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Tiefseebergbau Goldrausch am Meeresgrund

So unscheinbar die kartoffelgroßen, schwarzen Manganknollen auf dem Meeresboden sind, enthalten sie doch lukrative Mineralien. Quelle: dpa

Rohstoffe in den Tiefen der Meere wecken Begehrlichkeiten, denn sie enthalten wichtige Metalle für Schlüsseltechnologien wie Batterien. Noch stehen dem modernen Goldrausch aber ein paar Hürden im Weg.

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In der Clarion-Clipperton Zone zwischen Hawaii und Mexiko bilden sich ganz neue staatliche Nachbarschaften. Das dortige deutsche Forschungsgebiet etwa grenzt im Osten an das von Großbritannien, im Süden an Tonga und Nauru und im Norden an Singapur. Das, was der Klondike River für die Goldsucher des späten 19. Jahrhunderts war, ist für den Tiefseebergbau die Zone im Pazifik. Doch nicht etwa Goldnuggets warten auf dem Meeresboden, sondern kartoffelgroße, schwarze Manganknollen.

Da sie für Schlüsseltechnologien wie Batterien, Computer oder Windräder notwendige Rohstoffe wie Nickel, Kupfer und Cobalt enthalten, wecken sie Begehrlichkeiten bei Unternehmen und Staaten. Der Goldrausch der Tiefe könnte jedoch enden, bevor er begonnen hat. Dort, wo es kalt ist und kein Licht mehr hinkommt, der Druck von mehreren Hundert Kilo auf einer fingernagelgroßen Fläche lasten kann, braucht es technologische Meisterleistungen, um die Rohstoffe zu bergen. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes: Neuland. Und wie so häufig macht die Bürokratie die Sache nicht gerade einfacher.

Soll die Verkehrswende weg vom stinkenden Benziner hin zum sauberen Elektroauto gelingen, braucht die Wirtschaft sehr viel mehr Batterien – und damit auch mehr Mineralien und Metalle wie Nickel, Kupfer oder Cobalt. Eigentlich bergen die Reserven an Land noch für Jahrhunderte genügend Metallrohstoffe, erläutert Sven Petersen vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. „Allerdings werden die Gehalte in den Erzen immer geringer, während dadurch gleichzeitig die Umweltbeeinträchtigungen durch den Abbau immer größer werden, um den gleichen Anteil an Metall zu fördern.“ Alternativen zu suchen, sei daher richtig. Neben dem Recycling, neuen Technologien oder dem Verzicht auf Rohstoffe gehört dazu auch die Tiefsee als neue Quelle.

Die Manganknollen sind nicht die einzigen lukrativen Schätze. Gigantische Gebirge, höher als die Zugspitze, ragen unter Wasser in die Höhe. An ihren Hängen bilden sich steinharte, metallhaltige Beläge, sogenannte cobaltreiche Eisenmangankrusten. 1979 erblickte die Besatzung des amerikanischen Forschungstauchbootes Alvin zudem in rund 2600 Metern Tiefe schwarz qualmende Schlote. Wie sich später herausstellte, lagern sich auch dort Mineralien ab und bilden sogenannte Massivsulfide.

