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Opfer von Produktfälschungen Diese deutschen Industriekonzerne werden am häufigsten kopiert

Häufig ein Opfer von Produktfälschern: der Garten- und Motorgerätehersteller Stihl. Quelle: dpa

Der Schaden ist gigantisch: Eine exklusive Untersuchung enthüllt, wie stark die deutsche Industrie von Produktfälschungen betroffen ist – und welche Marken und Produkte besonders darunter leiden.

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Von den knapp zwei Monate geltenden Ausgangsbeschränkungen und Ladenschließungen wegen der Coronapandemie hat eine Branche besonders profitiert: die Internethändler. Doch der Boom hat auch seine Schattenseite: „Die Zahl der Produktfälschungen im Internet hat sich in der Coronakrise fast im Wochenzyklus verdoppelt“, sagt Nicole Hofmann.

Die Gründerin des Start-ups Sentryc aus Berlin hat mit ihrem Co-Founder Hendrik Schüler eine spezielle Software konzipiert, die Plagiate im Internet automatisch aufspürt – nach eigener Aussage mit einer Trefferquote von über 94 Prozent. Im Auftrag von Modemarken über Schmuckhersteller bis hin zu Anlagen- und Baustoffherstellern durchforstet sie die wichtigsten Internet-Marktplätze nach gefälschten Produkten.

Denn das sind beileibe nicht nur nachgemachte Adidas-Sneaker oder Rolex-Armbanduhren: „In Deutschland sind gerade auch viele Maschinenbauer mit ihren teils hochspezialisierten Teilen betroffen“, sagt Hofmann. Eine im Mai veröffentlichte Erhebung des Verbands der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) unterstreicht den Befund: Laut der Studie „Produktpiraterie 2020“ ist der jährliche Schaden durch nachgemachte Produkte auf 7,6 Milliarden Euro gewachsen – 2018 waren es erst 7,3 Milliarden Euro.

Sentryc hat für die WirtschaftsWoche nun die 30 umsatzstärksten Industrieunternehmen Deutschlands aus der Liste der 100 größten Weltmarktführer – abgesehen von Automobil- sowie Chemie- und Pharmakonzernen – dahingehend untersucht, wer wie stark von Produktfälschungen betroffen ist.

Dafür hat der Algorithmus Millionen von Datensätzen auf den 13 wichtigsten Internet-Marktplätzen, darunter Alibaba, Lazada oder Shopee, dahingehend gescreent, ob etwa eine Bildanalyse oder die Produktbeschreibung Anhaltspunkte für Plagiate liefen. Daraus ergibt ein Ranking potenzieller Fälschungen.

Das durchaus überraschende Ergebnis: Am meisten von Plagiaten betroffen ist der Garten- und Motorgerätehersteller Stihl. Mehr als 18.000 potenzielle Fälschungen auf allen 13 betrachteten Marktplätzen findet Sentryc in einer ersten Analyse.



Corona-Effekt bei Produktfälschungen

Dabei geht es zum Teil um immense Mengen. In einem der entdeckten Fälle muss eine Mindestmenge von 1100 Ketten einer bestimmten Stihl-Kettensäge bestellt werden; zudem wurde dort eine Produktionskapazität von bis zu 60.000 Stück pro Monat angegeben. „Zu jedem der 18.000 Falle gehört ein solcher Angebotslink“, sagt Sentryc-Chefin Hofman. „Die Zahl der Fälschungen, die so mutmaßlich vertrieben werden, würde sich also entsprechend potenzieren.“

Auf den Plätzen folgen der Leuchtmittelhersteller Osram mit mehr als 12.000 und Siemens mit mehr als 6000 potenziellen Plagiatoren, die im Internet ihre Dienste anbieten. Bei Letzterem sind vor allem die unter diesem Namen firmierenden Haushaltsgeräte, die im Original von BSH Hausgeräte stammen – einem früheren Gemeinschaftsunternehmen mit Siemens, das seit 2015 vollständig zu Bosch gehört.

Warum gerade jene drei Unternehmen an der Spitze des Plagiate-Rankings liegen, erklärt sich Nicole Hofmann mit der aktuellen Situation: So habe die Corona-Krise laut ihrer Beobachtung unter anderem dafür gesorgt, dass die Nachfrage im Haushalts- und Heimwerkersegment stark angezogen habe. „Daher sehen wir hier auch einen starken Anstieg von Plagiaten im Netz“, sagt Hofmann. „Schließlich geht es am Ende immer darum, was sich gerade gut verkaufen lässt.“

Zudem zeigt die Sentryc-Liste für die WirtschaftsWoche deutlich: „Von Produktpiraterie und Fälschungen sind nicht nur die großen Konsummarken betroffen – ganz im Gegenteil“, so Hofmann. Laut ihrer Einschätzung sei dies kein Wunder, denn auch in spezialisierten Märkten wie dem Maschinen- und Anlagenbau würden mit einem Anteil von 54 Prozent mehr als die Hälfte des weltweiten Beschaffungswesens über Online-Marktplätze abgewickelt. Laut VDMA sind daher auch sieben von zehn Industrieunternehmen Opfer von Plagiaten.

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