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Quantified Self IT-Unternehmen entdecken Gesundheitsbranche

Immer mehr Körper-Daten lassen sich heutzutage messen und auswerten. Dadurch bekommen Ärzte ein besseres Bild von der Gesundheit ihrer Patienten. Und Unternehmen wie IBM wittern ein neues Geschäftsfeld.

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IT-Unternehmen wie IBM wollen mit ihren Software-Lösungen das Gesundheitssystem revolutionieren. Quelle: Presse

Am Rande der irischen Hauptstadt Dublin besitzt der IT-Riese IBM auf einer riesigen Grünfläche ein Forschungslabor, in dem an der Zukunft des Gesundheitswesens gebastelt wird. Die Wunderwaffe, mit der man hier für ein effizienteres, kostengünstigeres Gesundheitssystem mit fitteren Bürgern sorgen will, heißt Big Data. Mit riesigen Datenströmen aus unterschiedlichen Quellen wollen die Forscher bisher unbekannte Zusammenhänge aufdecken, die sich auf das Wohlbefinden der Bürger auswirken, bisher allerdings unentdeckt blieben.

Mit Daten gegen Stau und Krebs
Big Data gegen den Stau: Forscher arbeiten an Systemen, die Verkehrsdaten in Echtzeit auswerten. Ziel ist es, dank intelligenter Steuerung das tägliche Stop and Go auf den Autobahnen zu vermeiden. Die Informationen liefern Sensoren in den Autos und am Straßenrand. Ein Pilotprojekt läuft derzeit beispielsweise in der Rhein-Main-Region, allerdings nur mit rund 120 Autos. Langfristig ist sogar das vollautomatische Autofahren denkbar – der Computer übernimmt das Steuer. Quelle: dpa
Es waren nicht nur gute Wünsche, die US-Präsident Barack Obama zur Wiederwahl verholfen haben: Das Wahlkampf-Team des Demokraten wertete Informationen über die Wähler aus, um gerade Unentschlossene zu überzeugen. Dabei griffen die Helfer auch auf Soziale Netzwerke zurück. Quelle: dpa
Was sagen die Facebook-Freunde über die Bonität eines Nutzers aus? Das wollten die Auskunftei Schufa und das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam im Sommer 2012 erforschen. Doch nach massiver Kritik beendeten sie ihr Projekt rasch wieder. Dabei wollten die beiden Organisationen lediglich auf öffentlich verfügbare Daten zugreifen. „Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden“, warnte etwa Verbraucherministerin Ilse Aigner ( CSU). Auch andere sind mit Big-Data-Projekten gescheitert. Quelle: dapd
Bewegungsdaten sind für die Werbewirtschaft Gold wert. Der Mobilfunk-Anbieter O2 wollte sie deswegen vermarkten und sich damit neue Einnahmequellen erschließen. Dafür gründete er Anfang Oktober die Tochtergesellschaft Telefónica Dynamic Insights. In Deutschland muss die Telefónica-Tochter allerdings auf dieses Geschäft verzichten: Der Handel mit über Handys gewonnenen Standortdaten sei grundsätzlich verboten, teilte die Bundesregierung mit. Quelle: AP
Welches Medikament wirkt am besten? Die Auswertung großer Datenmengen soll dabei helfen, für jeden Patienten eine individuelle Therapie zu entwickeln. So könnten die Mediziner eines Tages die Beschaffenheit von Tumoren genau analysieren und die Behandlung genau darauf zuschneiden. Quelle: dpa
Damit die Energiewende gelingt, müssen die Stromnetze intelligenter werden. Big-Data-Technologien können helfen, das stark schwankende Stromangebot von Windrädern und Solaranlagen zu managen. Quelle: dpa
Welche Geschenke interessieren welchen Kunden? Und welchen Preis würde er dafür zahlen? Der US-Einzelhändler Sears wertet große Datenmengen aus, um maßgeschneiderte Angebote samt individuell festgelegter Preise zu machen. Dabei fließen Informationen über registrierte Kunden ebenso ein wie die Preise von Konkurrenten und die Verfügbarkeit von Produkten. Die Berechnungen erledigt ein Big-Data-System auf der Grundlage von Hadoop-Technik, an dem der Konzern drei Jahre gearbeitet hat. Quelle: dapd

