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Tauchsieder
Quelle: imago images

Wissenschaft und Grenzwerte? Reine Glaubenssache!

Die Debatte um Feinstaub-Grenzwerte zeigt: Die Forschung im Zeitalter der Postmoderne basiert nicht mehr auf Fakten, sondern schafft soziale Tatsachen. Nicht Wahrheit ist ihre Leitwährung. Sondern Geld – und Geltung.

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Man sagt, das erste Opfer des Krieges sei die Wahrheit. Damit ist gemeint, dass Lüge, Propaganda und (Selbst-)Betrug einer militärischen Auseinandersetzung vorangehen – dass die Vernunft gewissermaßen ausgeschaltet sein muss, sonst würden Mütter und Väter ihre Söhne und Töchter nicht in den sicheren Tod schicken. 1914 zum Beispiel hielten tausende Soldaten euphorisch, ja: quasireligiös ergriffen, mit Nietzsches Zarathustra im Gepäck, Einzug in die Massengräber von Verdun und an der Somme.

Der Bildhauer Ernst Barlach etwa, weit weg von der Front, feierte den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als „großes Glücksgefühl“; er liebte es, „außer sich zu sein, erlöst von sich“ und genoss das Augusterlebnis als „Zustand von Erweiterung“, allenfalls „einem großen Liebesabenteuer“ vergleichbar.

Heute, nach fast 75 Jahren Jahren der Demokratie und des Friedens, hat sich auch die Sehnsucht nach Transzendenz und Erweckung glücklicherweise zivilisiert und universalisiert: Die Deutschen ziehen längst nicht mehr gebietshungrig aus, um sich rassenheldisch-nationalstolz gegen den Erzfeind, den Kaufmannsgeist und die kalte Herrschaft der Technologie in Stellung zu bringen. Sondern sie leisten sich heute eine Wissenschaft, die im Namen der Bevölkerung (und der Menschheit insgesamt) lauter kleine Gesinnungskriege anzettelt, um der Vernunftherrschaft den Garaus zu machen. Auf der Strecke bleibt dabei nicht mehr die Menschlichkeit. Wohl aber die Wertneutralität der Forschung. Und das Erbe der Aufklärung natürlich: ein überprüfbares, geteiltes Verständnis dessen, was wir für wahr, richtig und gut halten. 

Jüngstes Beispiel: die Debatte um Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte. Der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumatologie (DGP), Dieter Köhler, hat einmal mehr den Sinn der geltenden Grenzwerte angezweifelt – und eine Art Aufruf verfasst, dem sich mehr als 100 Lungenärzte angeschlossen haben. Die Unterzeichner kritisieren, dass die geltenden Annahmen zur Gesundheitsgefährdung jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren – dass der Grenzwert 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft als Auslöser für Fahrverbote medizinisch nicht gerechtfertigt sei.

Das hätte man so stehen lassen können. Zumal die DGP eine „kritische Überprüfung“ ihrer eigenen Einschätzung in Aussicht stellte, der zufolge jenseits des Grenzwertes Gesundheitsgefahren vorliegen. Doch dann schwang sich einmal mehr ein Grünen-Politiker zum Richter des wissenschaftlichen Streitfalls auf: Wirtschaftsfachmann Dieter Janecek. Er twitterte: „Was Union und FDP zusammen mit ein paar verirrten Lungenärzten da… aufführen, hat Reichsbürger-Niveau. Eine Schande für die deutsche Politik ist das.“

Tatsächlich liegt die Schande ganz auf Seiten von Dieter Janecek. Indiskutabel: der Reichsbürger-Vergleich. Aber die eifernde Selbstgewissheit, mit der Janecek sich hier zum Inhaber einer wissenschaftlichen „Wahrheit“ erklärt, der scharfrichterliche Jakobinismus, mit dem er einen politischen Grenzwert zum Kriterium wissenschaftlicher Gewissheit erhebt – mit Verlaub: Das verrät nichts weniger als eine totalitäre Gesinnung. Sie berührt umso peinlicher, als sie sich nicht auf existenzielle Fragen bezieht, sondern auf ein kleines Luxusproblem unser Wohlstandsgesellschaft.

Auch wenn es Janecek entgangen sein mag: Die deutsche Luft atmet sich seit 50 Jahren immer besser. Die Lebenserwartung steigt. Die Zivilisationskrankheiten der Gegenwart heißen nicht Krupp-Husten und Tuberkulose, sondern Fettleibigkeit und Bewegungsmangel. Und auch wenn es Janecek entgangen sein mag: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen Grenzwert von 40 Mikrogramm; in den USA gelten 103 Mikrogramm Stickoxid als unbedenklich, die EU lässt ihren Mitgliedsstaaten Ermessungsspielraum, und in deutschen Laserdruckerbüros dürfen 60 Mikrogramm emittiert werden – kurzum: Der Grenzwert ist eine politische Norm, kein heiliger Wissenschaftsgral. 

