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Tauchsieder

Wissenschaft und Grenzwerte? Reine Glaubenssache!

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Kaffee erregt Krebs! Kaffee schützt uns vor Krebs!

Was Politiker wie Janecek außerdem nicht verstehen: Während sich zivilisatorischer Fortschritt durch den permanenten Abbau von Lebensrisiken und -bedrohlichkeiten auszeichnet, zeichnet sich Fortschrittskritik durch die Dramatisierung verbliebener Lebensrisiken- und bedrohlichkeiten aus. Soziologen nennen das Abweichungsverstärkung. Und nirgends ist der Effekt des Prinzips – vielleicht abgesehen von einer munter expandierenden Sozialgesetzgebung – besser zu beobachten als auf dem Feld des Gesundheits- und Umweltschutzes: Mit jeder Steigerung der Luft-, Wasser- und Lebensmittelqualität in Deutschland geht eine höhere Empfindsamkeit der Deutschen für die Luft-, Wasser- und Lebensmittelqualität einher.

Und daran ist auch gar nichts auszusetzen. Wohl aber daran, dass politische Grenzwerte nicht als politische Grenzwerte und Empfindsamkeiten nicht als Empfindsamkeiten kenntlich gemacht werden. Es geht Politikern wie Janecek offenbar nicht darum, politische Entscheidungen auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu treffen. Sondern nur darum, auf der Basis von politisch genehmen Wissenschaftsschnipseln soziale Elementartatsachen zu schaffen. Denn sind 40 Mikrogramm Stickoxid einmal als „schädlich“ markiert und breitenwirksam durchgesetzt, kann man sich das Nachdenken über den Sinn oder Unsinn des Grenzwertes ersparen – und Kritiker als Reichsbürger denunzieren.

Entgeht Politikern wie Dieter Janecek etwa auch, dass sie mit ihren Gesinnungsdekreten die Rückkehr der Ideologie in die politische Praxis begünstigen? Dass sie den Raum nicht schließen, sondern öffnen für Populisten, die das Prinzip Ignoranz zum politischen Geschäftsprinzip erhoben haben, um die Synapsen des Wahlvolks möglichst kurzschlüssig zu bewirtschaften? Wer im Namen der umweltpolitischen Vernunft die „Wahrheit“ eines beliebigen Grenzwertes zum unbezweifelbaren Dogma erhebt, begibt sich damit freiwillig auf ein Niveau, auf dem sich die Freunde „alternativer Fakten“ wohl fühlen. Er muss sich bewusst sein, dass er gegen professionelle Wahrheitsleugner, Elitenhasser und Klugheitsfeinde in einen Krieg der Behauptungen zieht - und dass er diesen Krieg womöglich verlieren wird. 

Die Wissenschaft ist daran nicht unschuldig. Sie hat sich, wie man weiß, buchstäblich herunterwirtschaften lassen – und  ist heute geradezu definiert als Produzentin von „alternativen Fakten“. Jeder weiß: Die Ergebnisse industriefinanzierter „Forschung“ (Glyphosat, Abgase etc.) bestimmen die öffentliche Meinung heute so gut wie die Resultate unabhängiger Institute und Universitäten. Jeder weiß außerdem: Monokausale Erklärungen nach der Art von „Rauchen tötet jährlich sechs Millionen Menschen“ können nur kompletter Unsinn sein. Trotzdem werden sie immer wieder angestellt.

Eine „Meta-Studie“ des Max-Planck-Instituts für Chemie etwa rechnet in Deutschland mit 120.000 vorzeitigen Feinstaub-Toten; man fragt sich wirklich, was dieser Unsinn soll – und kommt zu dem Schluss, dass Studien heutzutage nicht mehr veröffentlicht werden, um Sachverhalte zu verdeutlichen, sondern im Gegenteil: um sie zu vernebeln. Es geht um die Produktion und Zirkulation von Verunsicherung, um „Paralyse durch Analyse“, so der Ökonom Christian Kreiß – man kann auch sagen: es geht um einen Stellungskrieg der Wissenschaft, in dem sich Kombattanten mit immer neuen Zahlen, Daten, Studien bombardieren – und die aufgeklärte Öffentlichkeit als Schlachtfeld ihrer Interessen verwüsten.

Aus der Asche der Vernunft auf diesem Schlachtfeld erheben sich der Mythos und der Kinderglaube: Kaffee erregt Krebs! Kaffee schützt uns vor Krebs! 40 Mikrogramm Feinstaub schaden der Gesundheit mehr als eine Zigarette am Tag! Oder ist es umgekehrt? Feel free: Man darf heute dieses „liken“, jenes glauben, ganz egal: Der Kapitalismus hat die Forschung kommodifiziert, die wissenschaftliche Erkenntnis reüssiert als Konsumgut – und statt Argumenten und Gründen für und gegen eine Mobilitätswende, autofreie Städte, eine e-mobile Zukunft, den Ausbau von Radwegen, statt Argumenten und Gründen ziehen Politiker und Forscher in einen Glaubenskrieg um einen Grenzwert: 40 Mikrogramm!  

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