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Tinnitus Innovationen gegen das fiese Klingeln im Ohr

Allein in Deutschland leiden mehr als drei Millionen Menschen an Tinnitus. Dieses Leiden lässt sich zwar nicht heilen, aber lindern. Neue Entwicklungen gibt es immer wieder, aber nicht alle sind wirklich hilfreich.

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Tinnitus und seine medizinischen Behandlungsmöglichkeiten Quelle: dpa, Montage

Es ist ein Klingeln, Piepen oder Rauschen, das sich etwa durch eine Entzündung, nach einem Hörsturz oder zu viel Lärm einschleicht. „Tinnitus bedeutet zunächst einmal Ohrgeräusche und es handelt sich dabei medizinisch um ein Symptom, hinter dem viele medizinische Ursachen stehen können“, erklärt Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums der Berliner Charité.

Eine ideale Behandlung gibt es derzeit noch nicht. Und das, obwohl es Schätzungen zufolge in Deutschland mehr als 3,2 Millionen Betroffene gibt und der Tinnitus beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt eines der häufigsten Symptome ist.

Aktuelle Tinnitus-Behandlungen sind vergleichbar mit der Schmerztherapie – denn die Symptome Schmerz und Tinnitus sind ähnlich, sagt die Medizinerin: „Auch die Schmerzforschung hat kein richtiges Pharmakon, um chronische Schmerzen verschwinden zu lassen. In beiden Fällen können die Ursachen, die die Symptome getriggert haben, vielfältig sein und wir haben es nicht in der Hand, den Auslöser sozusagen herauszuschneiden oder etwas zu spritzen und dann ist es weg.“

Was für eine hohe Tinnitusbelastung spricht
Aufwachen Quelle: Fotolia
Sorgen Quelle: Fotolia
Störende Geräusche Quelle: Fotolia
Aggression Quelle: Fotolia
Schlafmangel Quelle: Fotolia
Musik Quelle: Fotolia
Die Ohrgeräusche sind häufig so schlimm, dass sie sich nicht ignorieren lassen. Quelle: Fotolia

Geforscht, produziert und therapiert wird trotzdem fleißig. Immer wieder kommen neue Verfahren auf den Markt, die den Leidensdruck von Tinnitus-Patienten mildern sollen. Viele sind Humbug und Geldmacherei, sagen die Experten. „Wir raten Betroffenen, dass sie nicht so schnell Geld für Dinge ausgeben, die gar nicht bewiesen sind“, sagt Gerhard Hesse, Sprecher des Fachlichen Beirats der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL).

Das Problem: Schwindende Lebensqualität ist eine zentrale Begleiterscheinung bei den Betroffenen. Sie leiden häufig etwa unter Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionen oder Einschlafproblemen. Ihr Wunsch nach Heilung ist deshalb extrem groß – ebenso die Versuchung, nichts unversucht zu lassen, egal wie teuer.


Die 4 Säulen der Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Grundsätzlich wird heute beim akuten Tinnitus dieselbe Therapie angewandt wie beim Hörsturz. Das heißt, der HNO-Arzt behandelt mit Cortison. Viele akute Hörgeräusche verschwinden auch von selbst. Wer den nervigen Ton aber länger als zwölf Monate hört, gilt als chronisch krank. In diesem Fall gehören für die Experten eine ausführliche Beratung, Entspannungs- und Gesprächstherapie zu den Methoden das Tinnitus-Leiden zu lindern. Denn sehr oft gehört zum Tinnitus auch eine psychische Komponente.

Neue Untersuchungen, neue Wege

Eine heute angewandte Methode, um den Tinnitus abzumildern, ist die in den USA entwickelte Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Eine Behandlungsmethode, bei der der chronische Tinnitus quasi aus dem Bewusstsein verdrängt werden soll. Die Idee dahinter: Der Tinnitus ist im Grunde kein laut messbares Geräusch, sondern in erster Linie ein subjektives Lautheitsempfinden.

Durch entsprechende Übungen sollen Patienten lernen, wie sie diesen Ton hinnehmen und ignorieren können, sodass er am Ende weniger laut erscheint. Dazu gehören vier Etappen der Therapie: Beratungsgespräche (Counseling genannt), psychologische Betreuung, Entspannungstechniken und Geräteversorgung etwa mit einem Hörgerät.

