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Professor Martin Krönke „Es geht nicht um eine Mutation, sondern um 17 verschiedene“

Vor allem in Großbritannien und Südafrika hat sich eine Coronavirus-Mutation sehr schnell verbreitet. Die Variante VUI2020/12/01 soll deutlich ansteckender sein. Quelle: imago images

Verbreitet sich die neue Corona-Mutation aus Großbritannien tatsächlich so stark wie behauptet? Für den Kölner Mediziner Martin Krönke ist das noch nicht erwiesen. Entwarnung will er trotzdem nicht geben.

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Wirtschaftswoche: Herr Professor Krönke, wie gefährlich ist die neue Mutation des Coronavirus? Die britische Regierung spricht davon, die neue Variante sei um 70 Prozent ansteckender.
Diese Zahl ist durch nichts belegt, es liegen noch überhaupt keine belastbaren Daten vor. Tatsächlich handelt es sich auch nicht um eine Mutation, sondern um 17 verschiedene.

Klingt dramatisch…
Dass Viren mutieren, ist aber völlig normal. Vor einigen Wochen wurde bereits eine SARS-CoV-2 Mutation beschrieben, die D614G-Mutation, welche sich im Tierversuch mit Hamstern doppelt so schnell in Nase und Rachen vermehren und ausbreiten konnte. Es zeigte sich dann aber, dass die Mutation keine Auswirkungen auf die schützende Wirkung von neutralisierenden Antikörpern hatte. Die Wirksamkeit der aktuellen Impfung wird dadurch offenbar nicht eingeschränkt werden.

Sind Sie für die neuen Mutationen, die bereits in Großbritannien und einigen anderen Ländern nachgewiesen wurden, auch so optimistisch
Dass die neue Variante die Wirksamkeit der Impfstoffe nicht beeinträchtigt, ist zwar eine berechtigte Annahme. Sie muss aber erst noch bewiesen werden. Wir wissen da einfach noch zu wenig.

Professor Martin Krönke ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene an der Uniklinik Köln. Quelle: PR

Wann gibt es da Klarheit?
Wenn Geimpfte möglicherweise doch an Corona erkranken, müsste man die mutierte Form des Virus durch Spezialuntersuchungen vermehrt diagnostizieren. Bis belastbare Ergebnisse vorliegen, wird es aufgrund der geringen Anzahl an Infektionen von Geimpften jedoch einige Monate dauern.

Was bedeutet das für die Hersteller Biontech und Moderna?
Erstmal abwarten und hoffen. Eine generelle Schwäche liegt sicher darin, dass die neuen Impfstoffe nur auf ein einziges Virusprotein, das Spike Protein ausgerichtet sind. Jede Mutation in diesem Spike Protein kann prinzipiell zu einer abgeschwächten Wirkung der Impfung führen. Bei anderen Viren, etwa Grippe, ist die Immunität breiter aufgestellt, umfasst mehrere Zielproteine und über neutralisierende Antikörper hinaus auch immunologische Gedächtniszellen. Die Influenza-Impfung ist daher vergleichsweise weniger anfällig gegen einzelne Mutationen, wird aber trotzdem immer wieder an die jeweiligen Ausbruchsstämmen angepasst.   

Könnten Biontech und Moderna denn noch nachjustieren?
Ja, wenn das nötig werden sollte, könnten sie ihren Impfstoff innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten entsprechend anpassen. Dieses Potenzial der schnellen Anpassung ist sicher einer der großen Vorteile der neuen mRNA Impfstoffe. Der angepasste Impfstoff muss dann allerdings neu zugelassen werden.

Ist die neue Mutation denn überhaupt gefährlicher?
Darüber kann zur Zeit nur spekuliert werden. Die Mutationen am Spike-Protein könnten dazu führen, dass sich die Viren besser an die Zellen heften und in diesen stärker vermehren können. Damit würde die Ansteckungsgefahr steigen. Die Mutationen können aber auch andere Eigenschaften von SARS-CoV-2 beeinflussen. Wir wissen schlicht noch nicht, wie sich die Mutationen auf das Virus auswirken.

Glauben Sie, dass die neuen Mutationen Deutschland bereits erreicht haben?
Mit einiger Sicherheit. Die Mutante ist bereits in Dänemark und in den Niederlanden nachgewiesen worden. Warum sollten wir also verschont geblieben sein? Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, warum die Zahl der Neuinfizierten pro Tag in kurzer  Zeit so schnell gestiegen ist – von etwa 20 000 auf nun häufig über 30.000. Aber das ist reine Spekulation. Tatsache ist, dass die 7-Tage Inzidenz in Deutschland gestiegen ist. Leider unterschätzen viele immer noch, wie stark das Ansteckungsrisiko mit dem zunehmenden Grad der Durchseuchung steigt.

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Was heißt das mit Blick auf die bevorstehenden Weihnachtstage?
Dass da jede und jeder noch mal in sich gehen sollte, mit wie vielen Personen sie oder er feiert. Ich habe das mal durchgerechnet: Danach liegt bei zehn Personen und einem 7 Tage-Inzidenzwert von 200 pro 100.000 Einwohner das statistische Risiko, auf eine infizierte Person zu treffen, immerhin bei zwei Prozent. Bei mehr Personen und höheren Inzidenzwerten liegt die Zahl entsprechend höher.

Mehr zum Thema:  Impfstoffe gegen das Coronavirus verheißen die Rückkehr zur Normalität. Doch bei aller berechtigten Hoffnung: Der Weg ist noch lang.


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