Quantified Self IT-Unternehmen entdecken Gesundheitsbranche

Immer mehr Körper-Daten lassen sich heutzutage messen und auswerten. Dadurch bekommen Ärzte ein besseres Bild von der Gesundheit ihrer Patienten. Und Unternehmen wie IBM wittern ein neues Geschäftsfeld.

IT-Unternehmen wie IBM wollen mit ihren Software-Lösungen das Gesundheitssystem revolutionieren. Quelle: Presse

Am Rande der irischen Hauptstadt Dublin besitzt der IT-Riese IBM auf einer riesigen Grünfläche ein Forschungslabor, in dem an der Zukunft des Gesundheitswesens gebastelt wird. Die Wunderwaffe, mit der man hier für ein effizienteres, kostengünstigeres Gesundheitssystem mit fitteren Bürgern sorgen will, heißt Big Data. Mit riesigen Datenströmen aus unterschiedlichen Quellen wollen die Forscher bisher unbekannte Zusammenhänge aufdecken, die sich auf das Wohlbefinden der Bürger auswirken, bisher allerdings unentdeckt blieben.

Mit Daten gegen Stau und Krebs
Big Data gegen den Stau: Forscher arbeiten an Systemen, die Verkehrsdaten in Echtzeit auswerten. Ziel ist es, dank intelligenter Steuerung das tägliche Stop and Go auf den Autobahnen zu vermeiden. Die Informationen liefern Sensoren in den Autos und am Straßenrand. Ein Pilotprojekt läuft derzeit beispielsweise in der Rhein-Main-Region, allerdings nur mit rund 120 Autos. Langfristig ist sogar das vollautomatische Autofahren denkbar – der Computer übernimmt das Steuer. Quelle: dpa
Es waren nicht nur gute Wünsche, die US-Präsident Barack Obama zur Wiederwahl verholfen haben: Das Wahlkampf-Team des Demokraten wertete Informationen über die Wähler aus, um gerade Unentschlossene zu überzeugen. Dabei griffen die Helfer auch auf Soziale Netzwerke zurück. Quelle: dpa
Was sagen die Facebook-Freunde über die Bonität eines Nutzers aus? Das wollten die Auskunftei Schufa und das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam im Sommer 2012 erforschen. Doch nach massiver Kritik beendeten sie ihr Projekt rasch wieder. Dabei wollten die beiden Organisationen lediglich auf öffentlich verfügbare Daten zugreifen. „Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden“, warnte etwa Verbraucherministerin Ilse Aigner ( CSU). Auch andere sind mit Big-Data-Projekten gescheitert. Quelle: dapd
Bewegungsdaten sind für die Werbewirtschaft Gold wert. Der Mobilfunk-Anbieter O2 wollte sie deswegen vermarkten und sich damit neue Einnahmequellen erschließen. Dafür gründete er Anfang Oktober die Tochtergesellschaft Telefónica Dynamic Insights. In Deutschland muss die Telefónica-Tochter allerdings auf dieses Geschäft verzichten: Der Handel mit über Handys gewonnenen Standortdaten sei grundsätzlich verboten, teilte die Bundesregierung mit. Quelle: AP
Welches Medikament wirkt am besten? Die Auswertung großer Datenmengen soll dabei helfen, für jeden Patienten eine individuelle Therapie zu entwickeln. So könnten die Mediziner eines Tages die Beschaffenheit von Tumoren genau analysieren und die Behandlung genau darauf zuschneiden. Quelle: dpa
Damit die Energiewende gelingt, müssen die Stromnetze intelligenter werden. Big-Data-Technologien können helfen, das stark schwankende Stromangebot von Windrädern und Solaranlagen zu managen. Quelle: dpa
Welche Geschenke interessieren welchen Kunden? Und welchen Preis würde er dafür zahlen? Der US-Einzelhändler Sears wertet große Datenmengen aus, um maßgeschneiderte Angebote samt individuell festgelegter Preise zu machen. Dabei fließen Informationen über registrierte Kunden ebenso ein wie die Preise von Konkurrenten und die Verfügbarkeit von Produkten. Die Berechnungen erledigt ein Big-Data-System auf der Grundlage von Hadoop-Technik, an dem der Konzern drei Jahre gearbeitet hat. Quelle: dapd

Steigende Kosten, eine alternde Gesellschaft und Ärztemangel führen dazu, dass überall auf der Welt im Gesundheitssystem immer mehr gespart wird. Besonders in der Pflege steigt der Verwaltungsaufwand an, Zeit für den Patienten wird kostbar. Hier wollen IT-Unternehmen wie IBM mit ihren Softwarelösungen ansetzen. Das Gesundheitswesen wird durch Computerpower verschlankt und effizienter gemacht. Ärzte und Pflegepersonal haben mehr Zeit für ihre Patienten, Krankenkassen können besser ihre Kosten kalkulieren und arbeiten schneller, so die Vision. Deren Ziel: Fittere Menschen, die seltener krank sind und länger leben.

Die Daten, mit deren Hilfe das Gesundheitssystem revolutioniert werden soll, stammen aus unterschiedlichen Quellen. Zum einen speichern Institutionen wie Krankenhäuser, Ärzte und Krankenkassen anonymisieren die Daten ihrer Patienten. Außerdem entwickeln IT-Konzerne wie IBM selbst Sensoren, die das Verhalten von Patienten analysieren sollen. Daneben erstellen viele Menschen im Privaten Statistiken über ihre Gesundheit. Smartphones mit Bewegungsapps oder Computerprogramme machen es möglich. Wer es klassisch will, greift zu Stift und Block und notiert sich beispielsweise die Entwicklung des eigenen Gewichts. Es gibt sogar eine eigene Bewegung, die sich die Selbstvermessung und deren Optimierung zur Aufgabe gemacht hat. Doch zu dieser sogenannten Quantified-Self-Bewegung später mehr.

Wie helfen also Daten die Gesundheit zu verbessern?

Ein Beispiel, wie IBM das Gesundheitswesen mit Datenanalysen revolutionieren will, findet sich im Bereich der Blutwäsche (Dialyse) für Menschen mit Nierenversagen. Gemeinsam mit einem Unternehmen aus der Pharmabranche, das hier nicht genannt werden möchte, erforscht IBM derzeit, wie Dialysepatienten seltener eine Spenderniere brauchen. Dazu werden unterschiedliche Eigenschaften, wie Größe oder Gewicht der Patienten untersucht. "Das Ziel ist es, irgendwann die Faktoren zu kennen, die dazu führen dass keine Spenderniere gebraucht wird und den Patienten dementsprechend geholfen werden kann", erklärt Manuela Müller-Gerndt, Leiterin der Gesundheitssparte bei IBM Deutschland.

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