Neue Forschungen ergeben aber auch andere Wege. So sollen mithilfe einer innovativen Untersuchungsmethode namens Positronen-Emissions-Tomographie (PET) Tinnitus-spezifische Aktivitäten auf der Großhirnrinde nachgewiesen worden sein. „Das Wichtige ist, dass der Tinnitus nur zu einer Belastung wird, wenn er durch Verschaltung im Gehirn zu bestimmten Anregungen führt und das wollte man nachweisen“, erklärt Hesse.

Die Idee: Durch eine permanente Überaktivität einiger Nervenzellen auf der Großhirnrinde werde dort der tonale, subjektive Tinnitus ausgelöst.

Das sind die zehn lautesten Städte der Welt
Platz 10: KaratschiAuf Platz zehn der Liste der weltweit lautesten Städte liegt Karatschi, die größte Stadt Pakistans. Mit ihren rund 13 Millionen Einwohnern zählt die Hauptstadt der Provinz Sindh zu den größten Städten auf der Welt. Bis 1959 war sie auch Hauptstadt Pakistans. Heute gilt sie unter anderem durch den größten Hafen des Landes zum Wirtschafts- und Handelsknotenpunkt Pakistans. Quelle: REUTERS
Platz 9: ShanghaiDie Hafenstadt Shanghai mit ihren 23 Millionen Einwohnern ist die neuntstärkste von Lärm geplagte Stadt weltweit. Sie ist die bedeutendste Industriestadt und eine der größten Städte Chinas. Mit seinen knapp 32 Millionen umgeschlagenen Containern im Jahr gilt der Hafen als größter Containerhafen der Welt. Shanghai wächst rasant, seit es sich für die Marktwirtschaft geöffnet hat. D ie Stadt verdankt einen überwiegenden Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung den guten Verkehrsverbindungen im Schienennetz. Neben Peking und Hongkong kämpft die Stadt durch das hohe Verkehrsaufkommen aber auch mit stark verschmutzter Luft. Quelle: REUTERS
Platz 8: Buenos AiresAuf Platz acht der weltweit lautesten Städte liegt Buenos Aires, die Hauptstadt Argentiniens. Die offiziell nur 202 Quadratkilometer große Stadt bildet den Kern einer der größten  Metropolregionen Südamerikas, dem Gran Buenos Aires mit etwa 13 Millionen Einwohnern.  Zudem ist sie als einzige Stadt Argentiniens als „Capital Federal“ autonom, also nicht an eine bestimmte Provinz gebunden. Sie ist ein wichtiges kulturelles Zentrum und wurde 2005 durch die Unesco mit dem Titel Stadt des Designs ausgezeichnet. Quelle: AP
Platz 7: New York CityDer berühmte Big Apple folgt auf dem siebten Platz. Mit mehr als acht Millionen Einwohnern ist New York City die bevölkerungsreichste Stadt der USA und dazu eine der bedeutendsten Wirtschaftsräume und Handelsplätze. Viele internationale Konzerne und Institutionen wie die Vereinten Nationen haben hier ihren Sitz. Laut Forbes ist New York City nicht nur eine der lautesten Städte weltweit sondern auch eine der teuersten. Jährlich kommen etwa 50 Millionen Besucher in die Stadt an der Ostküste. Quelle: REUTERS
Platz 6: MadridMit Madrid hat es auch eine europäische Stadt in die Liste der lautesten Metropolen der Welt geschafft. Die Hauptstadt Spaniens zählt gut drei Millionen Einwohner und ist damit nach London und Berlin die drittgrößte Stadt in der EU. Madrid ist seit Jahrhunderten der geographische, politische und kulturelle Mittelpunkt Spaniens und Sitz der Regierung. Ebenso gilt die Stadt als Hauptverkehrsknotenpunkt und führender Wirtschaftsstandort in Spanien. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: TokioDie Anfang der Top 5 der lautesten Städte bildet Tokio. 23 Bezirke mit neun Millionen Menschen bilden das Stadtgebiet. Die ganze Region Tokio umfasst nach der Volkszählung 2005 knapp 36 Millionen Einwohner und zählt zu den größten Ballungsgebieten auf der Welt. Mit seiner Börse gehört Tokio neben New York und London außerdem zu den weltweit wichtigsten Finanzplätzen. Quelle: dpa
Platz 4: KairoDie ägyptische Hauptstadt belegt den vierten Platz im internationalen Ranking der lautesten Städte. Kairo hat knapp acht Millionen Einwohner im Stadtgebiet, die Metropolregion umfasst etwa 16 Millionen Menschen. Damit ist Kairo die größte Stadt Afrikas. Sie ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Ägyptens und der Arabischen Welt. Der Tahrir Platz (Foto) wurde im Arabischen Frühling zum Mittelpunkt der Proteste. Quelle: REUTERS

Verschiedene neue Tinnitus-Therapie-Angebote konzentrieren sich nun darauf, diese Überaktivität herunterzuschrauben – etwa indem sie die anderen Nervenzellen stärker aktivieren oder die überaktiven Zellen hemmen.

