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Spiele 2012 Mit Hightech zu olympischem Gold

Der Laufanzug aus recyceltem Plastik, der härteste Stab der Welt oder wahre Ingenieurskunst zum Schwimmen? Olympioniken setzen im Kampf um Gold auf Hightech-Ware – und die ist in London nicht zu knapp vertreten.

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Stabhochspringer Björn Otto bei den Europameisterschaften 2012 in Helsinki: Der Deutsche benutzt nach eigenen Angaben den härtesten Stab der Welt. Quelle: dpa

Zwei Wochen vor den Olympischen Spielen in London zeigte Stabhochspringer Björn Otto beim Diamond-League-Meeting London, warum er zu Deutschlands großen Sieghoffnungen bei Olympia gilt. Am Ende war die Nachricht des Tages für die deutschen Fans aber nicht sein erster Karrieresieg in der Leichtathletik-Königsklasse, sondern vor allem das Bangen um seine Hightech-Ausrüstung.

Beim Versuch, die 5,93 Meter zu überspringen, knackste es und Ottos „Superstab“ war nicht mehr zu gebrauchen – zumindest traute sich der 34-Jährige daraufhin nicht mehr voll Tempo zu machen. „Ich dachte, er geht ganz kaputt“, so Otto.

Jetzt muss der Leichtathlet hoffen, dass sein bester Stab in Neuauflage rechtzeitig zum Wettkampf ist, denn das Hightech-Modell ist eine Sonderanfertigung aus den USA. Wie viele Sportler setzt auch der deutsche Stabhochspringer auf seine spezielle Ausrüstung: „Keiner springt so ein hartes Modell wie ich“, erklärt Otto. Deshalb muss dieses Modell extra aus den USA eingeflogen werden.

Das Neueste, das Beste will jeder Sportler für Olympia.

Erfolgreichste deutsche Olympioniken

Mit dem Ganzkörperoutfit zum „Turbospeed“

Mit Hightech auf dem Körper dürften in diesem Jahr besonders die US-Athleten auffallen. Sie treten bei den Olympischen Spielen nämlich mit superaerodynamischen Trikots an, die der Sportartikelhersteller Nike für sie entwickelt hat. Der „Nike Pro Turbospeed“ soll der schnellste und leichteste Laufanzug sein, den das Unternehmen je entwickelt hat. Nike behauptet der futuristisch anmutende Ganzkörper-Speed-Anzug mache die Sportler auf 100 Metern bis zu 0,023 Sekunden schneller. Sollte das stimmen, könnte dadurch Sieg oder Niederlage entschieden werden.

Das Ganzkörperoutfit, das im Windkanal getestet wurde, ist zudem von besonderer Umweltfreundlichkeit: Der Stoff für einen Anzug wurde aus rund 13 recycelten Plastikflaschen hergestellt, heißt es.

Ein ähnliches Outfit sorgte bei den letzten Olympischen Sommerspielen in Peking 2008 für Furore, allerdings in einer gänzlich anderen Sportart: Beim Schwimmen gab es Aufregung um den „LZR Racer“ des australischen Herstellers Speedo. Olympiasieger Michael Phelps (USA) trug ihn ebenso wie Australiens Weltmeisterin Libby Tricket – und sie gewannen.

Der komplett verschweißte Schwimmanzug galt als Wunder des Olympiajahres, da fast alle Weltrekorde 2008 von Trägern des LZR Racer gewonnen wurden. „Die Athleten reißen sich um das Teil, sie sind überzeugt: In diesem Anzug schwimme ich am schnellsten“, sagte Bundestrainer Manfred Thiesmann damals in Peking. Lange hielt der Hype aber nicht an, denn die Hightech-Anzüge wurden verboten. Bei diesen Spielen schwimmen die Sportler also leichter bekleidet um die Medaillen. Demnächst könnten sie aber wieder erlaubt werden.

Triathleten in Hightech-Kluft

Oscar Pistorius hoch konzentriert: Der Südafrikaner trat im Juni beim 400 Rennen desDiamond League New York Grand Prix an. Quelle: REUTERS

Bei den Olympischen Spielen 2012 bekommen die deutschen Triathleten von ihrem Sponsor Asics ein Hightech-Outfit geliefert. Nach 20 monatiger Entwicklungszeit präsentierte der Sportbekleidungshersteller den "Stoff aus dem die Träume sind", bestehend aus einem Hightech-Material namens „Speed-dry-ultra+“, das 80 Prozent Polyamid und 20 Prozent Elasthan enthält.

In über zwei Jahren entwickelten Ingenieure den Stoff, von dem Asics verspricht, dass er sich optimal anpasse und verhindere, dass sich Wasser zwischen Anzug und Körper sammelt. Ingenieurskunst aus High-Quality-Faser für die Triathlon-Profis sozusagen.

Auch der „Blade Runner“ genannte behinderte Sportler Oscar Pistorius greift auf Ingenieurskunst der Königsklasse zurück und sorgt damit bei den Olympischen Spielen in London für eine Premiere: Als erster an beiden Beinen amputierter Läufer wird der Südafrikaner über 400 Meter an den Start gehen.

Erfolgreichste Olympioniken (international)

Mit Beinen aus Carbon

Dabei wird hart diskutiert, ob die Hightech-Prothesen ihn bevorteilen gegenüber den „normalen“ Läufern. Ist er dank der Carbon-Prothesen generell schneller als andere Athleten? Kritiker sind der Meinung, dass die Hightech-Prothesen die Beschleunigung erhöhen und dem 25-Jährigen dadurch einen Vorteil bringen.