Steigende Kosten, eine alternde Gesellschaft und Ärztemangel führen dazu, dass überall auf der Welt im Gesundheitssystem immer mehr gespart wird. Besonders in der Pflege steigt der Verwaltungsaufwand an, Zeit für den Patienten wird kostbar. Hier wollen IT-Unternehmen wie IBM mit ihren Softwarelösungen ansetzen. Das Gesundheitswesen wird durch Computerpower verschlankt und effizienter gemacht. Ärzte und Pflegepersonal haben mehr Zeit für ihre Patienten, Krankenkassen können besser ihre Kosten kalkulieren und arbeiten schneller, so die Vision. Deren Ziel: Fittere Menschen, die seltener krank sind und länger leben.

Die Daten, mit deren Hilfe das Gesundheitssystem revolutioniert werden soll, stammen aus unterschiedlichen Quellen. Zum einen speichern Institutionen wie Krankenhäuser, Ärzte und Krankenkassen anonymisieren die Daten ihrer Patienten. Außerdem entwickeln IT-Konzerne wie IBM selbst Sensoren, die das Verhalten von Patienten analysieren sollen. Daneben erstellen viele Menschen im Privaten Statistiken über ihre Gesundheit. Smartphones mit Bewegungsapps oder Computerprogramme machen es möglich. Wer es klassisch will, greift zu Stift und Block und notiert sich beispielsweise die Entwicklung des eigenen Gewichts. Es gibt sogar eine eigene Bewegung, die sich die Selbstvermessung und deren Optimierung zur Aufgabe gemacht hat. Doch zu dieser sogenannten Quantified-Self-Bewegung später mehr.

Wie helfen also Daten die Gesundheit zu verbessern?

Ein Beispiel, wie IBM das Gesundheitswesen mit Datenanalysen revolutionieren will, findet sich im Bereich der Blutwäsche (Dialyse) für Menschen mit Nierenversagen. Gemeinsam mit einem Unternehmen aus der Pharmabranche, das hier nicht genannt werden möchte, erforscht IBM derzeit, wie Dialysepatienten seltener eine Spenderniere brauchen. Dazu werden unterschiedliche Eigenschaften, wie Größe oder Gewicht der Patienten untersucht. "Das Ziel ist es, irgendwann die Faktoren zu kennen, die dazu führen dass keine Spenderniere gebraucht wird und den Patienten dementsprechend geholfen werden kann", erklärt Manuela Müller-Gerndt, Leiterin der Gesundheitssparte bei IBM Deutschland.

"Smarter Care"

