WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Patente auf Tiere Von Krebsmäusen und Turbolachsen

Vor 25 Jahren wurde erstmals ein Tier als Patent geschützt. Lange vor den europäischen Patentprüfern erteilten ihre Kollegen in den USA den Schutz für die Harvard-Krebsmaus. Bis heute sind Patente auf Tiere umstritten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
An der von Forschern der Harvard-Universität gezüchteten Krebsmaus sollten neue Therapiemöglichkeiten für den Menschen getestet werden. Quelle: picture-alliance

München Ratten, Insekten, Kühe, Schafe, Pferde sogar Menschenaffen - rund tausend Patente auf Tiere gibt es heute in Europa. Ähnlich sieht es in den USA und anderen Ländern aus. Der Anfang dieser umstrittenen Praxis liegt 25 Jahre zurück.

Als erstes Tier weltweit wurde am 12. April 1988 die Harvard-Krebs-Maus in den USA geschützt. Forscher der Harvard-Universität hatten der Maus menschliche Brustkrebs-Gene übertragen. An der Maus sollten neue Methoden zur Krebstherapie für den Menschen getestet werden.

Der Erfolg für die Forschung blieb gering. Doch die Entscheidung in den USA und die Patenterteilung durch das Europäische Patentamt EPA vier Jahre später (EP 0169672) ebneten den Weg für eine ganze Welle von Patentanmeldungen auf Tiere.

„Das war ein Türöffner für all die Patente, die jetzt erteilt werden“, sagt der Greenpeace-Berater Christoph Then. Heute gibt es Patente auf Tiere, Zellen oder Gene, auf menschliches Erbgut, adulte Stammzellen und Humaninsulin. „Keine Technologie ist a priori vom Patentschutz ausgenommen“, sagt EPA-Sprecher Rainer Osterwalder.

Gerade bei Versuchstieren wie der Krebsmaus argumentieren die Anmelder mit Erkenntnissen zum Wohl der Menschheit. Gegner kritisieren, dass die Lizenzgebühren die Entwicklung eher behindern. „Außerdem kann ein Anreiz entstehen, dass aus kommerziellen Gründen unnötige Tierversuche durchgeführt werden“, sagt Then.

Als ethisch unverantwortlich kritisieren Gegner besonders Patente auf Menschenaffen. Bei zwei Patenten, die auch Schimpansen umfassen, wurde DNA von Insekten, Zecken und Krabben ins Erbgut geschleust. Beim dritten Patent wurde das Immunsystem von Schimpansen „humanisiert“, um an ihnen Medikamente zu testen. Zwei Einsprüche sind eingelegt, ein dritter soll im Mai folgen.


Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt

 

Der Patentierung der Krebs-Maus folgte ein regelrechter Patentboom bei Tieren. Doch seit längerem nimmt die Zahl der Anmeldungen nicht mehr zu. „Die praktischen Erwartungen haben sich nicht erfüllt“, sagt Osterwalder. Bei den Versuchstieren, die wie die Krebsmaus mit krankmachenden Genen bestückt wurden, waren die Erfolge begrenzt. „Man hat festgestellt, dass die Zusammenhänge komplexer sind und sich oft nicht auf ein Gen reduzieren lassen.“

Das war auch das Problem bei der Harvard-Maus. Sie hatte nur ein Krebs-Gen. Mediziner gehen aber davon aus, dass es Dutzende Brustkrebsarten bei Frauen gibt, bei denen wiederum Dutzende Gene eine Rolle spielen. Auch der Verfahrensweg schreckt manchen Anmelder ab. Gegen das Krebsmaus-Patent gab es 17 Einsprüche, die Verfahren zogen sich über ein Jahrzehnt hin. Als das EPA im Juli 2004 das Patent endgültig bestätigte, war der Patentschutz schon erloschen.

Jenseits von Medikamentenversuchen haben Patente auf genveränderte Tiere kaum Bedeutung. Nur vereinzelte Anmeldungen gebe es bei der Erzeugung von Arzneimitteln, bei denen mit Hilfe von genveränderten Tieren Wirkstoffe gewonnen werden, häufig aus Milch. „Da gibt nur sehr wenige Anmeldungen“, sagt Osterwalder. Auch bei Nutztieren ist das Interesse ist gering. „Es ist kein ausreichender Markt da.“ Kaum jemand wolle gentechnisch veränderte Lebensmittel.

Einzelbeispiele sind ein schnell wachsender „Turbolachs“. Oder eine Anmeldung in den 1990er Jahren auf „stressresistente Schweine“, die beim Gang zum Schlachthof keine Panik bekommen - auf dass die Fleischqualität nicht leide. Derzeit wird um ein Patent auf eine Kuh gestritten, die mehr Milch geben soll.

Selbst wenn es erteilt würde, wäre unklar, ob solche Kühe je auf die Weide kämen - und ihre Milch in den Handel kommen dürfte. Für die Zulassung ist die Europäische Kommission zuständig. Angesichts der Ablehnung von Gentechnik liegen die Hürden für die Nutzung hoch. In Deutschland darf nicht einmal der Futtermais Mon810 angebaut werden, der in der EU zugelassen ist.


Die Debatte geht weiter

Auch Patente auf gentechnisch nicht veränderte Tiere und Pflanzen sind umstritten. Umweltverbände, Tierschützer, Züchter und Bauern warnen vor einem Monopol und steigender Marktmacht großer Konzerne. Bauern gerieten in Abhängigkeit, mittelständische Züchter würden vom Markt gedrängt, Patentgebühren könnten Lebensmittelpreise in der Dritten Welt hochtreiben, heißt es.

Die Debatte um die Grenzen der Patentierbarkeit von Leben geht weiter. 2012 brachte ein parteiübergreifendes Bündnis eine Resolution gegen Patente auf traditionell gezüchtete Tiere und Pflanzen ins Europäische Parlament ein. Bewegt hat sich seitdem nicht viel. Und gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere wie die Krebsmaus blieben weiter patentierbar.

In den USA wird inzwischen über Patentschutz für menschliches Erbgut gestritten: Der Supreme Court muss sich mit einem Patent auf ein Gen für erblichen Brustkrebs beschäftigen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%