Eine solche Methode verbirgt sich hinter Tinnitracks – ein Medizinprodukt, das eine Art Musiktherapie verspricht. Die Idee klingt überraschend einfach: Im Grunde muss der Betroffene nur Musik hören. Mit Tinnitracks wird selbstausgewählte Musik tontechnisch bearbeitet: Aus den Musikstücken wird die individuelle Tinnitus-Frequenz des Nutzers herausgefiltert.

Das Ziel: Beim Hören der bearbeiteten Musik soll die Überaktivität der Nervenzellen im Hörzentrum gehemmt werden und der Tinnitus so mit der Zeit leiser werden. Der Patient hört also einfach nur seine Lieblingsmusik, die für ihn auch nicht stark verändert klingt“, erklärt Adrian Nötzel, Leiter Forschung und Entwicklung für Tinnitracks.

Lieblingsmusik als Therapie

Für die Tinnitracks-Therapie müssen Nutzer zunächst einmal zum HNO-Arzt. Der muss den subjektiven Tinnitus eindeutig diagnostizieren. Anschließend könne der Arzt oder ein Hörgeräteakustiker dann die individuelle Tinnitus-Frequenz bestimmen. Auf die abgestimmt, sollen dann die eigenen Songs – je nach Nutzer vom Handy oder Computer – an Tinnitracks geschickt werden, wo man die MP3s zunächst prüft, ob sie sich eignen. „Es kommt auf das Spektrum der Musik an – ist sie mehr höhenlastig oder basslastig etwa. Und dann ist entscheidend, wo die eigene Tinnitus-Frequenz liegt“, so Nötzel.

Diese Kombination aus dem Frequenzspektrum des Musikstücks und der Tinnitus-Frequenz müssen also zusammenpassen. Grundsätzlich ausschließen könne man keine Musik – aber je nach Tinnitus eignen sich bestimmte Musikstile besser oder schlechter, sagt Nötzel. Die typische Rock-Pop-Radiomusik sei meist ideal. Der Einzelfall könne aber immer abweichen – dafür die Analyse.

Medizinprodukt Tinnitracks

Die Idee zu Tinnitracks ist inspiriert von Studien aus Münster: Tontechniker Nötzel suchte damals nach einem Thema für seine Diplomarbeit in Medientechnik und stieß auf die Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zur Behandlung des chronischen Tinnitus‘ mithilfe von Musik.

Dort war es gelungen in Studien die Tinnitus-Lautheit und damit auch die Lästigkeit des Tinnitus zu reduzieren. Die Studie war allerdings klein und die Zielgruppe stark eingeschränkt: Es handelte sich um chronischen und tonalen Tinnitus – also einen stabilen Pfeif- oder Piepton. „Wir haben ein innovatives Verfahren zur Behandlung des Tinnitus entwickelt und im Rahmen einer Evaluationsstudie dessen Wirksamkeit für ProbandInnen mit einem ganz bestimmten Tinnitus-Profil nachgewiesen“, berichtet das Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse (IBB) der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Uni Münster auf seiner Internetseite.

Ob das Verfahren auch bei anderen sogenannten Tinnitus-Profilen, wie etwa bei Hörverlust, sehr hohen Frequenzen oder einem Rauschen hilft, ist laut den Wissenschaftlern nicht bekannt. Außerdem macht das IBB ganz deutlich: „Das Training mit maßgeschneiderter Musik führt nicht zu einer Heilung - bei den Studienteilnehmern wurde der Tinnitus zwar deutlich leiser, aber er verschwand nicht vollständig.“

HNO-Experten skeptisch

Auf Grundlage dieser Studien entwickelte Nötzel erst seine Diplomarbeit und dann das Medizinprodukt. Schließlich gründete er dann Ende 2012 gemeinsam mit Diplom-Wirtschaftsinformatiker Matthias Lanz und Diplom-Kaufmann Jörg Land die Sonormed GmbH. Tinnitracks wurde zum ersten Produkt.