Spannende Entdeckungen
Higgs-Boson entdecktAuch wenn Physiker den Begriff "Gottesteilchen" nicht gerne hören, das Elementarteilchen Higgs-Boson ist von derart fundamentaler Bedeutung für die Physik, dass sich der Spitzname letztlich durchgesetzt hat. Der Nachweis dieses lange vorhergesagten Grundbausteins im Standardmodell der Teilchenphysik gelang Wissenschaftlern des europäischen Kernforschungszentrums CERN. Die Redaktion von "Science" sieht in dieser Entdeckung den wichtigsten Forschungsdurchbruch des Jahres 2012 - auch wenn die beteiligten Forscher noch nicht hundertprozentig sicher sind, dass ihr Fund tatsächlich das lang gesuchte Gottesteilchen ist. Mehr zur Entdeckung des Higgs-Bosons finden Sie hier. Quelle: dpa
Genom des Denisova-Menschen entschlüsseltViel ist es nicht, was Wissenschaftler bislang vom Denisova-Menschen gefunden haben, der nach dieser Höhle in Sibirien benannt wurde: Ein Stück Finger, ein Stück Zeh, ein Backenzahn - mehr ist von dieser vor 40.000 Jahren lebenden Urmenschen-Spezies bislang nicht entdeckt worden. Immerhin genug Material, um Forschern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine umfassende Erbgutanalyse zu ermöglichen. Sie belegt, dass sich die Entwicklungslinien von Denisova- und modernem Menschen vor spätestens 780.000 Jahren getrennt haben müssen - viel früher als etwa beim Neandertaler, dessen Entwicklungslinie sich spätestens vor 320.000 Jahren von der unseren abspaltete. Mehr zum Denisova-Menschen finden Sie hier. Quelle: Presse
Fruchtbare Eizellen aus Stammzellen gewonnenDieser Schnappschuss einer Maus mit Nachwuchs markiert ein weiteres Forschungs-Highlight 2012. Japanischen Wissenschaftlern ist es gelungen, bestimmte Gene in Mäuse-Stammzellen so zu aktivieren, dass sie sich zu Vorstufen von Eizellen verwandelten. Mäuse, denen diese künstlichen Geschlechtszellen eingepflanzt wurden, brachten gesunden Nachwuchs zur Welt. Mehr zu dieser Entdeckung finden Sie hier. Quelle: dpa
Der "Himmelskran" des Marsrovers CuriosityDank der gut geölten PR-Maschine der US-Weltraumbehörde Nasa ist die Mission des Marsrovers Curiosity weit über die Grenzen der Wissenschaft hinaus bekannt geworden. Auch den "Science"-Redakteuren war die erfolgreiche Landung auf dem Roten Planeten eine Auszeichnung wert: Sie kürten Curiositys Landeshilfe, den "SkyCrane" zu einem Forschungs-Highlight 2012. An den Seilen dieses Himmelskrans wurde Curiosity in der letzten Phase der Landung langsam auf den Marsboden niedergelassen. Die aufwendige Technik war nötig, weil der Rover zu schwer gewesen wäre, um einen Aufprall mit dem sonst üblichen Schutz durch Airbags heil zu überstehen. Mehr über die Mission Curiosity finden Sie hier. Quelle: dpa
Röntgenlaser liefert Waffe gegen die Schlafkrankheit60 Millionen Menschen sind - vor allem im südlichen Afrika - von der gefährlichen Schlafkrankheit bedroht. Ein Protein des Erregers Trypanosoma brucei könnte als Waffe zu einer erfolgreichen Bekämpfung der Krankheit dienen. Doch dazu musste zunächst die molekulare Struktur des Proteins mit hoher Genauigkeit entschlüsselt werden. Mit dem stärksten Röntgenlaser der Welt am US-Forschungszentrum SLAC in Kalifornien ist deutschen Forschern dies gelungen. Quelle: Presse
Gene leichter abschaltenUm zu untersuchen, wie unser Erbgut funktioniert, nutzen Wissenschaftler Techniken, mit denen sich einzelne Gene gezielt abschalten lassen. Ein neues und deutlich einfacheres Verfahren für diesen "Gen-Knockout" haben Bonner Forscher entwickelt. TALENS (Transcription activator-like effector nucleases) heißt die Technik, die von der Science-Redaktion als ein Forschungs-Highlight 2012 gewürdigt wurde. Quelle: Presse
Majorana-Fermion nachgewiesenNein, mit der bekannten Gewürzpflanze hat das Majorana-Fermion nichts zu tun. Seinen Namen verdankt dieses Elementarteilchen dem italienischen Physiker Ettore Majorana (1906-1938), der seine Existenz schon 1937 voraussagte. Doch erst 2012 veröffentlichten niederländische Wissenschaftler eine Untersuchung, welche die Existenz des Majorana-Fermions - dem eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Quantencomputern zukommen könnte - definitiv bestätigte. Quelle: Presse

Ein anderes Projekt von IBM findet sich in Bozen in Südtirol. Hier werden nach Angaben der Stadtverwaltung 76 Millionen Euro jährlich in das Sozialwesen gesteckt. 42 Prozent dieser Ausgaben werden für den älteren Teil der Bevölkerung über sechzig Jahre benötigt. Um die Kosten zu senken und gleichzeitig die Effizienz zu steigern, hat IBM in Bozen die Wohnungen und Häuser älterer Bürger mit kleinen Messeinheiten vernetzt: Ein Sensor von der Größe einer Zigarettenschachtel misst, wann die Person die Wohnung betritt oder verlässt, andere Kontrolleinheiten kontrollieren, wann die Person zu Bett geht oder wann sie sich in der Küche aufhält.

