Stahl der Zukunft Wie Textilien die Baubranche revolutionieren

Bestickte Dächer und Textil- statt Stahlbeton – das klingt nach einem Witz. Tatsächlich aber steckt viel mehr Stoff in Bauwerken als in Kleidern. Er repariert Brücken, produziert Strom und speichert Wärme. Sechs überraschende Fakten über Stoff.

Flexible Tanks aus druckverstärkten Spezialgeweben Quelle: Ceno Tec

Vielleicht sind Textilien das in der breiten Öffentlichkeit am meisten unterschätzte Material überhaupt. Bei dem Stichwort denken die meisten Menschen nur an Jeans, Hemden und vielleicht Tischdecken. Wer aber dächte an Brücken oder gigantische Stadiondächer, die ohne neuartige Gewebe nicht möglich wären?

Mehr als 50 Prozent des Umsatzes der deutschen Textilbranche stammen bereits aus dem Geschäft mit sogenannten technischen Textilien. Und das war nur der Anfang. Bald schon sollen Textilien Häuser erdbebensicher machen, Straßen zusammenhalten und sogar vor einstürzenden Dächern warnen.

Spezialgewebe Quelle: Dietrich Wetzel KG

An einer solchen Technik arbeitet das Familienunternehmen Dietrich Wetzel aus Plauen, das seit Generationen Geld mit Stickereien für Tischdecken oder Gardinen verdient. Die neueste Erfindung des Unternehmens ist ein Glasfaserflicken, der kaum dicker als eine Tischdecke ist.

Dieser High-Tech-Lappen ist in der Lage, Leben zu retten. Denn er kann millimetergenau messen, wie stark sich Hallendächer im Winter unter der Schneelast verbiegen. Möglich machen das in den Flicken eingewebte Sensorfasern. „Bisher entscheiden Gebäudebesitzer meist aus dem Bauch, wann Schnee abgeschaufelt werden muss“, sagt Marco Wetzel, Co-Geschäftsführer des sächsischen Mittelständlers.

Mitunter zu spät – und mit dramatischen Folgen. Wie im Januar 2006, als die hölzernen Träger des Daches einer Eishalle in Bad Reichenhall unter der Last nachgaben. 15 Menschen starben. Auf dem Dach der Plauener Sternquell-Brauerei überwachen daher nun drei von Wetzels Spezialflicken die Last. Einmal schlugen sie seither Alarm und verhinderten womöglich eine Katastrophe.

Das sind die innovativsten Länder der Welt
Platz 15: DeutschlandDeutschland hat es im Ranking Global Innovation Index 2013 (GII) nicht unter die Top Ten geschafft. Der GII unter anderem von der Cornell University und der Beratungsfirma Booz & Company erstellt und misst anhand von 84 Kriterien die Innovationsfähigkeit von mehr als 100 Volkswirtschaften. Weltweit reicht es für das Land der Dichter, Denker, Dübel-, Currywurst-, Bier-, Auto-, Airbag- und Glühbirnen-Erfinder nur für Platz 15. Dafür landet Deutschland im europaweiten Vergleich auf Platz zwei, direkt hinter Schweden. Dies geht aus dem aktuellen Leistungsanzeiger der Innovationsunion 2013 hervor, einem von der Europäischen Kommission veröffentlichten Ranking der EU‑Mitgliedstaaten. Quelle: dpa
Platz zehn: IrlandAuf Platz zehn der innovativsten Länder der Welt hat es Irland geschafft. Trotz Krise lassen sich die Iren nicht vom forschen und entwickeln abhalten, heißt es im Global Innovation Index. Im Vergleich zum Vorjahr ging es jedoch um einen Platz nach unten. Eine der bekanntesten irischen Erfindungen stammt übrigens von John Boyd Dunlop. Der 1840 geborene Tierarzt kam auf die Idee, Reifen mit Luft zu füllen. Quelle: dapd
Platz neun: DänemarkInnerhalb der EU gehört Dänemark zu den Innovationsführern. Weltweit reicht es für die Dänen immerhin zu Platz neun in Sachen Patentanmeldung und Forschungsausgaben. Zu den bekanntesten Erfindungen der Dänen zählen sicher Lego und Duplo. Einen größeren Nutzen hatten dagegen die in Dänemark erfundenen Telegraphenleitungen und Windkraftanlagen. Quelle: dpa
Platz acht: SingapurAuf dem achten Platz landet Singapur, das es 2012 noch auf Rang drei geschafft hatte. In der Region Südostasien und Ozeanien belegt das Land zwischen dem Indischen und dem südchinesischen Meer allerdings immer noch Platz zwei, direkt nach Hongkong. Besonders im Bereich Technik und Software sind die Singhalesen sehr umtriebig. Quelle: dpa
Platz sieben: HongkongDemnach verwundert es nicht, dass Hongkong - in puncto Innovationen führend in Südostasien - international noch vor Singapur liegt. Die chinesische Sonderverwaltungszone gilt als eine der liberalsten Marktwirtschaften der Welt und tut sich besonders im Dienstleistungssektor hervor. Jedes Jahr finden in Hongkong mehrere Messen rund um das Thema Forschung und Innovationen statt. Quelle: REUTERS
Platz sechs: FinnlandDie Finnen sind im Vergleich zum letzten Jahr von Platz vier auf sechs abgestürzt. EU-weit haben die Finnen dagegen überdurchschnittlich hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Quelle: Visit Finnland
Platz fünf: USAVergangenes Jahr galten die USA Die USA gelten verschiedenen Rankings zufolge als eines der innovativsten Länder der Welt. Im GII belegten die Vereinigten Staaten dagegen vergangenes Jahr nur Platz zehn. Trotz Apple, Google, Microsoft & Co. hat es auch in diesem Jahr nur für Platz fünf gereicht: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind zwar im Vergleich gestiegen, für einen Platz unter den Top drei genügt es aber dennoch nicht. Quelle: REUTERS

Das mit speziellen Mustern bestickte Gewebe misst anhand des durch die Glasfasern geleiteten Lichts, wie stark sich das Dach verformt. Dabei sei die Technik, bei vergleichbaren Kosten wie für herkömmliche Sensoren, weniger störanfällig und akkurater, verspricht Wetzel.

Die Sensorstickereien aus dem sächsischen Südwesten sind nur ein Beispiel dafür, wie radikal Spezialgarne, -fasern und -gewebe gerade dabei sind, Konstruktion und Bau von Häusern, Brücken, Maschinen, ja sogar Autos und Flugzeugen zu verändern. Fast unbemerkt haben sich Stoffe immer neue Einsatzfelder erobert: Heute machen technische Textilien nicht nur Autos sparsamer und Flugzeuge leichter oder produzieren Strom. Sie dämmen auch, speichern Wärme, bringen Licht in dunkle Räume und machen Häuser oder Brücken einsturzsicher.

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