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Sanktionen gegen Weißrussland Animation zeigt: Flugbeschränkungen über Belarus sind wirkungslos

Flugradar: Flightradar24 hat die Flugbewegungen über Belarus ausgewertet. Quelle: imago images

Der Überflugboykott nach der erzwungenen Landung einer Ryanair-Maschine in Weißrussland ist kaum mehr als ein symbolischer Akt. Und nicht mal jede europäische Linie hält sich daran. 

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So einig handelte die Europäische Union zuletzt selten. Nachdem Weißrussland am Wochenende eine Ryanair-Maschine zur Landung in der Hauptstadt Minsk gezwungen hatte und einen Regimekritiker festnahm, schränkte die EU den Flugverkehr ein. Sie entzog der weißrussische Staatslinie Belavia die Landerechte. Gleichzeitig forderten die Staats- und Regierungschefs alle Fluglinien aus den Mitgliedsstaaten auf, das osteuropäische Land nicht mehr zu überfliegen. 

Daten des Flugüberwachungsportals Flightradar24 zeigen nun aber: Prominente Fluglinien wie die Deutsche-Post-Tochter DHL oder Cyprus Airways aus Zypern halten sich nicht an die Vorgabe. Zudem ist die Zahl der Flüge über Belarus kaum geringer als in den Tagen vor dem Ryanair-Zwischenfall. 

Damit erweist sich die Vorgabe als weitgehend wirkungslos. Denn gedacht war sie zum einen symbolisch, um das Land und seinen Diktator Alexander Lukaschenko zu isolieren. Gleichzeitig sollte die Maßnahme aber auch die Staatskasse treffen. Denn für die Nutzung seines Luftraums und die Landungen ausländischer Maschinen soll Weißrussland bis zu 100 Millionen Dollar im Jahr kassieren. „Das haben einige Kollegen nun torpediert“, so ein führender Manager der Flugbranche.

Die Analyse von Flightradar24-Daten ergibt zwar, dass die meisten europäischen Passagierlinien inzwischen den Himmel über dem Land meiden. „Alle Fluglinien der Lufthansa Group umfliegen den weißrussischen Luftraum“; erklärte das Unternehmen. Das gilt neben den Verbindungen nach Moskau und St. Petersburg auch für die Langstreckenverbindungen in Richtung Asien, von denen einige bis zur Ryanair-Zwangslandung über Lukaschenkos Land führten. 

Der 27. Mai 2021 über Russland

Nicht jeder hält sich daran

Doch nicht alle deutschen Linien haben ihre Flugrouten angepasst. Mehrere aus Leipzig kommende DHL-Flieger etwa überquerten am Donnerstag den Luftraum von Belarus. Zahlreiche Maschinen der beiden US-Paketdienste FedEx und UPS taten es ihnen gleich. Die Luxemburger Cargolux wählte dagegen Routen um das Land herum. Das tat auch die koreanische Asiana Cargo.

Auch fliegt eine europäische Passagierlinie zurzeit regelrecht demonstrativ über das Land: Cyprus Airways. Dahinter dürfte ein politisches Statement stecken. Denn ein Blick in die Eigentümerstruktur der zyprischen Gesellschaft zeigt, dass der größte Anteilseigner des nach einer Insolvenz im Jahr 2017 neugeründeten Unternehmens ein Unternehmen aus Russland ist, dem wichtigsten Verbündeten Weißrusslands. 40 Prozent an der Linie aus Larnaca hält die größte russische Privatairline S7. Deren Eigentümer Vladislav Filev war zuletzt aufgrund der Coronakrise auf staatliche Hilfen angewiesen. Entsprechend groß ist offenbar der Einfluss des Kreml.

Besonders skurril erscheint das Ausscheren von Cyprus Airways auch, weil sich ausgerechnet Turkish Airlines an die Empfehlung der EU hält und den belarussische Luftraum meidet. Dabei hatte es zwischen der Türkei und Europa in den vergangenen Monaten immer wieder gekriselt. Die Linie aus Istanbul leitete am Donnerstag alle Flüge nach Skandinavien und in das Baltikum um Belarus herum. Einzige Ausnahme war naturgemäß ein Direktflug in die belarussische Hauptstadt Minsk.