Dieses "Smart Home", wie es IBM nennt, soll zwei Zwecke erfüllen. "Dadurch können wir messen, wie der Lifestyle, das Verhalten der Menschen im Alltag, sich auf deren Gesundheit auswirkt", erklärt Karen Parrish. Die US-Amerikanerin ist bei IBM International zuständig für den Bereich Gesundheit. Außerdem hat die Vernetzung des Hauses noch einen direkteren Nutzen: "Wenn die Sensoren messen, dass sich etwas ungewöhnliches im Tagesablauf abspielt, die Person beispielsweise nicht wie sonst abends in der Küche kocht, kann das System Alarm auslösen." Erkennt das System, dass die Person die Wohnung nicht verlassen hat, sich aber auch nicht in der Wohnung bewegt, wird ein Alarm an Angehörige oder den Rettungsdienst gesendet werden.

Mensch 2.0 - Welche Techniken und Implantate uns besser leben lassen

Ist das damit nur eine Art umfangreicherer Hausnotruf, wie man ihn von dem Roten Kreuz oder den Maltesern schon seit vielen Jahren kennt?

"Nein", winkt Parrish ab. Bei Smarter Care, wie das Gesamtkonzept zum Gesundheitswesen bei IBM heißt, gehe vielmehr darum, die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen umfassender zu betrachten. Umfassender als es bisher der Fall ist, so IBM. Während heute der Arzt Patienten meist nur durch Krankenakte und ein kurzes Gespräch kennt, soll es mit Smarter Care möglich sein, das ganze Leben eines Patienten auf Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen, zu durchsuchen. Das System analysiert dabei drei Bereiche: Den klinischen, also sozusagen die Krankenakte der Person, den soziale und die Komponente des Lifestyles. Raucht die Person oder trinkt sie gerne Wein? Hat sie ein intaktes soziales Umfeld oder lebt sie alleine und zurückgezogen? Das sind Bereiche, die die Gesundheit beeinflussen können. Jedoch können sie nicht von jedem, der mit dem Patienten in Kontakt steht, beobachtet werden. Pfleger, Angehörige oder Ärzte wissen oftmals nur wenig von ihren Patienten. Rückschlüsse auf die Gründe für die Beschwerden zu ziehen fällt dementsprechend schwer.

"So werden Personen im Krankenhaus wegen körperlicher Beschwerden behandelt, der Grund für die Beschwerden liegt allerdings im sozialen Umfeld, weil die Personen einsam und deswegen depressiv sind", nennt Parrish ein Beispiel.

Ein vernetztes Gesundheitswesen

Deutsche Firmen investieren am meisten in Forschung
Ein Schild mit dem Infineon-Logo Quelle: dpa
Merck Quelle: AP
 In einer Spritzkabine werden die Pflanzen auf rotierenden Tellern durch die Anlage transportiert und mit Wirkstoff besprüht. Quelle: obs
Fahnen mit dem Continental-Logo Quelle: dapd
Das Logo des Softwareherstellers SAP Quelle: dapd
Eine Mitarbeiterin der Bayer Bitterfeld GmbH posiert in Bitterfeld mit einer Aspirintablette des Unternehmens in der Hand Quelle: dapd
Ein Arbeiter montiert im BMW-Werk in Muenchen das BMW-Logo auf eine Motorhaube einer 3er BMW-Karosserie Quelle: dapd

Die zunehmende Alterung der deutschen Gesellschaft bringt jedoch nicht nur den amerikanischen IT-Giganten IBM dazu, über neue Lösungen im Gesundheits-und Pflegewesen nachzudenken. Auch ein Weltunternehmen mit Sitz im rheinischen Bonn hat den Bereich als neues Geschäftsfeld erkoren. Bei der deutschen Telekom will man mittels Vernetzung dafür sorgen, dass auch bei weniger Personal für mehr Pflegebedürftige die Versorgung stimmt. Unter dem Slogan "Deutsche-Telekom – Der Partner für ein vernetztes Gesundheitswesen" bietet der Telekommunikationskonzern unterschiedliche Lösungen für Kliniken, Ärzte, Patienten und Krankenkassen an. Hier geht es im Gegensatz zu IBM weniger um die Datenanalyse als um eine Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Bereichen im Gesundheitswesen. Bei IBM versucht man hauptsächlich, aus riesigen Datensätzen Muster und Strukturen zu erkennen, die entscheidend für die Gesundheit sein könnten. Bei der Telekom hingegen geht es vor allem um Vernetzung.

