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Serie Wirtschaftswelten 2025 Wie der Mensch zum Roboter wird

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Anschluss ans Bewusstsein

Unternehmer Florian Solzbacher will das Übertragen von Gedanken und Gefühlen reif für den Massenmarkt machen.

Standard-Setzer: Ingenieur Solzbacher öffnet den Weg in das Gehirn. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: August Miller für WirtschaftsWoche

Bisher kennen Florian Solzbacher nur Spezialisten. Ihn stört das nicht. „Ich muss nicht in der Zeitung stehen“, gibt sich der aus Deutschland stammende Elektroingenieur bescheiden. Dabei beherrscht er mit seinem 2008 in Utah gegründeten Unternehmen Blackrock Microsystems eine Schlüsselposition. Der 41-Jährige will – was er ganz selbstbewusst einräumt – nichts weniger als „die Standards für Hirnimplantate setzen“. Wer das schafft, das lässt sich in der Handy- und Computerbranche immer wieder beobachten, der dominiert das Geschäft.

Bisher scheint es zu klappen. Wenn heute in einem Forschungslabor ein gelähmter Patient seine Prothese oder gar Computer mit reiner Geisteskraft steuert, gelingt das häufig nur dank der Hirnstecker von Solzbacher. So wie etwa bei der vom Hals abwärts gelähmten Jan Scheuerman. Die US-Amerikanerin sorgte vor gut zwei Jahren für Aufsehen, als sie sich mit einem Roboterarm Schokolade in den Mund schob – und genüsslich verspeiste. Auch in Sehchips oder Hörprothesen stecken Solzbachers Verbindungen ins Denkorgan. Tausende von Versuchstieren tragen die Blackrock-Stecker. Das sieben Jahre alte Unternehmen hat samt Niederlassung in Hannover gut 80 Mitarbeiter und setzte im Vorjahr etwa 15 Millionen Dollar um.

Mensch 2.0 - Welche Techniken und Implantate uns besser leben lassen

„Wir liefern die von den Gesundheitsbehörden zugelassene Hardware, die Forscher haben den Mut, sie auszuprobieren“, das sei die Arbeitsteilung, sagt Solzbacher, der auch als Professor an der University of Utah in Salt Lake City lehrt.

Begeistert schon als Schüler

Auf dem Weg zur breiteren Anwendung ist Solzbacher gerade einen großen Schritt weitergekommen: Er hat den weltweit ersten Nervensensor entwickelt, der samt Elektronik unter der Kopfhaut verschwindet. Statt einem Kabelbündel führt nur noch ein einziger Draht zu einer Fünfmarkstückkleinen Dose. Die überträgt die Daten aus dem Gehirn erstmals drahtlos – an Rollstuhl, Fernseher oder Laptop.

Schon als 16-Jähriger habe die Kombination von Nerven und Technik Solzbacher fasziniert, erzählt sein Schulfreund und heutiger Finanzvorstand Marcus Gerhardt. Solzbacher studierte später in Saarbrücken, Berlin und Ilmenau Elektrotechnik, wo der Brückenschlag zwischen Nerven und Mikrochips seine Studienarbeit beeinflusste. 1999 gründete er eine Firma, die Sensoren für die Autoindustrie entwickelte. 2002 stieg er dort aus und ging nach Utah.

Cola-Dose auf dem Kopf

An der Uni dort hatten Kollegen bereits vor 25 Jahren einen vier mal vier Millimeter kleinen Hirnstecker mit gut 100 feinen Elektrodenspitzen entwickelt. Die messen die elektrischen Signale der Nervenzellen direkt auf der Hirnrinde, wo die Ärzte sie in einer Operation aufbringen. Sie liefern so viel aussagekräftigere Ergebnisse als Messfühler einer Elektrodenkappe auf der Kopfhaut, wie etwa bei Gordon Chengs Exoskelett aus München.

Allerdings war die ursprüngliche Apparatur riesig: Die Signale der Hirnnerven gelangten über 100 Kabel durch die Schädeldecke und landeten zunächst in einer fest verschraubten Sammelstation auf dem Kopf – im Cola-Dosen-Format. Von dort ging es per wasserschlauchdicken Kabelbaum zur Auswerteeinheit, die ein Laborregal in Anspruch nahm. Für Experimente zur Gedankensteuerung mag das taugen. Aber frei bewegen kann sich damit kein Mensch.

Solzbacher verkleinerte alle Elemente und begann, aus dem Gedankenstecker ein industrielles Massenprodukt zu machen, das zuverlässig jahrelang Daten aus dem Kopf liefert. Mit dem auch der weltweit führende Prothesenbauer Otto Bock etwas anfangen kann, etwa um Kunsthände nicht nur mit Gedankenkraft bewegen, sondern sie auch spüren zu können. Mit dem Duderstädter Mittelständler ist der Blackrock-Chef bereits im Gespräch.

Forschung



Noch ist das Zukunftsmusik. „Wir sind auf dem Entwicklungsstand, den Innenohr-Implantate vor 20 Jahren hatten“, räumt Solzbacher ein. Er hofft aber, seinen kabellosen Hirnchip bald am Menschen erproben zu können, und wartet auf die Behördenerlaubnis. Der Chip funkt Gedankenbefehle meterweit.

Es dürfte noch eine Weile dauern, bis auch Gesunde solche Implantate tragen, um per Gedankenkraft das Garagentor oder Smartphone zu steuern, die Hirnleistung anzukurbeln oder neue Sinneseindrücke zu erzeugen. Doch Zukunftsforscher wie Ray Kurzweil sind davon überzeugt, dass wir in etwa 30 Jahren so auch unser Wissen und unsere Erfahrungen per Funk ins Internet auslagern. Ob wir dann – als körperlose Datenwolke im Internet – unsterblich wären, ist wohl eher eine philosophische Frage. Der nüchterne Solzbacher findet: „Wir sollten auf jeden Fall darüber nachdenken, wie wir damit umgehen wollen.“

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