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Olympische Winterspiele in Sotschi Experten befürchten "intensive Nachfrage" eines neuen Dopingmittels

Vor den Olympischen Spielen in Sotschi ist ein neues Dopingmittel aufgetaucht, das bei Tests nahezu unsichtbar ist. 100.000 Euro soll eine Flasche kosten. Bislang sind sowohl dessen Wirkung als auch Nebenwirkungen unklar.

Ein hochwirksames Dopingmittel namens Full Size MGF kommt angeblich jetzt aus Russland. Ein renommierter Wissenschaftler aus Moskau macht laut eines WDR-Berichts damit Geschäfte. Quelle: dpa

Im russischen Sotschi läuft derzeit das umfangreichste Anti-Doping-Programm in der Geschichte der Olympischen Winterspiele: Fast 2500 Kontrollen sind vor und während der Spiele vorgesehen - 14 Prozent mehr als 2010 in Vancouver. "Wir wollen unser Anti-Doping-System sowohl im Hinblick auf Qualität als auch auf Quantität verbessern", sagt Thomas Bach, der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). "Wir werden im Kampf gegen Doping klüger und hartnäckiger sein, als jemals bei Winterspielen zuvor." Allein die vorolympischen Doping-Kontrollen der Sotschi-Spiele kosten laut IOC eine Million Dollar. "Viele Millionen" sind für die Tests während der Winterspiele veranschlagt, hatte Bach verkündet. "Um es klar zu sagen: Diese Millionen Dollar sind keine Kosten. Sie sind eine Investition in die Zukunft des Sports", meinte der IOC-Chef.

Und dann kam das: Wenige Tage vor Eröffnung der Winterspiele wecken WDR-Recherchen erhebliche Zweifel an einer glaubwürdigen Dopingbekämpfung. In der Sendung "Sport Inside" deckten Reporter Geschäfte eines russischen Wissenschaftlers mit einem bisher kaum bekannten Dopingmittel auf. Der international renommierte Mitarbeiter der Russischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Moskau bot den verdeckt arbeitenden Reportern das Molekül Full Size MGF zum Kauf an. Eine Flasche mit 100 Millilitern sollte 100.000 Euro kosten, Sportler könnten noch vor Beginn der Spiele damit versorgt werden.

Das Geschäft mit gepanschten Pillen
Das Geschäft mit gefälschten Medikamenten ist lukrativer als der Drogenhandel. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind mindestens 50 Prozent der im Internet vertriebenen Medikamente und etwa zehn Prozent aller weltweit verkauften Arzneimittel Fälschungen. Hier zu sehen: Tablettenproduktion in einer indischen Fälscherwerkstatt. Dieses und alle folgenden Fotos stammen aus Ermittlungsakten des Pharmakonzerns Pfizer. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
25 Millionen gefälschte Medikamente wurden 2010 allein in Deutschland vom Zoll beschlagnahmt. In kriminellen Werkstätten wie dieser in Kolumbien werden Pillen gepresst, die zu wenig, zu viel oder gar keinen Wirkstoff enthalten. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Die Herstellungsbedingungen sind meist - wie hier in Kolumbien - abenteuerlich. Oft sind es auch die Inhaltstoffe. So fanden sich in Imitaten diverser Produkte des Pharmakonzerns Pfizer mitunter hochgiftige und lebensgefährliche Stoffe wie Straßenfarbe auf Blei-Basis, Borsäure, Bodenreiniger und das  Amphetamin Speed. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Zuweilen sind die Fälscherwerkstätten auch schlichtweg eklig. Hier entsteht eine Kopie des Pfizer-Präparats Lipitor / Sortis, einem Cholesterinsenker. Die Kosten von Rückrufaktionen gefälschter Arzneimitteln müssen die betrogenen Pharmaunternehmen übrigens selbst tragen. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
So gut wie jedes Medikament wird kopiert. So wurden von 60 Pfizer-Produkten Fälschungen in 104 Ländern sichergestellt, darunter Mittel zur Behandlung von Krebs, HIV, hohem Cholesterin, Alzheimer, Bluthochdruck, Depressionen, rheumatischer Arthritis und Antibiotika. Hier wird in Pakistan eine Fälschung des Hustensafts Corex abgefüllt. Das Original wird in Indien, Pakistan, Bangladesch und anderen südasiatischen Märkten vertrieben. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Das am häufigsten gefälschte Medikament ist das Potenzmittel Viagra, ebenfalls von Pfizer. Allein im Jahr 2008 wurden weltweit acht Millionen gefälschte kleine blaue Tabletten beschlagnahmt. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Hier wurden gefälschte Viagra-Pillen in China verpackt. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)

Der Kölner Dopinganalytiker Mario Thevis geht davon aus, dass die Substanz in der Dopingszene auf intensive Nachfrage stoßen dürfte. Wilhelm Schänzer, Professor für Biochemie und Leiter des Instituts für Biochemie sowie des WADA-akkreditierten Dopingkontroll-Labors der Deutschen Sporthochschule, reagiert gelassener auf das vermeintliche Wundermittel: "Man hat IGF 1 und MGF irgendwann mal auf die Dopingliste gesetzt, aber es kann niemand garantieren, dass MGF sich als Dopingmittel eignet", sagt er.

IGF (Insulin-like growth factors, also insulinähnliche Wachstumsfaktoren) sind Polypeptide, die beispielsweise von Leberzellen produziert werden und eine wichtige Rolle beim Wachstum des Körpers spielen. Deshalb ist die synthetische Variante bei Bodybuildern sehr beliebt - und deshalb wird auch IGF bei Tests so gut wie nicht gefunden - schließlich kommt der Stoff im Körper in großen Mengen vor. Und diese hohe Konzentration lässt Schänzer auch an der Wirkung von IGF 1 zweifeln. "Man müsste sehr viel davon spritzen, um eine Wirkung zu erzielen", sagt er. Und da IGF 1 und MGF sich ähnlich seien - "MGF und IGF werden vom gleichen Gen sequenziert" - ist auch MGF so gut wie unsichtbar für Kontrolleure. Und wahrscheinlich unwirksam für Sportler. "Ich habe große Zweifel, ob MGF überhaupt wirkt und ein effektives Dopingmittel ist", fasst Schänzer zusammen.

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