Mittels spezieller Hard- und Software soll es einfacher sein, Ärzte unterschiedlicher Bereiche und mit Sitz an unterschiedlichen Orten digital zusammenzubringen. So lässt sich schneller und unkomplizierter über die Behandlung von Patienten diskutieren und Fachwissen austauschen. Das Ergebnis: Kürzere Behandlungszeiten und Vermeidung von Doppeluntersuchungen, so die Telekom.

Die Produkte der Telekom fungieren sozusagen als zentrale Plattform auf der sich Pfleger, Ärzte und Patienten unterhalten können. Dank dieses zentralen Austauschs stehen mehr Informationen für alle Beteiligten zur Verfügung. Ärzte können sich besser organisieren und der Patient weiß, welche Behandlungsmaßnahmen ihm offen stehen.

Es sind jedoch nicht nur Lösungen für den professionellen Einsatz in Krankenhaus und Ärztepraxis, die von der Telekom angeboten werden. Ebenfalls im Sortiment findet man den Fitnesstracker FitBit. Das Gerät, wurde vom gleichnamigen Unternehmen entwickelt und sorgt dafür,  dass man am Tagesende eine Bilanz über seine eigene Fitness auf dem Computerbildschirm abrufen kann. Wie viel habe ich mich bewegt, wie lang waren meine Pausen? Das alles beantwortet der Kasten von der Größe einer Streichholzschachtel. Damit kann man bei der Telekom sozusagen einen kleinen Gesundheitschecker für den Hausgebrauch ordern.

Ähnliche Produkte gibt es auch in Armbandform. Das FuelBand des Sportartikelherstellers Nike oder das JawBone Up sind mit Lagesensoren ausgestattet, analysieren die Aktivität sind und schicken die Daten an das eigene Smartphone.

Die Geräte sind nicht unbedingt für Menschen gedacht, die sich in ärztlicher Behandlung befinden, es geht vielmehr darum durch Aufzeichnung und Kontroller der Aktivität einen besseren Überblick über die eigene Fitness zu haben. Solch kleine Helfer steigern die Motivation, wie auch eine Untersuchung der Stanford-University zeigt: Wer seine Aktivitäten aufzeichnet, macht rund 30 Prozent mehr Sport als Menschen, die keinerlei Buch über Joggen, Schwimmen und Co. führen. Außerdem zeigt die Studie, dass Personen deutlich leichter und schneller abnehmen wenn sie ihre Aktivitäten kontrollieren. Die Datenanalyse ist also nicht nur ein Instrument zur Verbesserung des Gesundheitssystems, auch im privaten Bereich ist sie mittlerweile angekommen.

