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Tauchsieder

Innovationen sichern das Übergewicht

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Drei Regeln von Innovationen

10 Dinge, die es dank moderner Technik wieder gibt
Uralte Bilder der Familie, die verknickt sind oder ihre Farben verloren haben? Mit einem Tutorial auf Youtube kann man die alten Bilder in neuem Glanz erstrahlen lassen. Quelle: buzzfeed.com Quelle: AP
Mit Kamera und Sensoren bringen Augmented-Reality-Apps wörtlich übersetzt die "erweiterte Wirklichkeit" auf kleine Bildschirme. Im Natural History Museum London konnten die Besucher 2010 so ganz nah an (fast) echte Dinosaurier kommen. Die Geräte im Museum projizierten verschiedene Dinos, die direkt auf die Besucher zukamen. Quelle: dpa
Einer der berühmtesten Rapper, Tupac Shakur, wurde 1996 erschossen. Trotzdem stand er 2012 noch einmal auf der Bühne. Die moderne Technik zauberte ihn mit einem Hologramm auf die Bühne des Coachella-Festivals. Quelle: AP
Die Arnzeimittelbehörde der USA (FDA) hat vor kurzem einem Augenimplantat zugestimmt, dass von Geburt an blinde Menschen sehen lassen kann. "Argus 2" heilt zwar die Blindheit nicht, dafür werden eine winzige Videokamera und eine Brille mit dem Gehirn verbunden. Patienten können so helle und dunkle Bilder erkennen. Quelle: dpa/dpaweb
Verschiedenste Hinweise mussten zusammengefügt werden. Die Noten mussten erkannt werden, und am Ende brauchte es sogar Mathematik: Der Musiker Armand D'Angour hat griechische Musik entschlüsselt, die tausende von Jahren nicht gespielt wurde. Quelle: dpa/dpaweb
Jetzt können Sie endlich wie echte Römer trinken. Bimolekulare Archäologen und die Dogfish Head Craft Brewery haben eine chemische Analyse 2700-Jahre alter Trinkgefäße aus dem Grab des Königs Midas durchgeführt. Daraus haben sie ein Rezept gemacht. Quelle: dpa
Die BBC entdeckte 11 bisher unbekannte Folgen der Serie Doctor Who wieder. Die Folgen der Serie aus den 60ern, bei denen Doctor Who Zeitreisen im "Tardis" macht, waren bei einer Fahrt nach Afrika verloren gegangen. Sie wurden überarbeitet und sind jetzt bei iTunes erhältlich. Quelle: REUTERS

Mit dem Hamburger Ökonomen Thomas Straubhaar lassen sich daher drei Regeln von Innovationen festhalten:

1. Der Weg zu mehr Wohlstand führt im Kapitalismus über den Weg des Reichtums Einzelner.

2. Niemand kann vom Erkenntnisfortschritt ausgeschlossen werden.

3. Einmal vorhandenes Wissen kann durch Imitation und Reproduktion billig weitergegeben und vervielfacht werden.

Historisch von entscheidender Bedeutung ist, dass das Einmalereignis der Industriellen Revolution, wie von Schumpeter angedeutet, eine Übertragung dieses Schemas von der mikroökonomischen auf die makroökonomische Ebene erlaubt: Auch der "Wohlstand der Welt" führt im Kapitalismus, wenn man so will, über den Weg eines besonders hohen "Wohlstands einzelner Nationen". Anders gesagt: Wir erfreuen uns in Deutschland nur deshalb eines so großen Wohlstands, weil unsere Unternehmen seit Jahrzehnten an der Spitze von Innovationen stehen. Ohne die Einfälle unsere Ingenieure, die Ideen unserer Forscher und das Geld unserer Investoren stünden wir sehr bald schon an der Innovationsperipherie - und hätten mit der Produktion von Maschinen- und Software-Generika nur noch sehr schmale Gewinne zu verteilen.

Ein letzter Punkt noch: Die Abschöpfung von Firmenwissen, mag mancher Mittelständler denken, hat es schon immer gegeben - wenn wir weiter einfallsreich und fleißig sind, wird uns schon - Spionage hin, Spionage her - nichts passieren. Für einzelne Firmen mag das kurzfristig stimmen. Die Konkubinenwirtschaft der Chinesen, bei der einheimische Firmen Joint Ventures mit ausländischen Firmen zur ganz legalen Informationsbeschaffung nutzen oder die Praxis praktisch aller großen Schwellenländer, Firmen aus Industriestaaten den Marktzutritt nur gegen Know-How-Transfer zu erlauben, hat den Staats-Wirtschaft-Komplexen in Peking und Moskau wahrscheinlich mehr geholfen, von der Innovationsperipherie in die Mitte zu rücken, als jede noch so spektakuläre Industriespionage. Gleichwohl sollten die Unternehmen wissen, dass mit dem Einbüßen von Innovationsvorsprüngen mehr verloren geht als nur betriebswirtschaftlich wertvolles Sondervermögen. Auf dem Spiel steht beispielsweise auch, welche industriellen Normen und Verbraucherstandards in fünf Jahrzehnten gelten werden.

Forschung



Vor allem aber steht die abendländische Zivilisationsidee und Glaubwürdigkeit selbst auf dem Spiel. Nachdem der finanzmarktliberale Staatsschuldenkapitalismus die finanziellen Reserven des Westens weitgehend verzehrt hat und die militärisch erschöpften USA auf mittlere Sicht zu schwach sein werden, um ihren weltpolizeilichen Aufgaben wie ehedem entsprechen zu können, wird nur noch ein realwirtschaftlich dominanter Westen ausreichend Kraft haben, mit überlegenen Maschinen und Anlagen so etwas wie "westliche Werte" in Umlauf zu bringen. Dabei handelt es sich einerseits um eine Herausforderung, die binnendemografisch schwierig genug ist - junge Bevölkerungen in wachstumskräftigen Ländern sind innovationsbereiter als graue, zivilisationssatte Gesellschaften wie die in Westeuropa - und andererseits um eine Herausforderung, die weltdemografisch beinah unlösbar erscheint: Im Jahre 2050 wird Europa (ohne Russland) nur noch sechs Prozent der Weltbevölkerung stellen. Nigeria und Indonesien werden dann doppelt so viele Einwohner zählen wie Deutschland, Frankreich und Italien. Bangladesch und Pakistan werden zusammen größer sein als die USA.

Wenn es 2050 überhaupt noch ein Übergewicht des Westens geben sollte, kann es nur ein technologisches Übergewicht sein. Ein Übergewicht an Innovation, sprich: an überlegenen Ideen und Produkten, die beispielsweise das Zusammenleben von neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten erleichtern - und für die der große Rest der Welt bereit ist, einen angemessenen Preis zu bezahlen. Europa hat nur die Chance, als Gehirn der Welt eine funktionale Rolle zu spielen - oder aber überhaupt keine Rolle zu spielen. Nur an der Spitze des Fortschritts kann es sich künftig vernehmbar machen, glaubhaft auf die Vorzüge einer weitgehend ungesteuerten Marktwirtschaft hinweisen - und auf eine möglichst transparente Demokratie, die ihre Innovationskraft zu verteidigen weiß, ohne ihre Transparenz dabei preiszugeben. 

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