Die Analyse der Fluggeschehens zeigt zudem, dass der Verkehr über Belarus seit dem Ryanair-Zwischenfall nur marginal zurückgegangen ist. Vor allem russische Linien wie Aeroflot und S7 sowie Gesellschaften aus ehemaligen Sowjetrepubliken wie Usbekistan fliegen unbekümmert über das Land. Und auch China scheint wenig beeindruckt von der Quasi-Entführung der Ryanair-Maschine. Dutzende Flugzeuge von Air China, China Southern, China Eastern und auch Cathay Pacific aus Hongkong durchflogen an diesem Donnerstag das Gebiet.

Der Luftraum über Belarus

Über die Gründe für die lückenhafte Umsetzung können Fachleute nur rätseln. „Da wollen einige offenbar gegen die EU oder für Russland Stellung beziehen“, so ein führender Manager der Flugbranche. Die Kosten für einen Umweg können es besonders bei Langstreckenflügen nicht sein. „Die Mehrflugzeit beträgt meist nur wenige Minuten“, erklärte die Lufthansa. Auch darum lassen sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der Umwege aus Sicht der Airline noch nicht abschätzen.

Am Donnerstag dieser Woche zeigte sich jedoch, dass sich dies rasch ändern kann. Denn an dem Tag untersagte Russland mit Air France und der Lufthansa-Tochter Austrian Airlines gleich zwei EU-Linien Flüge nach Moskau. Die kaum verhohlene Begründung war, dass beide sich an den EU-Flugvorgaben gegen Belarus beteiligt hatten.

Mächtiger Partner Russland

Das Problem ist zwar gelöst. „Austrian Airlines hat die Genehmigung für die alternative Flugroute, die nicht über Belarus führt, bekommen und wird normal nach Russland fliegen“, erklärte die Lufthansa. Doch die russische Drohung wurde verstanden.

Denn eine solche Beschränkung würde jede Fluglinie empfindlich treffen. Mit den abgesagten Flügen würde sie zum wertvolle Einnahmen verlieren. „In dem ohnehin schon schwierigen Umfeld tut jede Strecke weh, die nicht geflogen werden kann“, sagt Florian Dehne von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Und auch wenn die Flüge nach Russland derzeit geringere Überschüsse bringen als vor der Coronakrise, gehören sie immer noch zu den lukrativeren Routen. Dafür sorgen neben Geschäftsreisenden aus Deutschland und Russland vor allem Umsteiger auf Langstreckenflügen oder zu anderen Europaverbindungen. Und diese Einnahmen können bereits ohne eine Absage leiden, etwa wenn die Kunden nicht sicher sind, dass die Flüge auch stattfinden. „Das war der Fall, als Austrian seinen Flug absagen musste“, so ein führender Manager der Flugbranche. Dazu haben die Airlines auch kaum Möglichkeiten, ihre Maschinen auf anderen Verbindungen einzusetzen. „Es ist ja nicht so, dass die dort genutzte Maschine kurzfristig nach Mallorca zu gleichen Durchschnittserträgen gefüllt werden kann“, so Dehne.

Noch stärker würde eine Beschränkung des russischen Luftraums den Langstreckenverkehr Richtung Asien verändern. „Dann müssten wir alle um das Land herumfliegen und wären bis zu vier Stunden später in China und Korea – oder müssten wie im Kalten Krieg über Alaska nach Japan und Korea fliegen“, erinnert sich ein führender Manager der Flugbranche.



Doch das gilt als unwahrscheinlich. „Dazu bringen die Überflüge Russland einfach zu viele harte Devisen“, so der Manager. „Doch als kurze Machtdemonstration waren die Verbote für Air France und Austrian schon ganz eindrucksvoll.“

Mehr zum Thema: Mit der erzwungenen Landung einer Passagiermaschine hat sich Belarus tief in die Konfrontation mit dem Westen manövriert. Auch die USA verhängen nun weitere Sanktionen.

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