Quantify yourself

Was Smartphones alles messen können
KalorienEin paar Pfunde verlieren oder den Cholesterinspiegel in den Griff bekommen - wer wirklich gesund leben will, muss sich gut ernähren. MyFitnessPal (iOS, Android, Blackberry, Windows Phone)MyFitnessPal ist nicht nur eine App sondern eine ganze Community, die sich rund um das Thema Abnehmen dreht. Hier kann man sich ein Profil erstellen und darin abspeichern, was, wann wo gegessen wurde. Der Vorteil an der Gruppe: Der User kann sich mit anderen vergleichen und wird so extra angespornt. In die App integriert ist auch ein Sport-Tool, dass einem je nach Länge der Aktivität anzeigt, wie viele Kalorien man wieder verbaucht hat. Kaloriencheck (iOS)Die App zeigt mit einem Mouse-Klick an, wie viele Kalorien in dem Essen stecken. FoodNavi (iOS)FoodNavi hilft dabei den Überblick über die eigenen Ernährung zu behalten und zeigt in Diagrammen an, wie viele Milchprodukte, wie viel Obst und wie viele Kohlenhydrate der User schon zu sich genommen hat. Quelle: REUTERS
Blutdruck und PulsWenn der Blutdruck Achterbahn fährt, gilt es Ruhe bewahren und vor allem den eigenen Körper genau im Auge behalten. Dabei helfen etliche Tools. Blutdruck Daten (iOS, Android)Der digitale Blutdruck-Pass erfasst alle Blutwerte, die mit einem extra Gerät gemessen werden müssen. Das Tool ist kostenlos. Blutdruck+Puls Grapher (iOS und Android)Ganz ähnlich funktioniert der Grapher. Hier können nicht nur die Blutdruckwerte, sondern auch die Ernährung des Tages sowie die jeweiligen Tagesaktivitäten eingetragen werden. Zum Beispiel "Fußball auf dem Sofa mit einer Tüte Chips". Ithlete (iOS, Android)Der Brustgurt Ithlete misst den Puls beim Sport machen: Ganz gleich ob beim Laufen, Radfahren oder Schwimmen. Die Ergebnisse der Messung werden direkt auf die App überspielt. Quelle: dpa
SchrittzählerWer den ganzen Tag im Büro sitzt, kennt das Problem: Man bewegt sich viel zu wenig. Wie schlimm es um einen wirklich bestellt ist, zeigen Schrittzähler an. Diese dokumentieren wie viele Schritte der einzelne pro Tag absolviert. Pedometer (iOS und Android)Von Runtastic stammt der Pedometer. Die App nutzt den Beschleunigungssensor des Smartphones, um die Anzahl der Schritte zu ermitteln. Die Distanz und die Zeit der Aktivität werden am Ende übersichtlich angezeigt. Das Smartphone kann überall am Körper getragen werden. Ultimate (iOS)Apple-User können auch Ultimate nutzen. Der Schrittzähler misst die Bewegung via GPS. Quelle: dpa
JoggenWie die Schrittzähler funktionieren auch andere Tools für das Laufen - vom leichten Joggen bis zum Marathontraining. Hinter den beiden Apps steht jeweils eine Community mit Personen, die sich zum Thema austauschen und auch gegenseitig anfeuern. Runtastic (iOS, Android, Blackberry, Windows Phone, Bada)Eine der beliebtesten Trainings-Apps ist Runtastic. Via GPS wird der Verlauf der Jogging-, Fahrrad- oder Skaterstrecke gespeichert und innerhalb der Plattform hochgeladen. Wer möchte, kann nach dem Lauf auch sein Ergebnis bei Facebook oder Twitter hochladen. Außerdem bietet das Tool die Möglichkeit gegen die eigenen Leistung oder die anderer anzutreten. Auch einfache Gymnastik-Trainings oder Yoga-Übungen lassen sich manuell hinterlegen. Runkeeper (iOS und Android)Ganz ähnlich funktioniert Runkeeper. 17 Millionen Menschen nutzen nach Anbieter-Angaben die App weltweit. Quelle: dpa
SchlafSo verrückt es klingt, immer mehr Menschen verfolgen ihren Schlaf genau. Wie oft wird man wach? Wie viele Stunden Schlaf bekomme ich in der Woche. Sleep101 (iOS)Die App des Anbieters Zeo verfolgt genau wie lange und wie gut ein User schläft. Ein integrierter Wecker weckt genau in dem Moment, in dem eine Tiefschlafphase vorbei ist. ElectricSleep (Android)Eine Alternative für Android-Nutzer ist die App ElectricSleep, die ebenfalls von Zeo auf den Markt gebracht wurde. Quelle: dpa
StimmungEinfach mal messen, wie es einem so geht. Auf dem Markt gibt es zig Tools, die einem dabei helfen. Eine Empfehlung: Mood Panda (iOS und Android)Ein kleiner Panda ist der Begleiter durch den Tag. In der ansprechend gestalteten App können Stimmungsschwankungen genau festgehalten und visualisiert werden. Einzelne Ereignisse lassen sich auch auf Twitter oder Facebook verbreiten. Quelle: dpa
ZeitWie gerne würde man einmal die Zeit zurückdrehen können - viel zu schnell scheint sie an manch Tagen zu vergehen. Dabei müsste man sich viel häufiger die Frage stellen, was man eigentlich den ganzen Tag tut, was einem so sehr die Zeit raubt. Dabei hilft der: Rescue Time (Android)Wie lange habe ich E-Mails gelesen, wie lange im Internet gesurft und wie lange telefoniert. Den eigenen Tagesablauf genau zu messen, kann sinnvoll sein. So lässt sich ganz einfach herausfinden, an welchen Stellen des Tages Zeit vergeudet wurde. Das tolle daran: Das Programm läuft im Hintergrund des Smartphones und speichert so alle Verhaltensweisen. Quelle: dpa

