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Valley Talk

Griff nach den Sternen mit Minisatelliten

Matthias Hohensee Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee Korrespondent (Silicon Valley)

Der Boom der Smartphones hat einen überraschenden Nebeneffekt: Er macht auch private Satelliten erschwinglich.

Härtetest für privates Weltraum-Taxi
In den USA laufen die Vorbereitungen für einen Testflug der neuen Rakete Antares, die in Zukunft Fracht-Transporter zur Internationalen Raumstation ISS bringen soll. Der Start sei für Mittwoch um 17.00 Uhr Ortszeit (23.00 Uhr MESZ) im US-Bundesstaat Virginia geplant, so die US-Raumfahrtbehörde Nasa und der Hersteller, das US-Unternehmen Orbital. Quelle: Nasa
Die von Orbital entwickelte 40 Meter lange unbemannte Trägerrakete soll künftig den privaten Raumfrachter Cygnus ins All tragen, um die ISS mit Vorräten, Ersatzteilen und Materialen für wissenschaftliche Experimente zu versorgen. Quelle: dpa
Orbital ist eines von zwei Unternehmen, das mit der Nasa einen Vertrag über die Versorgung der Internationalen Raumstation ISS abgeschlossen hat. Sollte der Test gelingen, wird Orbital im Sommer in einem weiteren Test ein Versorgungsraumschiff zur ISS schicken. Quelle: AP
Die Nasa hat den Betrieb ihrer Shuttle-Flotte 2011 aus Kostengründen eingemottet. Für Reisen zur ISS können Astronauten in den russischen Sojus-Kapseln mitfliegen. Doch für größere Transporte ist Sojus zu klein. Deshalb entwickeln private Unternehmen wie Orbital unbemannte Weltraumtransporter. Quelle: dpa
Sind alle Tests erfolgreich, soll Orbital im Auftrag der Nasa acht Missionen zur ISS verwirklichen. Dabei würden die Cygnus-Kapseln insgesamt 20 Tonnen Fracht zur Raumstation liefern. Der Auftrag hat nach Nasa-Angaben ein Gesamtvolumen von rund 1,9 Milliarden Dollar (etwa 1,45 Milliarden Euro). Quelle: Orbital
Der Termin für den Start der Rakete könnte sich bei schlechtem Wetter allerdings verzögern. Er war in der Vergangenheit bereits mehrmals aus technischen Gründen verschoben worden. Quelle: AP
Bislang hat erst ein Privatunternehmen für die Nasa Fracht zur ISS transportiert: Im vergangenen Mai startete die unbemannte Dragon-Kapsel des kalifornischen Unternehmens SpaceX zu ihrem ersten Versorgungsflug. Quelle: Nasa

Rund 20 Millionen Dollar ließ sich Weltraumtourist Dennis Tito vor zwölf Jahren seinen Mitflug an Bord einer russischen Sojus-Raumkapsel kosten. Für den Investmentbanker war die Woche im All finanziell kein Problem. Die Masse weltraumbegeisterter Erdlinge aber kann sich solch einen Trip bislang nicht leisten. Trotz Dutzender Unternehmen wie Richard Bransons Virgin Galactic, die Flüge ins All erschwinglicher machen wollen. Wer die Erde höchstpersönlich aus dem Orbit betrachten will, muss sehr vermögend sein.

Doch geht es nach Joel Spark, kann bald jeder Interessierte die Erde vom All aus inspizieren, für nur rund 250 Dollar die Woche. Der Raumfahrt-Ingenieur ist einer der Gründer des Startups Nanosatisfi. Ich traf ihn kürzlich auf der vom Hamburger Unternehmer Harald Neidhardt organisierten Technologiekonferenz Mlove in Monterey.

Nanosatisfi, das in einer Garage in San Francisco residiert, will ein privates Netz aus seinen ArduSat genannten Minisatelliten installieren. Auf die soll jeder Zugriff haben und so etwa das Wetter beobachten oder Satellitenfotos schießen können. Zum Start fokussiert sich das Startup auf Schüler und Studenten. Später sollen kommerzielle Dienste wie das Beobachten von Güterverkehr hinzukommen.

Minisatelliten gibt es schon. Rund 80 Stück, die meist von Universitäten und staatlichen Forschungen betrieben werden, kreisen im All. Sie sind viel kleiner und leichter als herkömmliche Satelliten, die durchschnittlich zwei Tonnen schwer sind. Die Nanosatisfi-Flugkörper etwa bringen nur ein Kilogramm auf die Waage.