2008 hatte der Leichtathlet-Weltverband IAAF auf Grundlage eines Gutachtens des deutschen Biomechanik-Professors Gert-Peter Brüggemann die Teilnahme von Pistorius an den Peking-Spielen 2008 verbieten wollen. Der von Pistorius angerufene Internationale Sportgerichtshof CAS hob den IAAF-Entscheid aber auf. Angetreten ist er damals aber nicht. Diesmal wird er aber dabei sein.

„Wenn die Prothesen einen solchen Vorteil bieten würden, warum hat noch kein anderer Paralympics-Läufer über 400 Meter die 50 Sekunden unterboten?“, fragt Pistorius. „Es gibt so viele Informationen und Wissenschaftler. Doch nur weil Leute einen Doktortitel haben oder Professor sind, heißt das nicht, sie auch das richtige Wissen haben.“ Ob Hightech im Fall von Pistorius den Lauf beflügeln kann, wird sich beim Wettkampf zeigen.

Hightech und Handwerk

Die deutschen Kanuten: Bei den Olympischen Spielen in London greifen die Athleten zumeist zum Hightech-Paddel des deutschen Kanubauers Lettmann. Quelle: dpa

Auf “Hightech meets Handarbeit” setzen die deutschen Kanuten. Die meisten Paddel, mit denen die Sportler den Sieg erringen wollen, stammen von einem Bootsbauer aus dem niederrheinischen Moers. Klaus Lettmanns Paddelsportunternehmen gehört zu den führenden der Welt. Bei ihm werden seit 40 Jahren Kajaks und Kanus gefertigt.

Für die Olympioniken wurden in der lettmannschen Werkstatt Kanus aus einem speziellen Kunststoffgewebe gefertigt, das in der Raumfahrt genutzt wird. Lehmanns Paddel gelten indes als die schnellsten der Welt. Eine Mischung aus Karbonfaser und einem speziellen Harz stecken in dem rekordverdächtigen Stück.

Laut Bootsbauer und Gründersohn Jochen Lettmann kann ein Kanute dank des Paddels eine halbe Sekunde Zeit gutgemachen, was letztendlich eine halbe Bootslänge ausmacht, und entscheiden könnte, wer auf dem Podest am Ende ganz oben steht.

Britische Forscher auf Sekundenjagd

Um die Athleten auch nur Tausendstelsekunden schneller zu machen, haben die Briten sämtliche Forschungslabore eingesetzt, um dank Hightech Methoden zu entwickeln, um das Wetteifern der Sportler zu optimieren. Dafür wurden die Schwimmer in den Strömungskanal geschickt, um mit HD-Technik und Superzeitlupe jede noch so kleine Bewegung analysieren zu können. Die Technik der Kanuten wurde in einem U-Boot-Testbecken verfeinert: Auf den 270 Metern sollte der Paddel-Einstich optimiert werden.

Neben britischen Universitäten, Erfindern und Ingenieuren arbeiteten BMW, sowie Experten und Vertragspartner des Verteidigungsministeriums und McLaren am Projekt Sportleroptimierung für Olympia. Letztere steuerten etwa ihr Expertenwissen aus der Formel 1 bei, um mithilfe von Laserscannern die individuellen Rundenzeiten der britischen Bahnradfahrer auch im Pulk messen und auswerten zu können.

Aber nicht nur für die eigene Nation haben die Briten aufgerüstet. Auch in Sachen Kontrollgeräte und Stadien-Ausstattung kann sich London 2012 sehen lassen.

Hightech für alle

Das Hauptschwimmbecken im Aquatics Centre in London: Mit modernster Technik soll der Widerstand des Wassers für die Schwimmwettkämpfe verringert werden. Quelle: REUTERS

Rund 420 Tonnen umfasst allein das Zeitmess-Equipment für die Wettbewerbe bei den Londoner Spielen. Ein besonderes technologisches Highlight darunter soll ein neues Quantum-Messsystem sein. Mit einer Auflösung von einer millionstel Sekunde soll es die bisherige Messgenauigkeit um den Faktor 100 verbessern. Elektronische Startpistolen und –blocks unterstützen zudem neuerdings durch eine integrierte Messung der beim Start auftretenden Kräfte die Kontrolle der Wettkämpfe.

Gerade um die Schwimmwettkämpfe wieder zum Rekordfest zu machen, gibt es zudem eine besonders ausgefallene Technik. Das Hauptschwimmbecken ist mit drei Metern ein Meter tiefer als üblich und hat eingebaute Transferkanäle an den Beckenrändern.

Grund dafür: Überströmendes Wasser soll ungehemmt abfließen, damit es weniger Wasserverwirbelungen auf der Oberfläche gibt, und die Schwimmer in ihren Vorwärtsbewegungen besser vorankommen.

Auch die Wasserbedingungen sind andere: Statt „normalem“ Wasser kämpfen die Athleten in einem auf genau 26 Grad Celsius gewärmten Becken um den Titel. Experten wollen hiermit die ideale Mischung aus perfekter Wasserdichte und angenehmer Temperatur schaffen.

Ein Boden aus Kautschuk und Mineralien

Forschung



Ähnlich präzise gingen die Briten mit dem Bodenbelag des Olympiastadions um. Auch hier ist Hightech mit im Spiel.

Der sogenannte „Sportflex Super X Performance“-Belag soll mit seiner in Laufrichtung ausgerichteten Wabenstruktur schnelle Zeiten optimieren.

Laut dem italienischen Hersteller Mondo sorgt der Hightech-Boden aus synthetischem Kautschuk mit mineralischen Zusatzstoffen dafür, dass es zu einer „Differenzierung der biomechanischen Reaktion je nach Art der Belastung kommt, die durch den Athleten ausgelöst wird“. Hightech lässt grüßen.

Mit Material von dpa

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