Denn solch eine Selbstkontrolle scheint Motivation und Effizienz zu erhöhen. Wieso dann aber nur den Sport mittels Datenaufzeichnung verbessern, wenn es noch viel mehr Lebensbereiche gibt, die dadurch optimiert werden könnten?  Das dachten sich auch die beiden Wired-Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly und gründeten 2007 die schon erwähnte Quantified Self (QS) Bewegung.

Bei Quantified Self, zu deutsch in etwa "sich selbst vermessen", geht es um die Aufzeichnung des eigenen Lebens. Anschließend wird versucht, diese Daten in Zahlen auszudrücken um sie vergleichbarer zu machen.

Und was ist der Zweck dieser Datensammlerei? "Erkenntnisgewinns und der Verhaltensänderung", heißt es von der Deutschen Quantified Self-Bewegung, die 2012 gegründet wurde. Florian Schuhmacher, der die Bewegung in Deutschland initiiert hat bringt es in einem Interview auf der Web-Konferenz Re:publica auf den Punkt: "Ich lerne gewisse Bereiche meines Lebens besser kennen und finde heraus, wie ich dort besser werden kann."

Der Austausch findet dabei nicht nur per Internet statt, auf sogenannten "Meetups" treffen sich die Anhänger und diskutieren ihre Verfahren der Selbstvermessung, präsentieren aber auch ihre persönlichen Erfolge, die sie durch die Umwandlung des eigenen Lebens in Zahlenstränge erreicht haben. Aber bringt das Ganze wirklich etwas? Der deutsche QS-Pionier Schumacher ist überzeugt davon wie er gegenüber der Wirtschaftswoche Online erklärt: "Zum Beispiel hat eine Anwenderin im Selbstversuch den Zusammenhang zwischen ihrer Hauterkrankung und dem Konsum von Milchprodukten identifiziert und durch Anpassung ihrer Diät eine Heilung erzielt." Eine Entdeckung, die auch für Ärzte und Pfleger von Interesse sein dürfte. Quantified Self kann also funktionieren, erfordert jedoch auch eine gewisse Passion, da die Vermessung oftmals viel Zeit in Anspruch nehmen kann, wie auch WiWo Online Chefredakteurin Franziska Bluhm jüngst im Selbstversuch erkannte. Denn schon das Eintippen von Nährwerten und Inhaltsstoffen einfacher Gerichte kann einige Minuten Zeit in Anspruch nehmen.  Will man komplexere Dinge, wie die eigene Präsentation in Zahlen ausdruckt wird es noch aufwendiger. Wie drücke ich den Erfolg meines Vortrags in Zahlen aus? Anhand der Dauer des anschließenden Applaus? Durch die Anzahl der Rückfragen? Das Beispiel zeigt: Selbstvermessung ist oftmals schwerer und umfangreicher als nur das Smartphone die Distanz beim Joggen messen zu lassen.

Doch nicht nur Teilnehmer der QS-Bewegung zeichnen Teile ihres Lebens auf. Wie eine aktuelle Studie des Pew Research Center’s Internet & American Life Project in den USA jüngst herausfand, zeichnen rund 70 Prozent der Amerikaner Gesundheitsindikatoren wie Bewegung, Gewicht oder Ernährung auf. Auch wenn viele der Befragten dabei angaben, sozusagen „im Kopf“ die Entwicklung dieser Parameter aufzuzeichnen, erklärten mehr als die Hälfte, dass sie dieses "Tracking" mit Stift und Papier oder ihrem Smartphone verfolgen.