Kaffee erregt Krebs! Kaffee schützt uns vor Krebs!

Was Politiker wie Janecek außerdem nicht verstehen: Während sich zivilisatorischer Fortschritt durch den permanenten Abbau von Lebensrisiken und -bedrohlichkeiten auszeichnet, zeichnet sich Fortschrittskritik durch die Dramatisierung verbliebener Lebensrisiken- und bedrohlichkeiten aus. Soziologen nennen das Abweichungsverstärkung. Und nirgends ist der Effekt des Prinzips – vielleicht abgesehen von einer munter expandierenden Sozialgesetzgebung – besser zu beobachten als auf dem Feld des Gesundheits- und Umweltschutzes: Mit jeder Steigerung der Luft-, Wasser- und Lebensmittelqualität in Deutschland geht eine höhere Empfindsamkeit der Deutschen für die Luft-, Wasser- und Lebensmittelqualität einher.

Und daran ist auch gar nichts auszusetzen. Wohl aber daran, dass politische Grenzwerte nicht als politische Grenzwerte und Empfindsamkeiten nicht als Empfindsamkeiten kenntlich gemacht werden. Es geht Politikern wie Janecek offenbar nicht darum, politische Entscheidungen auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu treffen. Sondern nur darum, auf der Basis von politisch genehmen Wissenschaftsschnipseln soziale Elementartatsachen zu schaffen. Denn sind 40 Mikrogramm Stickoxid einmal als „schädlich“ markiert und breitenwirksam durchgesetzt, kann man sich das Nachdenken über den Sinn oder Unsinn des Grenzwertes ersparen – und Kritiker als Reichsbürger denunzieren.

Entgeht Politikern wie Dieter Janecek etwa auch, dass sie mit ihren Gesinnungsdekreten die Rückkehr der Ideologie in die politische Praxis begünstigen? Dass sie den Raum nicht schließen, sondern öffnen für Populisten, die das Prinzip Ignoranz zum politischen Geschäftsprinzip erhoben haben, um die Synapsen des Wahlvolks möglichst kurzschlüssig zu bewirtschaften? Wer im Namen der umweltpolitischen Vernunft die „Wahrheit“ eines beliebigen Grenzwertes zum unbezweifelbaren Dogma erhebt, begibt sich damit freiwillig auf ein Niveau, auf dem sich die Freunde „alternativer Fakten“ wohl fühlen. Er muss sich bewusst sein, dass er gegen professionelle Wahrheitsleugner, Elitenhasser und Klugheitsfeinde in einen Krieg der Behauptungen zieht - und dass er diesen Krieg womöglich verlieren wird. 

Die Wissenschaft ist daran nicht unschuldig. Sie hat sich, wie man weiß, buchstäblich herunterwirtschaften lassen – und  ist heute geradezu definiert als Produzentin von „alternativen Fakten“. Jeder weiß: Die Ergebnisse industriefinanzierter „Forschung“ (Glyphosat, Abgase etc.) bestimmen die öffentliche Meinung heute so gut wie die Resultate unabhängiger Institute und Universitäten. Jeder weiß außerdem: Monokausale Erklärungen nach der Art von „Rauchen tötet jährlich sechs Millionen Menschen“ können nur kompletter Unsinn sein. Trotzdem werden sie immer wieder angestellt.

Eine „Meta-Studie“ des Max-Planck-Instituts für Chemie etwa rechnet in Deutschland mit 120.000 vorzeitigen Feinstaub-Toten; man fragt sich wirklich, was dieser Unsinn soll – und kommt zu dem Schluss, dass Studien heutzutage nicht mehr veröffentlicht werden, um Sachverhalte zu verdeutlichen, sondern im Gegenteil: um sie zu vernebeln. Es geht um die Produktion und Zirkulation von Verunsicherung, um „Paralyse durch Analyse“, so der Ökonom Christian Kreiß – man kann auch sagen: es geht um einen Stellungskrieg der Wissenschaft, in dem sich Kombattanten mit immer neuen Zahlen, Daten, Studien bombardieren – und die aufgeklärte Öffentlichkeit als Schlachtfeld ihrer Interessen verwüsten.

Aus der Asche der Vernunft auf diesem Schlachtfeld erheben sich der Mythos und der Kinderglaube: Kaffee erregt Krebs! Kaffee schützt uns vor Krebs! 40 Mikrogramm Feinstaub schaden der Gesundheit mehr als eine Zigarette am Tag! Oder ist es umgekehrt? Feel free: Man darf heute dieses „liken“, jenes glauben, ganz egal: Der Kapitalismus hat die Forschung kommodifiziert, die wissenschaftliche Erkenntnis reüssiert als Konsumgut – und statt Argumenten und Gründen für und gegen eine Mobilitätswende, autofreie Städte, eine e-mobile Zukunft, den Ausbau von Radwegen, statt Argumenten und Gründen ziehen Politiker und Forscher in einen Glaubenskrieg um einen Grenzwert: 40 Mikrogramm!  

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