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Stahl der Zukunft Wie Textilien die Baubranche revolutionieren

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Erdbebensichere Tapete

Eine Fußgängerbrücke aus Textilbeton in Albstadt Quelle: Grotz-Beckert

Textilbeton könnte herkömmlichen Beton auf Dauer sogar komplett ersetzen. Das glauben jedenfalls Experten wie Udityasinh Gohil vom Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen. „Die Technik hat nur Vorteile“, sagt der Aachener Forscher. Sein Institut hat bereits im württembergischen Albstadt eine 100 Meter lange Fußgängerbrücke aus dem nur drei Zentimeter dicken Material errichtet. „Das spart 85 Prozent Zement und senkt zugleich den Kohlendioxidausstoß für die Produktion des Baumaterials um 70 Prozent.“

Und weil das Geflecht zudem unverbaut viel biegsamer ist als Stahl, können Architekten damit geschwungene und gewölbte Bauten entwerfen, die elegant und leicht anmuten.

Leicht und stabil – das soll nicht nur für Straßen und Brücken gelten. Wie Spezialfasern auch Häusern zusätzliche, teils lebensrettende Stabilität verleihen können, das erforscht Lothar Stempniewski vom Karlsruher Institut für Technologie.

Als der Bauingenieur 2009 die Bilder des Erdbebens im italienischen L’Aquila sah, kam ihm die Idee eines Geflechts aus Glas- und Kunstfasern: Mit Mörtel vermischt und wie Bandagen um Häuser gewickelt, kann es sie vor dem Einsturz bewahren oder ihn deutlich verzögern. „So können wir den Menschen Zeit geben, ins Freie zu flüchten“, sagt Stempniewski.

Dass das mehr ist, als Spinnerei eines Faserfetischisten, haben Bauingenieure der Universität Padua in Tests an Mauern mit und ohne Erdbebenbandage getestet.

Während reine Ziegel-Mörtel-Konstruktionen nachgaben, bröckelte mit Bandage zwar der Putz, und es bildeten sich Risse – aber die Mauer hielt. Das bandagierte Bauwerk widerstand dreimal größeren Kräften, weil bei einem Beben die Glasfasern reißen und einen Teil der Naturgewalt abfangen. Die Kunststofffäden dagegen dehnen sich um bis zu 40 Prozent und halten die Wände wie ein Spinnennetz zusammen.

Seit Januar 2013 bietet der italienische Baustoffproduzent Röfix den Stoff gegen Erdbeben an. Bauherren und Besitzer bestehender Häuser können das Gewebe wie eine Schicht Putz aufs Mauerwerk auftragen. Schon zwei Monate zuvor hatten die Karlsruher Forscher mit der Leverkusener Bayer MaterialScience eine Tapete gegen Erdbebenschäden für Alt- und Neubauten vorgestellt. Sie ist weiß, hauchdünn und widersteht doch Urgewalten, weil sie aus reißfesten Glasfasern gewebt ist.

Bei all dem ist die Kombination aus Fasern und Beton in dieser Form keineswegs mehr die einzige Form des Stoffeinsatzes. Immer öfter werden sie in das Betongrundgerüst von Gebäuden integriert, um die Konstruktion stabiler zu machen, zum Beispiel bei der Sanierung des Finanzamtes in Zwickau.

Selbstreinigende Dächer

Auch bei Großbauten wie Fußballstadien treten die High-Tech-Gewebe zunehmend mit bisherigen Plastikplanen aus PTFE-Kunststoff in Konkurrenz, die als Dachkonstruktion Sonne, Wind oder Regen abhalten. Dabei veredeln die Entwickler ihre Gewebe zudem mit Zusatzstoffen wie Titandioxid. Dank einer chemischen Reaktion lösen Partikel dieses Minerals Schmutz – vom Vogeldreck bis zum Schlammspritzer – mithilfe von Sonnenlicht in Kohlendioxid und Luft auf. So reinigen sich die Stoffdächer kurzerhand selbst.

Ganz nebenbei ermöglicht der Wechsel zum flexiblen Stoff nicht nur neue Designentwürfe. Er ist auch Grundlage für wahrhaft globale Geschäfte: So produziert der niederrheinische Textilspezialist Ceno Tec neben riesigen Gewebetanks für deutsche Biogasanlagen auch Dach und Fassade für das Fußballstadion im brasilianischen Manaus. „Wir sind ein Schneiderbetrieb“, sagt Ceno-Tec-Vertriebschef Klaus Gipperich. Nur arbeitet das Unternehmen nicht mit Schere und Nadel, sondern mit Computern und automatischen Nähmaschinen.

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