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Nützliche Bakterien Der Darm hat Charme

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Stuhltransplantate per Post

Zehn Dinge, die Sie lieber gleich wegputzen
Wussten Sie, dass sich Krankheitserreger und Viren länger als 24 Stunden auf der Oberfläche der Fernbedienung halten können? Experten zufolge befinden sich auf Fernbedienungen, aber auch Telefonhörern und Lichtschaltern besonders viele Keime und Bakterien. Quelle: dpa
Auch in und auf Küchenschwämmen tummeln sich besonders viele Keime, wenn nicht sogar die meisten im Haushalt. Was man dagegen tun kann? Legen Sie den Schwamm für eine Minute in die Mikrowelle und anschließend in die Spülmaschine. Dann sind auch die letzten Keime weg. Quelle: Fotolia
In der Spüle sind mehr Keime als in der Toilette. Deshalb sollten Sie immer Reinigungsspray oder -mittel nutzen, und sie mindestens einmal täglich auswischen. Quelle: dpa
Nicht immer sind die Küchen so sauber wie hier. Viel schlimmer: häufig sieht sauber aus, was nicht sauber ist. Griffe von Herden werden ständig beim Kochen bespritzt. In der Eile wird auch schon mal mit dreckigen Fingern das Essen vor dem Anbrennen gerettet. Sauber gemacht werden die Griffe anschließend selten. Auch hier gilt: Abmachen und mit Heißwasser und Spülmittel alle paar Wochen säubern. Auch in der restlichen Wohnung gibt es zahlreiche Griffe - am Kühlschrank, an Schubladen, Türen und Fenstern: Durch den täglichen Gebrauch setzen sich dort Rückstände von Lebensmitteln ab. Beim Saubermachen sollten Sie auch die Unterseite nicht vergessen.
Und noch ein Stück, auf dem sich mehr Keime befinden als auf einer Klobrille: die Schneidebrettchen. Sogar mehr als 200mal so viele Bakterien sollen sich da tummeln. Es gibt drei Möglichkeiten, sie abzutöten: Entweder legen Sie die Bretter in die Spülmaschine oder Sie sprühen diese mit Essig ein, und lassen ihn über Nacht einwirken. Oder drittens: legen Sie das Brett etwa 30 Sekunden in die Mikrowelle. Quelle: Fotolia
Bei Zahnbürsten gibt es einige Dinge zu beachten: Sollten Sie oder ein anderes Familienmitglied krank sein, dann werfen Sie dessen Zahnbürste sofort weg. Generell sollten Sie darauf achten, dass sich die Borsten verschiedener Zahnbürsten nicht berühren. Stellen Sie sie auch nicht in der Nähe der Toilette ab. Wollen Sie ganz sicher gehen, dann stellen Sie die Zahnbürste über Nacht in eine antibakterielle Mundspülung - aber auch hier gilt: Jede Zahnbürste braucht ihre eigene Lösung. Quelle: dpa
Ist zwar süß und knuffig, aber er hat es in sich: Kolibakterien, Hefe- und Schimmelpilze sowie Staphylokokken bringt das geliebte Tier ins Haus. Besondere Vorsicht ist bei Spielzeugen und Fressnäpfen angebracht. Schutz bietet gründliches Händewaschen nach jedem Kontakt und die gründliche Säuberung des Spielzeugs und der Näpfe. Produkte aus Plastik, Ton oder Metall sollten alle paar Wochen mit Heißwasser und Spülmittel abgewaschen werden. Stofftiere gehören hin und wieder in die Waschmaschine. Quelle: dpa

Langfristig muss aber eine klare Regelung her, sagt die Ärztin, um das Verfahren zu standardisieren und möglicherweise zu einem Fertigprodukt zu kommen.

Daran arbeitet zum Beispiel auch das Forscherteam um Emma Allen-Vercoe an der kanadischen University of Guelph in Ontario. RePOOPulate hat Allen-Vercoe das Projekt der Darm-Wiederbesiedlung genannt. Und sie will ganz weg von der Stuhlspende. Stattdessen strebt sie an, einen ausgewählten gesunden Bakterien-Cocktail im Labor zu züchten und ihn möglicherweise in eine Medikamentenkapsel zu verpacken. Die kann der Patient dann einfach schlucken.

Noch ist das Zukunftsmusik. In den USA hat Mark Smith immerhin schon eine Art Versandhandel namens OpenBiome aufgebaut. Für 250 Dollar können Ärzte dort geprüfte Stuhltransplantate beziehen. Der Mikrobiom-Forscher Smith gründete die gemeinnützige Organisation, nachdem er bei einem Freund miterlebt hatte, wie der nach qualvollen Jahren mit einer chronischen Chlostridien-Infektion endlich durch ein Stuhltransplantat geheilt wurde.

Der Haken ist nur: Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat gerade vorgeschlagen, dass Ärzte die Therapie in Zukunft nur noch im Rahmen von genehmigten Studien durchführen dürfen. Dann wäre es für Patienten sehr schwierig, einen Arzt zu finden, der die Therapie einsetzen darf. Daher hat Smith jüngst im renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ Alarm geschlagen. Er forderte die Gesundheitsbehörden auf, Patienten den legalen Zugang zu Stuhltransplantaten zu ermöglichen.

Besser keine Selbstversuche

Denn die Tatsache, dass medizinische Laien in ihrer Not zur Selbsthilfe greifen, hält er für sehr riskant. Zwar ist das Prozedere mit YouTube-Videoanleitung vermutlich ganz gut zu beherrschen. Doch diese Transplantate durchlaufen keinerlei Sicherheitscheck. Noch skurriler: Smiths OpenBiome-Stuhl-Bank bekam sogar Anfragen, ob und wie auch der Kot von Haustieren aufzubereiten sei.

Forschung



Auch in Deutschland ist die Versorgungslage mit heilsamen Darmbakterien noch sehr dünn. Die Therapie komme aber auch nicht für jeden CDI-Patienten infrage, sagt die Kölner Ärztin Vehreschild. Sie setzt erst nach mehreren Rückfällen auf die Neubesiedlung mit fremdem Stuhl.

"Bei Anwendungsfeldern außerhalb der CDI können wir noch nicht sagen, ob die Therapie etwas bringt", bremst sie übertriebene Erwartungen. Aber sie will es gerne erforschen. Vor allem bei anderen Darmerkrankungen – vom Reizdarm bis zu Autoimmunstörungen – sieht sie große Chancen. Für andere Einsatzfelder wie Parkinson, Autismus oder sogar Depressionen wagt Vehreschild noch keine Prognosen. "Wir wissen bisher noch gar nicht, was wir da alles übertragen und welche langfristigen Effekte das hat." Ihr Credo lautet deshalb: "Wir müssen unsere winzigen Mitbewohner noch viel besser erforschen."

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