Die HNO-Experten sind allerdings sehr skeptisch: „Wenn man Musik hört, ist das grundsätzlich etwas sehr angenehmes, da sie entspannt und ein positives Erlebnis erzeugt – damit arbeitet auch die Musiktherapie“, sagt DTL-Sprecher Hesse. „Der Ansatz der Tinnitracks-App ist im Grunde gar nicht neu.“ Hesse forschte bereits in den Neunzigern selbst in dieser Richtung und machte vergleichbare Studien. „Bei meinen eigenen Erfahrungen war das Ergebnis eindeutig: Da war die Musik ohne Verfremdung im Ergebnis genauso hilfreich wie mit Verfremdung.

Deutschlands Lärmquellen in Dezibel

„Warum es mit einer andersartigen Verfremdung besser funktionieren soll – da fehlen einfach die Studien.“ Auch Mazurek sieht das kritisch – schließlich beziehe sich die Sonormed nur auf die Studien aus Münster ohne eigene Studien für ihr Produkt gemacht zu haben. „Ich würde da sehr zurückhaltend sein und auch warnen, denn durch die Stimulation in der Nähe des Ohrgeräuschs kann man dieses auch verstärken. Das muss einem klar sein“, sagt die Charité-Medizinerin. „Die Idee ist grundsätzlich in Ordnung und hörtherapeutische Ansätze zur Tinnitus-Linderung sind ein möglicher Weg, aber ob diese App das kann, dass muss erst noch belegt werden.“

Ebenfalls mit Musik aber in einer viel breiter angelegten Therapie wird in Heidelberg der Tinnitus bekämpft: Seit elf Jahren wird am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM) – dem Viktor Dulger Institut – die Behandlung von Tinnitus mittels Neuromusiktherapie erforscht.

Am größten musiktherapeutischen Forschungsinstitut Europas arbeiten Mediziner und Musiktherapeuten gemeinsam mit Psychologen und Musikwissenschaftlern an Konzepten der Musiktherapie und -medizin. Ihr Ziel: die Lebenssituation Tinnitus-kranker Menschen verbessern. Dazu gehört neben dem Forschungsinstitut die Tinnitusambulanz des DZM, in der seit 2004 rund 1000 Patienten mit chronischem Tinnitus behandelt wurden.

Neuromusiktherapie als Rund-um-Angebot

„Musik und Tinnitus haben sehr viele Gemeinsamkeiten“, sagt Dr. Heike Argstatter, Vorstandsvorsitzende des DZM. „Vor allem bei der Verarbeitung im Gehirn. Wir gehen davon aus, dass der Tinnitus durch eine Veränderung bestimmter Hirnstrukturen ausgelöst wird und diese Veränderungen versuchen wir durch gezielten Einsatz von musikalischen Reizen rückgängig zu machen.“ Das heißt, Patienten sollen den Ton nach der Therapie nicht mehr wahrnehmen oder – wenn sie ihn noch immer hören – den Ton viel besser in ihre normale Hörumgebung integrieren können.

Im Gegensatz zu Tinnitracks, geht die DZM-Therapie über das reine Musikhören hinaus: „Wir gehen davon aus, dass die Veränderungen nicht alleine auf der hörbaren Seite sind, die den Tinnitus ausmachen, sondern dass eine psychologische Komponente eine gravierende Rolle spielt“, so Argstatter. „Wenn das nicht berücksichtigt wird, gehen wir davon aus, dass es durchaus Patienten gibt, denen eine reine Hörtherapie hilft, aber die Mehrzahl der Patienten – zumindest bei uns – haben nicht nur Hörprobleme, sondern auch andere Dinge die bearbeitet werden müssen.“

Beim Therapieansatz in Heidelberg werden zum einen aktive musikalische Übungen eingesetzt, um den Tinnitus bewusster kontrollieren zu können. So gehören Resonanzübungen zum Therapieprogramm. „Üblicherweise wird zur Behandlung von Tinnitus die Durchblutung angeregt. Das macht man häufig durch Medikamente, kann man aber viel besser über diese Resonanzübung erreichen“, so Argstatter. Dadurch würden Vibrationen im Kopf erzeugt, die ebenfalls die Durchblutung anregen.

