RNA-Therapien: „Wir planen bis zu 15 neue mRNA-Medikamente in fünf Jahren“
WirtschaftsWoche: Herr Mock, der nächste Winter steht vor der Tür, neue Varianten von Coronaviren zirkulieren, die Infektionen nehmen zu. Wie weit sind Sie mit neuen Impfstoffen?
Jamey Mock: Es ist eine der Besonderheiten unserer mRNA-Plattform, dass wir sie immer wieder aktualisieren können, um auch noch spät in der Herbstsaison gegen verschiedene Stämme vorzugehen. Wir haben jetzt ein angepasstes mRNA-Vakzin entwickelt, das auf die Omikron-Variante XBB.1.5 zugeschnitten ist. Und wir haben es auch auf andere Coronavirus-Varianten getestet. Es führt bei allen Vírusvarianten, einschließlich BA.2.86, EG.5 und FL.1.5.1 zu einem 8,7-fachen bis 11-fachen Anstieg der neutralisierenden Antikörper. Inzwischen haben wir die Zulassung in den USA, in Kanada und in Japan erhalten.
Sie haben mit Ihrer mRNA-Technologieplattform noch viel mehr vor. Woran arbeiten Sie?
Wir sind dabei mit mRNA ein ganz neues Feld der Medizin zu erschließen und das mit einer Vielzahl neuer Therapien. Seit mehr als zehn Jahren haben wir hart an der Technologie gearbeitet. Nun haben wir positive klinische Studienergebnisse über Covid hinaus, von Impfstoffkandidaten gegen Grippe und anderen Atemwegserkrankungen über Krebs bis hin zu seltenen Krankheiten.
Wie schnell können Sie daraus wirklich neue Impfstoffe und Therapeutika entwickeln?
In den nächsten fünf Jahren wollen wir bis zu 15 neue mRNA-Impfstoffe und -Therapeutika auf den Markt bringen und bis zu 50 neue klinische Studien starten. Es gibt noch viel zu erforschen. Außerdem arbeiten wir kontinuierlich an der Skalierung unserer Produktion, an den Darreichungsformen aber auch an der Verbesserung der Logistik. Wir sind wirklich begeistert von den Möglichkeiten.
Sie entwickeln eine Impfung gegen Krebs. Wie funktioniert das?
Es ist buchstäblich eine individualisierte Neoantigentherapie: Wir entziffern eine Gensequenz von Krebszellen einzelner Patienten. Mit Hilfe von Algorithmen identifizieren wir dann die wichtigsten Neoantigene für diesen Patienten…
…also spezifische Proteine auf den Oberflächen der Krebszellen…
…die wir dann bekämpfen: Mit einer individualisierten Neoantigentheapie lösen wir eine T-Zellen-Antwort gegen sie aus. Damit wollen wir die Effektivität von Immuntherapien steigern – wir arbeiten mit Merck & Co Inc./MSD zusammen und hoffen, dass dessen Immuntherapie Keytruda zusammen mit unserer mRNA-Technologie einen größeren Effekt erzielt.
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Wie gut wirkt diese individualisierte Krebstherapie denn schon?
Bei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom, einer Form von Hautkrebs, reduzierte unser Therapieansatz in klinischen Studien das Rückfall-Risiko bzw. das Sterblichkeitsrisiko der Krankheit um 44 Prozent. Wir testen die individualisierte Neoantigentherapie, kurz INT, jetzt in einer Phase-3-Studie beim Melanom. Später im Jahr werden wir zusammen mit unserem Partner MSD eine Studie zum nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom starten. Und wir schauen uns auch weitere Indikationen an.
Wie kompliziert ist es, mit der einmal entwickelten mRNA-Therapie Mittel gegen andere Krebsarten zu bauen?
Der Schlüssel dazu ist das Verständnis der Neoantigene. Die Proteine variieren je nach Zelltyp, Person oder Krebsart. Unser Algorithmus hilft uns, für jede Indikation und jede Person zu verstehen, welche Neoantigene am Wichtigsten sein könnten, um den Krebs zu bekämpfen. Wir arbeiten seit Jahren hart daran, den Algorithmus immer stärker zu machen.
Wann könnte das erste mRNA-Krebsmedikament auf den Markt kommen?
Die Therapie gegen Hautkrebs wird voraussichtlich bis 2028 kommen. Aber wir arbeiten eng mit den Regulierungsbehörden zusammen in der Hoffnung, das zu beschleunigen. Wenn die Studiendaten gut genug sind, wird die Therapie vielleicht früher zugelassen.
Am Montag haben Sie eine Partnerschaft mit dem Tübinger Unternehmen Immatics angekündigt, um neue Krebsmittel zu entwickeln. Bis zu 1,7 Milliarden US-Dollar wollen sie in das Bündnis investieren. Was hat sie von dem deutschen Biotech-Unternehmen überzeugt?
Wir wollen auf dem Feld der Onkologie wachsen und gehen darum gezielt Partnerschaften ein. Immatics ist ein großartiges Unternehmen, sie sind führend auf dem Gebiet der T-Zellenforschung. Wir haben viel Zeit mit dem Team von Immatics verbracht und wollen in den kommenden Jahren gemeinsam daran arbeiten, Immuntherapien gegen Krebs einen Schub zu verschaffen.
Sie sprachen von einem neuen Feld der Medizin, das durch die mRNA-Technologie eröffnet wird. Welche neuen Möglichkeiten erhoffen Sie sich in den kommenden Jahren?
Als wir mit der Arbeit an unserer mRNA-Plattform begonnen haben, wussten wir: Wenn die Technologie funktioniert, dann wird sie das auch in einer großen Vielfalt verschiedener Therapiebereiche. Über Krebs und Atemwegserkrankungen haben wir schon gesprochen, aber wir arbeiten auch Therapeutika gegen Seltene Erkrankungen und latente Virusinfektionen. Wir wollen in Zukunft noch viele neuartige Impfstoffe und Therapeutika entwickeln.