Gesundheitssystem 2.0

Zehn zufällige Erfindungen
LSD-Tabletten auf einer Hand Quelle: dpa
Mann legt Auflauf in die Mikrowelle Quelle: dpa
Eis am StielIn Kinderaugen das vielleicht beste Missgeschick aller Zeiten: 1905 vergisst der elfjährige US-Amerikaner Frank Epperson ein Glas Limonade mitsamt Löffel auf der Veranda. Am nächsten Morgen ist das Getränk gefroren, schmeckt aber trotzdem. 18 Jahre später lässt sich Epperson, mittlerweile Brausehersteller, die Idee patentieren. Nur kurze Zeit später legt der Amerikaner ebenfalls ein Patent vor – für gefrorenes Vanilleeis am Stiel. Quelle: dpa/dpaweb
Penizillinmoleküle von Fleming Quelle: AP
Viagra-Tabletten von Pfizer Quelle: dpa
FotografieDie Camera Obscura, der Vorläufer der Fotokamera, ist schon seit vielen Jahrhunderten bekannt. Aber nicht die Bilder, die sie erzeugt. Jacques Mandé Daguerre suchte vor über 170 Jahren nach einem Verfahren, um die flüchtigen Bilder festzuhalten. Er hatte bereits festgestellt, dass Bilder auf lange belichteten Silberplatten für eine kurze Zeit festgehalten wurden. Bei seinen Versuchen im Freien überraschte ihn ein Gewitter. Er legte eine belichtete Platte in einen Schrank in seinem Labor. Am nächsten Tag stellte er fest, dass das Bild noch zu erkennen war, weil zufälligerweise Quecksilberkügelchen in dem Schrank waren. Das Mittel zur Fixierung war gefunden. Die Daguerrotypie war das erste praktikable Fotografie-Verfahren. Quelle: GNU
Mann giesst Porzellan Quelle: dpa

Die private Kontrolle der Aktivitäten ist damit auch eine Möglichkeit, die eigene Gesundheit besser zu verstehen. Die Selbstvermessung - Von einigen als Wunderwaffe für das optimierte Leben entdeckt, von Unternehmen als Geschäftsidee für eine sich wandelnde Gesellschaft gesehen. Dank Rechenpower könnte so schon bald das Gesundheitswesen wesentlich günstiger und effizienter werden.

Aber was haben IBM und Co überhaupt davon, wenn sie ihre Rechenpower in das Gesundheitswesen bringen? "Wir wollen damit den Mensch mehr in den Mittelpunkt rücken", erklärt Deutschlandchefin Müller-Gerndt. Klingt schön, jedoch ist man sich bei IBM auch bewusst, dass die alternde Gesellschaft nach neuen Lösungen in der Pflege verlangt. Wer da mit konkreten Plänen möglichst schnell parat steht, sichert sich wichtige Aufträge von Kommunen oder großen Institutionen, wie Krankenkassen. Außerdem: Das Feld ist neu für IT-Firmen. Die schnellsten Unternehmen dürften es da leicht haben, ihre Systeme umzusetzen und damit so etwas wie Standards zu schaffen die Einnahmen über viele Jahre generieren. Daneben sorgt das Bild eines Rentners, der dank Systemen von IBM ein leichteres Leben führen kann, für eine positive Wahrnehmung.

Forschung



Die Konzepte von IBM, Telekom und Co könnten das Gesundheitssystem in Zukunft umkrempeln. Patienten haben mehr Informationsmöglichkeiten und sind weniger von dem abhängig, was der Doktor ihnen erklärt. Ärzte und Pflegepersonal kennen ihre Patienten genauer und können sie besser versorgen. Das dürfte schlussendlich für mehr Effizienz, also einer besseren Pflege zu geringeren Kosten sorgen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Es muss viel Aufklärungsarbeit geleistet werden und die Konzepte müssen sich im klinischen Alltag beweisen.

Am wichtigsten dürfte allerdings die Frage nach der Datensicherheit sein. Denn gerade sensible Daten zur eigenen Gesundheit müssen umfangreich geschützt werden. Anderenfalls ist das "Gesundheitssystem 2.0" wegen fehlender Akzeptanz zum scheitern verurteilt.

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