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Tauchsieder

Fortschritt ohne Ende?

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Die Zukunft von "Wachstum", "Fortschritt" und "Wohlstand" in Europa

Rückblickend und ex negativo schon. Denn "Beschleunigung" und "quantitatives Wachstum" sind zwei Kernbegriffe, ohne die man die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert, das historische Einmalereignis der "Industriellen Revolution" und die Bedeutung des Kapitals als klassischer Treibstoff des Fortschritts nicht zu fassen bekommt. Nehmen wir das Beispiel Eisenbahn: Sie ist damals in Europa (und in den USA) zugleich Motor, Katalysator und Symbol des zivilisatorischen Fortschritts. Kein anderer Industriezweig bindet im "großen Spurt" Deutschlands (1845 bis 1873) mehr Kapital, mehr Arbeitsplätze - und mehr Zuversicht. Die Verzinsung des Kapitals im Eisenbahnsektor übertrifft damals mit fünf bis sieben Prozent den Ertrag aller anderen Anlageformen, was nichts anderes heißt als: Wachstum und Beschleunigung werden seither immer auch als Wachstum und Beschleunigung des Geld-Vermögens aufgefasst (und zwar im doppelten Sinne).

Anders gesagt: Die Aufwärtsentwicklung der Menschheit findet im 19. Jahrhundert nicht mehr in aufklärerischen Traktaten, sondern in steigenden Kursen und Bilanzzahlen ihren sinnfälligsten Ausdruck. Das Gelingen der Zeit spiegelt sich nicht mehr in der instauratio magna, der Überwindung des Aberglaubens im Geiste der Wissenschaft (Francis Bacon), sondern in steigenden Dividendenrenditen und sinkenden Fahrscheinpreisen. Das ist die kulturelle Revolution der Industriellen Revolution: Der Fortschritt erschließt sich durch sein Fortschreiten zunehmend von selbst. Man macht die erstaunliche Erfahrung, dass die Weiterentwicklung von Wissenschaft und wirtschaftliches Wachstum sich wechselseitig bedingen - und dass ausgerechnet das kalte Kapital der "Humus" ist, "aus dem die Menschheit von morgen hervorsprießt" (Emile Zola).

Gewiss, diesem Fortschritt fehlt ein normatives Prinzip: Es kennt kein Ziel, auf das es hinaus will. Aber zu seinen größten Vorzügen gehört, dass er eines Zieles gar nicht bedarf - solange er fortschreitet. Das Wachstum damals kommt ohne Sinnstiftung aus. Es braucht keine Utopien und Ideale, keine theologische Fundierung und politische Beseligung, im Gegenteil: Der kapitalinduzierte Fortschritt überzeugt durch seine begründungslose Allgemeinverständlichkeit. Die Annehmlichkeit einer Bahnverbindung zwischen Innsbruck und Bozen, die im Jahre 1867 die Reisezeit von sechszehn auf sechs Stunden verkürzt, erschließt sich jedem - ganz ohne Pamphlet und Versammlung.

Strahlend weiße Fortschrittskonzepte

Spätestens im 20.Jahrhundert ist es damit gründlich vorbei: Die Fortschrittsidee ruft allerlei Faschisten und Kommunisten auf den Plan, deren Feldlaborversuche zur Verbesserung des Loses der Menschheit bekanntlich gründlich missglückt sind. Heute wiederum, nach dem Fall der Mauer und dem Verblühen der Sowjetunion, hält sich der zivilisierte Teil der Menschheit im ideologischen Abklingbecken auf, frisch geimpft mit dem kosmopolitischen Geist von Good Governance, Globalization und Green Sustainability - und vertraut auf andere, auf strahlend weiße Fortschrittskonzepte, wie sie etwa liberale Ökonomen, Apple-Designer, Genetiker und Reproduktionsmediziner propagieren. In diesen Konzepten ist viel von der Entfesselung kreativer Kräfte die Rede und von der Bildung, Pflege und Vermehrung des Humankapitals, von den wunderbaren Möglichkeiten des präimplantationstechnischen Feintunings und den Segnungen algorithmischer Assistenzsysteme, die uns kognitiv entlasten, indem sie uns die schöne, neue Konsumwelt unseren Vorlieben gemäß, wie auf dem Tablett servieren.

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Diese Konzepte erzählen uns von digital-individuellen, selbstbestimmten, unternehmerischen Café-Latte-Personen, die viel auf ihre Flexibilität halten - und von jungen Arbeitsathleten, für die “die Vereinbarkeit von Familie und Beruf” ein Kinderspiel ist, weil ein Laptop überall da und jederzeit plug-and-play-bereit ist, wo sich der ursprünglich petrischal aufgezüchtete Nachwuchs gerade effektiv frühbildet. Das alles klingt cool und duftet nach viel Freiheit im Fortschritt, fürwahr: nach einer lässig durchmischten Zeit, in der Arbeitsstunden zu Freizeitstunden, Kollegen zu Freunden werden. Und natürlich lassen es auch die Unternehmen im “aktiven täglichen Streben nach praktischer Verbesserung der menschlichen Lage” (Auguste Comte, 1844) nicht an Anstrengungen fehlen, die zunehmend rar werdenden Ressourcen (Stichwort Fachkräftemangel) für sich zu gewinnen.

Man sieht: Die lineare Fortschrittsidee ist noch nicht ganz so verbraucht wie wir zuweilen geneigt sind zu denken. Von "Entschleunigung" und "qualitativem Wachstum" reden wir beherzt nur dann, wenn wir allgemein das "kapitalistische System" als etwas zu aufdringlich empfinden. Nicht aber dann, wenn es uns ganz alltagskonkret um die Anschaffung des jüngsten Ipads oder auch, positiv gewendet: um die Entwicklung von Elektroautos und energieffizienten Kühlschränken geht. Was also bedeutet das für die Zukunft von "Wachstum", "Fortschritt" und "Wohlstand" in Europa? Ganz einfach. Es bedeutet, dass wir lernen müssen, ein Paradox auszuhalten: Wir müssen künftig, mehr denn je, an der Spitze des wissenschaftlich-technischen Fortschritts stehen, um uns weniger Wachstum leisten zu können - ganz gleich, mit welchen Parametern wir es messen werden.

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