Schrottplatz Weltraum
Die Computersimulation der Europäischen Weltraumorganisation ESA zeigt auffindbare Objekte in der Erdumlaufbahn. Rund 6000 Tonnen Weltraummüll kreisen schon heute auf erdnahen Bahnen um unseren Planeten - und jedes Jahr kommen einige Dutzend Tonnen dazu. Quelle: dpa
Spektakuläre Trümmerteile wie dieser Tank einer amerikanischen Delta 2-Rakete, der 1987 in Texas niederging ... Quelle: NASA
... oder dieses Bruchstück eines Raketenstufe, das 2001 in Saudi Arabien einschlug, verdeutlichen einen Aspekt des Problems: Pro Jahr stürzen mehrere zehn Tonnen Weltraumschrott zur Erde zurück. Zwar verglüht das meiste davon in der Atmosphäre, besonders große Trümmerstücke können jedoch bis zur Erdoberfläche durchkommen. Quelle: NASA
Die US-Amerikanerin Lottie Williams ist der bislang einzige Mensch, der von einem Stück Weltraumschrott getroffen wurde. Bei dem Zwischenfall im Jahr 1997 hatte sie großes Glück: Das Bruchstück einer Delta 2-Rakete der US Air Force traf ihre Schulter, verletzte sie aber nicht. Quelle: NASA
Ungleich größer sind die Gefahren, die von Weltraumschrott für Objekte im erdnahen Orbit ausgehen. Dieses bei Reparaturarbeiten ausgetauschte Teil des Hubble-Weltraumteleskops weist zahlreiche Einschlagspuren auf. Quelle: NASA
Auch die Antennenschüssel des Weltraumteleskops wurde durch Weltraumschrott in Mitleidenschaft gezogen. Quelle: NASA
Solche Trümmerteile aus Aluminiumoxid entstehen beim Einsatz von Feststoffraketen, wie sie etwa beim Start eines Spaceshuttles zum Einsatz kamen. Im All entwickeln sie sich zu Geschossen mit enormer Durchschlagskraft. Quelle: NASA

Vor allem aber kostet ihr Bau nicht mal 250.000 Dollar, sagt Spark – ein Bruchteil von herkömmlichen Satelliten. Das liegt nicht nur am reduzierten Funktionsumfang der orbitalen Zwerge, sondern auch am Einsatz herkömmlicher Elektronikbauteile. Denn die benötigten Komponenten werden vor allem dank des Booms im Smartphone-Markt nicht nur immer günstiger, sondern auch kompakter.

So wiegt etwa ein im ArduSat verbauter Sensor, der das Gefährt zur Sonne ausrichtet, nur noch 5 Gramm. Vor ein paar Jahren waren es noch 365 Gramm. Die Folge: Minisatelliten können wegen ihrer Abmessungen und ihres Gewichts relativ günstig in den Orbit befördert werden. Ein Platz in einer Versorgungsrakete zur internationalen Raumstation ISS ist schon für 150 000 Dollar pro Kilogramm zu haben. Nanosatisfi will im Sommer zwei Satelliten im All platzieren und hat dafür 1,2 Millionen Dollar von Privatanlegern eingesammelt. Weiteres Geld kam von der Crowdfunding-Plattform Kickstarter, über die Unterstützer vorab Nutzungszeit auf den Satelliten erwarben.

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Offiziell sind die von Spark und seinem Mitgründer Jeroen Cappaert konstruierten Satelliten von staatlicher Stelle als „Waffen“ klassifiziert, genauso wie die ersten Supercomputer. Tatsächlich aber sind die Auflagen gering, weil die Auflösung der benutzten Kameras nicht an die moderner Spionagesatelliten heranreicht. Trotzdem wird sich so mancher nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass demnächst neben klassischen Flugdrohnen auch private Minisatellitenflotten auf die Erde spähen.

Für Diskussionsstoff sorgt auch die auf nur zwei Jahre ausgelegte Lebenszeit der Minisatelliten, die die Weltraumschrott-Problematik noch verschärft. Spark sieht das Hauptproblem zwar eher bei traditionellen Satelliten, deren Teile nicht immer in der Erdatmosphäre verglühen. Doch auch die Minisatelliten wirken im Orbit wie Geschosse und erschweren die traditionelle Raumfahrt.

Dennoch überwiegen für Spark die Vorteile. Er ist gespannt darauf, welche Ideen mit den Satelliten umgesetzt werden. Umso mehr, weil sie nicht mehr nur für staatliche Forscher oder Vermögende erreichbar sind.

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