Noch kein Regelwerk für den Abbau

Damit es nicht zu einem ähnlichen Wettrennen wie dem zwischen Spanien und Portugal im 15. Jahrhundert um Überseegebiete und Rohstoffe kommt, verwaltet die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) alle Bodenschätze, die 200 Meilen hinter der Seegrenze eines Landes liegen, als „gemeinsames Erbe der Menschheit“. Bisher hat sie nur Erkundungslizenzen an Staaten vergeben. Es fehlt nämlich der sogenannte „Mining Code“, ein Regelwerk für den Abbau der Tiefseeschätze. Eigentlich sollte dieser in diesem Jahr ratifiziert werden. Doch das Coronavirus verzögert diesen Prozess, so Annemiek Vink von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Der Kodex soll unter anderem Umweltstandards festlegen – dabei sind die Folgen für die Umwelt größtenteils noch unklar. Die Menschheit weiß weniger über die Tiefsee als über den Mond. Von den Ozeanschätzen berauschte Unternehmen argumentieren zwar, dass auch der Abbau an Land Berge und Wälder zerstöre, Flüsse austrockne und noch immer Kinder in Minen schufteten. Doch klar ist: „Umweltfreundlich ist der Tiefseebergbau nicht, es gibt nur einen mit geringeren oder größeren Umweltbeeinträchtigungen“, sagt Petersen. Daher müssen sich alle Beteiligten, Umweltschützer ebenso wie Unternehmer, einigen, wie sehr die Umwelt beeinträchtigt werden darf, um den Rohstoffhunger zu stillen – es braucht also Grenzwerte.

Diese versuchen etwa verschiedene Forschungsinstitute im „Mining Impact“-Projekt zu bestimmen. Bereits 1989 durchpflügten Wissenschaftler – mangels existierender Technik damals noch altmodisch mit einer Egge – ein Manganknollengebiet, um einen Abbau zu simulieren. Selbst nach 26 Jahren leben nur zwei Drittel der früheren Bakterien in den noch sichtbaren Spuren, wie eine im April veröffentlichte Studie zeigt.

Denn dort, wo vieles im Zeitlupentempo passiert, Tiere langsam wachsen und später geschlechtsreif werden, erholt sich das Ökosystem nur schleppend. Und auch wenn die Unternehmen heutzutage kaum so antiquierte Werkzeuge wie Eggen nutzen werden, wird der Abbau eine Staubwolke aufwirbeln und das sonst glasklare Tiefseewasser eintrüben. Wie weit wird diese wandern? Wie reagieren die Tiere darauf? Das sind bisher ungeklärte Fragen.

Mischung aus Mähdrescher und Eismaschine

Neuland ist auch die Abbautechnologie der Unternehmen. Sie sind konfrontiert mit einem unwirtlichen Lebensraum der Extreme. Die Lösung der belgischen Bergbautechnikfirma Deme-GSR ähnelt äußerlich einer Mischung aus Mähdrescher und einer Eismaschine, wie man sie vom Schlittschuhlaufen kennt. So wie einst die Seefahrer bei seiner Weltumsegelung mit Hürden zu kämpfen hatten, lief auch die Entwicklung von „Patania II“ nicht rund. Den ersten Testlauf im Ozean musste Deme-GSR im vergangenen Jahr wegen eines kaputten Kabels abbrechen. Nun soll das 25 Tonnen schwere Gerät im nächsten Jahr zu einem Test in die Tiefen hinabsinken, die Manganknollen aufsammeln und über ein Pumpsystem an die Oberfläche zum Schiff bringen.

Das muss alles reibungslos funktionieren. „Jede Manganknolle enthält Metalle im Wert von Cents bis wenigen Eurobeträgen“, erläutert Ozeanforscher Petersen. Daher lohne sich der Abbau erst, wenn die Unternehmen im Jahr mehrere Millionen Tonnen fördern.

Gerard Barron, der als Chef des Unternehmens DeepGreen am Goldrausch der Tiefe teilhaben will, bleibt trotz allem optimistisch und plant von 2024 an, die Tiefseejuwelen, oder wie er es nennt „ein wunderbares Geschenk von Mutter Natur“, kommerziell zu ernten. Dazu hat er sich mit den pazifischen Inselstaaten Nauru, Kiribati und Tonga zusammengeschlossen. Sie haben ein Gebiet von der Größe Bayerns zugesprochen bekommen, das Barron derzeit nach den attraktivsten Manganknollenstellen absuchen lässt.

Trotz Hürden ist der Pioniergeist weiterhin groß: Erst Anfang Juni hat die Blue Minerals Jamaica Limited in Kooperation mit der jamaikanischen Regierung eine Erkundungslizenz in der Clarion-Clipperton-Zone beantragt.

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