstmord-Gen für die Krebszellen entwickelt. Denn gleichzeitig mit den Stammzellen bekommt der Patient ein Antivirenmittel in die Blutbahn gespritzt. Dessen zerstörerische Kraft auf die Zellen ist nun "um den Faktor 1.000 höher" also ohne das Selbstmord-Gen, sagt Huss. Das Gen-Stück aus dem Virus ist für den restlichen, gesunden Körper jedoch völlig ungefährlich und kann keinerlei Infektion auslösen, betont Huss.

Die Therapie, die im Tierversuch sehr gute Ergebnisse erbrachte, muss sich nun in den ersten Versuchen am Menschen beweisen. Sie werden in den nächsten Wochen am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München beginnen. Gelingt die Heilung mit den gentechnisch scharf gemachten Stammzellen, will Apceth die Therapie mit solchen Zellen, die unabhängig vom einzelnen Patienten gezüchtet und präpariert werden, weiter entwickeln.

In Arbeit
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Das wäre logistisch sehr viel einfacher, als jedem Krebskranken sehr aufwendig seine eigenen Stammzellen zu entnehmen und diese dann jeweils gentechnisch zu verändern. Und es sei mit dieser Form von Stammzellen, die Apceth benutzt, auch sehr gut möglich, sagt Huss: "Fremde mesenchymale, adulte Stammzellen lösen keine Abwehrreaktion im Körper des Empfängers aus, das wurde bereits vielfach bewiesen."

Dann könnte eines Tages das moderne Stammzellpräparat gegen Krebs ganz einfach in der Apotheke verkauft werden wie gewöhnliche Impfstoffe oder Pillen auch.

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