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Raumfahrt "Envisat war unser Arbeitstier"

Volker Liebig, Direktor für Erdbeobachtungsprogramme bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, über den Ausfall des größten Erdbeobachtungssatelliten im All und die Folgen für Raumfahrt, den Schiffsverkehr und die Wissenschaft.

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Volker Liebig Quelle: Pressebild

WirtschaftsWoche Online: Herr Liebig, Envisat war das Flaggschiff der Esa im All, im März feierten Sie noch das zehnjährige Jubiläum des der Umweltsatelliten. Nun herrscht plötzlich Funkstille. Was ist passiert?

Volker Liebig: Am Ostersonntag um 13:09 Uhr hat Envisat die letzten Bilder gesendet, zur Bodenstation auf den Azoren. Der nächste Kontakt war um 14:28 Uhr vorgesehen, aber da haben wir nur noch eine Trägerfrequenz empfangen, die keine Informationen mehr enthielt. Nach zehn Stunden verstummte auch dieses Signal. Seitdem ist es uns nicht gelungen, den Kontakt wieder herzustellen oder Daten zu empfangen, weder über unsere weltweit verteilten Bodenstationen, noch über den Datenrelais-Satelliten Artemis.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben amerikanische Kollegen, die den Orbit von der Erde aus beobachten, um Informationen gebeten. Anhand dieser Daten wussten wir bald, dass sich der Satellit weiter in einer stabilen Umlaufbahn bewegt. Von einem Bodenradar der Fraunhofer-Gesellschaft haben wir später hochauslösende Bilder erhalten, die uns zeigen, dass Envisat an einem Stück ist. Es gab offensichtlich also keinen größeren Einschlag von außen. Am zweiten Aprilwochenende gab es dann einen Vorbeiflug des französischen Satelliten Pléiades, der hochauslösende optische Aufnahmen gemacht hat. Wir konnten keine äußeren Schäden erkennen.

Lässt sich die Fehlerquelle denn bereits eingrenzen?

Es ist auf jeden Fall kein Treibstoffproblem. Wir haben zwei Fehlerszenarien, die aufgrund der spärlichen Informationen, die wir haben, schwer zu bestätigen sind: Entweder ist die Stromversorgung der Datenverarbeitung defekt, oder die des ganzen Satelliten.

Was wollen Sie nun tun, um den 2,3 Milliarden Euro teuren Satelliten noch zu retten?

Wir senden Kommandos hoch in Momenten, in denen Envisat über einer Bodenstation fliegt und zugleich mit seinen Solarpanels zur Sonne geneigt ist und dadurch vielleicht Strom hat. Aber es gibt bislang keine Reaktion. Wir sammeln weiter Informationen und schmieden Fehlerszenarien. Darüber hinaus lässt sich nicht mehr viel machen.

Keine Hoffnung für Envisat

Envisat Quelle: dpa

Gibt es überhaupt noch Hoffnung?

Wir hatten vor einem Jahr einen ähnlichen Fall, bei dem wir einen Satelliten nach einem Monat wiederbeleben konnten. Envisat ist allerdings für nur fünf Jahre gebaut und nun schon seit zehn Jahren im All. Wir müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, dass wir Envisat verloren haben.

Noch mehr Müll, der um die Erde kreist und dem andere Satelliten ausweichen müssen.

Mit acht Tonnen macht Envisat nur einen Bruchteil der etwa 6000 Tonnen Weltrumschrott im Orbit aus. Und Europa ist bisher nur für etwa fünf Prozent des Schrotts verantwortlich. Aber ich will das Problem nicht bagatellisieren. Wir hatten ursprünglich geplant, Envisat zum Ende seines Einsatzes genug Resttreibstoff zu lassen, um notfalls Ausweichmanöver fliegen zu können. Ohne Funkkontakt ist das nun nicht mehr möglich. Und es wird vermutlich mehr als hundert Jahre dauern, bis der Satellit von der Erdanziehung in die Atmosphäre gezogen wird und dort verglüht.

Laut der Weltraumbehörde Nasa bewegt sich Envisat ausgerechnet in einer Zone, in der die meisten Schrottteile unterwegs sind. Ein Zusammenstoß könnte tausende neue Schrotteile hinterlassen, befürchten Experten.

Ein kleineres Teil, das ein Solarpanel durchschlägt, ändert nicht viel. Fataler wäre eine große Kollision wie im Jahr 2009, als ein Kosmos- und ein Iridium-Satellit kollidiert sind. Dann zerbräche Envisat in tausende Teile.

Wie viele Ausweichmanöver mussten Sie in der Vergangenheit fliegen?

Im Schnitt ungefähr ein Manöver pro Jahr. Allerdings fliegen wir bereits Ausweichmanöver, wenn ein anderer Satellit einige hundert Meter oder Kilometer nahekommt. Wir nennen diesen Bereich „Box“. Das heißt also nicht, dass in jedem Fall eine Kollision erfolgt wäre.

Was bedeutet der Ausfall von Envisat für die Erdbeobachtung?

Es ist ein schlimmer Verlust, zum Beispiel für Organisationen wie die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs, die Envisat-Radarbilder benutzt hat, um Ölsünder zu erwischen, also Schiffe, die unerlaubterweise auf dem Meer ihre Tanks spülen. Auch ozeanografische Dienste haben mit Envisat das Eis etwa in der Ostsee überwacht und Warnungen für Schiffe ausgegeben. Und auch für die Forschung klafft nun eine Lücke.

Inwiefern?

Envisat war unser Arbeitspferd, viele tausend Mitarbeiter haben mit seinen Daten gearbeitet. Lange Messdaten-Zeitreihen sind nun unterbrochen, etwa die zum Meeresspiegelanstieg, zum Rückgang des Seeeises in der Arktis, zur Bewegung der Gletscher in der Antarktis, zur Stickoxid-Verschmutzung der Städte oder zur Größe des Ozonlochs.

Forschung



Gibt es keinen Ersatz?

Wir hatten gehofft, Envisat so lange im Orbit zu haben, bis wir die Nachfolger-Satelliten der Sentinel-Mission im All haben. Aber der früheste Start ist erst im nächsten Jahr geplant. Und es ist noch nicht sicher, dass die Kommission das Geld für den Betrieb bereitstellt.

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