US-Studie Auch ältere Menschen sind offen für Telemedizin

Eine Ärztin sitzt vor ihrem Laptop und hat ein Telemedizin-Programm geöffnet. Quelle: dpa

Ein Skype-Gespräch mit dem Arzt kann effizient sein. Nicht nur die junge Generation weiß das zu schätzen. Wenn schon der Weg in die Praxis zur Qual wird, ist eine Ferndiagnose per Video-Chat manchmal die bessere Wahl.

Jeden Morgen legt Sidney Kramer das Blutdruckgerät an und stellt sich auf die Waage. Das Ergebnis der Messungen wird automatisch an ein Pflegeteam geschickt - und an das Smartphone seiner Tochter. Wenn etwas nicht stimmt, ist Hilfe schnell zur Stelle. Ansonsten kann der 92-Jährige trotz einer Herzinsuffizienz ein recht unbeschwertes und selbstständiges Leben im eigenen Haus führen.

„Es ist sehr beruhigend, sowohl psychisch als auch physisch“, sagt Miriam Dubin über das Arrangement für ihren Vater im US-Staat Maryland. „Er sagt selbst, dass es für ihn so sei, als wenn er jeden Morgen einen Termin bei seinem Arzt habe.“ Und Kramer ist nicht der einzige „Senior“, der von den Vorteilen der Telemedizin überzeugt ist. Neun von zehn US-Bürgern über 40 würden sich laut einer Umfrage des Associated Press-NORC Center for Public Affairs Research bei Bedarf auf eine solche Form der Behandlung einlassen.

Lange galt Telemedizin eher als Notlösung für besonders dünn besiedelte Regionen, in denen es nicht genügend Ärzte gibt. Inzwischen hält sie aber in immer weiteren Bereichen Einzug - und zwar nicht nur unter technikaffinen Jugendlichen. Bei chronischen Erkrankungen und vor allem bei eingeschränkter Mobilität bietet die online-basierte Betreuung ein klares Plus an Bequemlichkeit. Zugleich eröffnet sich dadurch eine Chance, die gesamtgesellschaftlichen Kosten der medizinischen Versorgung trotz alternder Bevölkerung im Rahmen zu halten.

Für den Einzelnen ist bisher aber gerade die Finanzierung oft noch ein Knackpunkt. In den USA werden Video-Chats mit dem Arzt zwar von privaten Versicherungen zunehmend übernommen. Bei der öffentlichen Krankenversicherung Medicare müssen Patienten aber meist noch selber in die Tasche greifen. Dank neuer Gesetze könnte sich dies allerdings bald ändern - etwa wenn es um das Erkennen von Schlaganfall-Symptomen geht oder bei einer Heimdialyse.
Während das Interesse enorm ist, scheitert es in der Praxis oft noch immer an den Möglichkeiten einer Erstattung“, sagt die Ärztin Ingrid Zimmer-Galler von der Johns Hopkins University in Baltimore. Die im Winter vom Kongress verabschiedeten Neuregelungen seien „wirklich ein großer Schritt in die richtige Richtung“. Aber auch damit würden längst nicht alle Kosten abgedeckt.

Wie aus der jüngst veröffentlichten AP-NORC-Studie hervorgeht, haben weniger als ein Drittel der Amerikaner im Alter von über 40 Jahren für den Fall einer künftigen Pflegebedürftigkeit Geld zurückgelegt. Um Behandlungen zu finanzieren, werde die Telemedizin bei vielen Menschen daher wohl nicht als Ergänzung, sondern als Ersatz für eine persönliche Betreuung dienen müssen, warnt Zimmer-Galler.

Im Detail zeigt die Umfrage, dass die ältere Generation den neuen Möglichkeiten genauso offen gegenübersteht wie die junge. Nur wenn es darum geht, sich per Textnachricht über Beschwerden auszutauschen, ist die Skepsis bei älteren Personen noch etwas größer. Generell betonten viele der Befragten, dass ihnen sehr daran gelegen sei, dass alle gesundheitlichen Informationen vertraulich blieben - mehr als 30 Prozent äußerten Bedenken bezüglich Datensicherheit und ihrer Privatsphäre. Etwa die Hälfte sah die Gefahr, dass durch Telemedizin die Qualität der Betreuung sinken könnte.

„Ich denke, die Eltern wären viel lieber zu Hause, anstatt in einer Praxis eine Stunde lang zu warten, um dann für 15 Minuten einen Arzt zu sehen“, sagt Don Withey, der in der Kleinstadt Cortland im Staat New York seinem 92-jährigen Vater und seiner 89-jährigen Mutter bei den Besuchen hilft. Bisher hätten sie mit Telemedizin allerdings keine Erfahrungen gemacht. „Wir wissen nicht viel darüber, außer dass es möglich ist, auch über einen Computer oder über ein Smartphone mit einem Arzt zu sprechen.“

Wie deutsche Patienten bereits von Telemedizin profitieren

„Es geht nicht nur darum, einen Bildschirm und Skype oder auch eine Blutdruckmanschette im Haus zu haben. Es geht darum, dass ein Team dahinter steht und dass Ärzte die Behandlung des jeweiligen Patienten unterstützen“, sagt Rachel DeSantis, die an der Johns-Hopkins-Klinik die Abteilung für häusliche Krankenpflege leitet - aus der Ferne betreut das Team von DeSantis auch den 92-jährigen Herzpatienten Kramer.
Die Hopkins-Universität bietet Patienten nach einem stationären Aufenthalt ein bis zwei Monate eine kostenlose Beobachtung per Telemedizin an. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass auf diese Art die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Einlieferung reduziert werden kann. Als etwa im Falle von Kramer in einer Woche das Gewicht plötzlich hochging, wussten die Pfleger sofort, dass es sich um eine Flüssigkeitsansammlung handelte, und konnten diese dann schnell behandeln.

Da Kramer schon seit längerer Zeit wieder zu Hause ist, muss er die Kosten für die Online-Betreuung inzwischen privat tragen. Etwa 250 Dollar (214 Euro) sind es pro Monat. Das Geld sei es aber auf jeden Fall wert, sagt Kramers Tochter Dubin.

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