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Raumfahrt Der finale Countdown läuft

Am Mittwoch fliegt der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation. Doch die Tage des milliardenschweren Prestigeprojekts sind gezählt - denn die Raumfahrt der Zukunft hat andere Pläne.

Der Arbeitsalltag eines Astronauten
ISS Arbeitsalltag eines Astronauten Quelle: Laif
6:00 Wecken Quelle: NASA
6:15 Körperpflege Quelle: NASA
6:50 Frühstück Quelle: NASA
7:30 Teambesprechung Quelle: NASA
9:00 Experimente Quelle: NASA
13:00 Wartungsarbeiten Quelle: NASA

Es gibt wohl kaum einen spektakuläreren Arbeitsplatz als den von Alexander Gerst: gut 400 Kilometer über der Erde, 28.000 Kilometer pro Stunde schnell. Dennoch hat der deutsche Astronaut auf der Internationalen Raumstation ISS einen ziemlichen Routinejob.

An einem typischen Tag wird er Punkt 6 Uhr geweckt und muss als Erstes den Sitz zweier Sensoren auf Brust und Stirn überprüfen, die seine Körpertemperatur bestimmen. Um 6.15 Uhr steht die Morgentoilette auf dem Dienstplan, um 6.35 Uhr ein Urintest.

Besprechungen und Experimente

Es folgt das Frühstück. Anschließend Besprechungen, weitere Experimente, eine Pressekonferenz, Fitnesstraining, noch mehr Experimente, noch mehr Besprechungen. Schließlich um 21.20 Uhr muss Gerst die beiden Sensoren noch einmal checken. Zehn Minuten später heißt es: Licht aus.

166 Tage lang wird das so gehen, sofern Gerst wie geplant als dritter Deutscher zur ISS aufbricht. Der promovierte Geophysiker wird dann die Arbeit von Thomas Reiter und Hans Schlegel fortsetzen. Wie seine Vorgänger wird er Experimente zur Materialforschung und Plasmaphysik durchführen, zum Erdmagnetfeld und zur Suche nach kosmischen Teilchen. Und er wird – im Dienste der Medizin – selbst zum Versuchskaninchen.

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80 Milliarden Euro Kosten

Ob ihm ein weiterer deutscher Astronaut folgen wird, ist indes fraglich: Die Raumstation ist angezählt. Mindestens 80 Milliarden Euro haben die 14 westlichen ISS-Staaten seit Anfang der Neunzigerjahre in Planung, Aufbau und Betrieb des Außenpostens investiert.

Die Ausgaben verteilen sich zwar auf viele Jahre und viele Partner, trotzdem geraten die Anhänger der Station zunehmend in Erklärungsnot: Hoffnungen, die Industrie würde auf der ISS experimentieren, haben sich nicht erfüllt. Und der Erkenntnisfortschritt durch die Grundlagenforschung wird nur langsam sichtbar.

Vor allem die Europäer tun sich schwer, Geld für den weiteren Betrieb aufzubringen. Die Russen drohen sogar, ganz auszusteigen: Verärgert über Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise, hat der stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Rogosin vergangene Woche angekündigt, 2020 den Geldhahn zuzudrehen. Er ist einer der russischen Top-Politiker, denen die Europäische Union die Einreise verboten hat.

Symbol der Kooperation

Die Raumstation taugt damit womöglich bald nicht mehr länger als Symbol der friedlichen internationalen Kooperation. Ursprünglich ein Produkt des Kalten Krieges, ausgeheckt von US-Präsident Ronald Reagan, hat die Station im Laufe ihrer Geschichte Russen, Amerikaner, Kanadier, Japaner und Europäer zusammengeschweißt. Sogar für den Friedensnobelpreis soll sie schon im Gespräch gewesen sein. Doch das ist Geschichte.

Neue Ideen sind gefragt. Die Forschung im All muss billiger, effizienter, schneller werden. Aufblasbare Raumstationen, umgebaute Touristenflieger und winzige Forschungssatelliten könnten ihren Teil dazu beitragen.

Die zwölf Männer auf dem Mond

Hinter diesen Konzepten stecken visionäre Unternehmer, die Pioniergeist mit Pragmatismus verbinden. Etwas, was den großen staatlichen Raumfahrtagenturen zu fehlen scheint.

Alexander Gerst wird sich all diese Diskussionen nicht anmerken lassen, wenn er in seine Sojus-Kapsel klettert. Sechs Stunden soll der Flug zur ISS dauern, fast sechs Monate der Aufenthalt an Bord. Während dieser Zeit wird er mit voraussichtlich mehr als 100 Experimenten in Berührung kommen.

Hauptsächlich geht es dabei um Grundlagenforschung – getrieben von Neugier, mit offenem Ergebnis, ohne absehbaren Nutzen. Es kann dabei das nächste Wundermaterial, die nächste Wunderpille, gar der nächste Nobelpreis herausspringen. Etwa wenn die Physiker mithilfe des 8,5 Tonnen schweren Alpha-Magnet-Spektrometers herausfinden, warum nach dem Urknall die Antimaterie verschwand – wäre das nicht passiert, gäbe es uns heute nicht.

Die Forschung kann aber genauso gut im Sande verlaufen.

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