Ein weiterer Aspekt dieser Therapie ist Entspannungsmusik, in die immer wieder der Tinnitus-Ton eingeblendet wird. „Die Patienten lernen quasi nur auf die angenehme Musik zu achten und eben diesen Störgeräuschen keine Aufmerksamkeit zu schenken – sie also aktiv herauszufiltern“, so Argstatter.

Entspannungsübungen und Techniken zur Stressbewältigung sowie Hörtrainings zur „Normalisierung“ der betroffenen Netzwerke im Gehirn gehören ebenso dazu. „Nach der Therapie hören die Patienten anders – das berichten sie ganz subjektiv in den Fragebögen“, sagt Argstatter. Demnach verspüren rund 80 Prozent eine deutliche Minderung der Tinnitus-Belastung und bei jedem zehnten sei der Tinnitus sogar komplett verschwunden. „Diese Veränderungen lassen sich auch direkt im Gehirn nachweisen“, so Argstatter. „Die Verbesserungen sind also nicht nur Einbildung oder subjektives Empfinden, sondern eine nachweisbare Tatsache.“

Der Schalter gegen den Tinnitus

Ein interessanter Punkt: Eine Studie, in der die einzelnen Aspekte der Therapie getestet wurden, um herauszufinden, welcher am wirkungsvollsten ist, wurde frühzeitig abgebrochen. Der Grund: Die Effekte, die bei der ganzheitlichen Therapie zum Erfolg führten, waren bei der Anwendungen einzelner Therapieschritte einfach nicht da. „Die Patienten hatten nur bei allen Komponenten gemeinsam einen dauerhaften Verbesserungseffekt“, so Argstatter.

„Es wirkt als Gesamtpaket und so ist es sicherlich ein guter Ansatz“ sagt Hesse. Allerdings verspreche die Therapie zu viel und sei relativ teuer, gibt der Professor zu bedenken. Auch Mazurek weist darauf hin: „Es fehlen breit angelegte multizentrische Auswertungen, sodass einzelne Studien nicht in den Leitlinien als Therapieempfehlung berücksichtigt wurden.“

Im Bereich der Medizinprodukte gibt es viele derartige Angebote, die keine Empfehlung in den offiziellen Leitlinien der HNO-Experten bekommen. Die gehen noch in ganz andere Richtungen – so forschen Mediziner in Antwerpen an einem Gel und ein schwedisches Unternehmen hat ein Pflaster auf den Markt geworfen, dass durch Licht Heilung verspricht – wie es funktioniert versteht der Laie aber nicht. Scharlatanerie, nennt Hesse diese Entwicklungen, die vor allem dadurch hervorgerufen werden, dass es zum einen nicht die ultimativ richtige Behandlung gibt, zum anderen die Krankenkassen die meisten Leistungen über Cortison hinaus sowieso nicht zahlen und der Markt so große finanzielle Anreize bietet.

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Der Rat der Deutschen Tinnitus-Liga: „Wenn ein Produkt verspricht den Tinnitus vollständig wegzubekommen, ist Vorsicht geboten“, so Hesse. Ein ausführliches Beratungsgespräch mit dem HNO-Arzt, Selbsthilfegruppen und Entspannungstherapie seien gute Ausgangspunkte.

Perspektivisch kann Tinnitus-Betroffenen abschließend nur durch eine Heilung im Innenohr geholfen werden – die Verwirklichung dieses Ziels liegt aber noch in weiter Ferne. „Das ist eine Frage, die man nur gentherapeutisch lösen kann, indem man die geschädigten Zellen über Gene wieder reaktiviert und davon ist die Forschung leider noch sehr, sehr weit entfernt“, so Hesse. „Diesen einen Schalter zu identifizieren, den man dann umlegen kann – das ist noch Zukunftsmusik“, sagt auch Mazurek.

Bis die Forschung wirkliche Innovationen zur Tinnitus-Heilung findet, dürften also noch viele Jahre ins Land gehen. Eines haben heutige Betroffene älteren Generationen aber voraus: Die Wissenschaft ist dem Ursprung des Tinnitus‘ näher als jemals zuvor und aktuelle Therapieansätze helfen zumindest sehr gut, den Leidensdruck der Betroffenen zu reduzieren, um das Leben auch mit Piepen im Ohr – leise oder laut – zumindest wieder lebenswerter zu machen.

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