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Verantwortung Wie Befehle die Moral aushebeln

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Geld für Stromschläge

Dazu setzten sie zwei Experimente an. Die Probanden sollten sich in Paaren einander gegenüber setzen. Einer nahm die Rolle des Täters, einer die des Opfers ein. In der ersten Versuchsanordnung konnten sich die Testpersonen nach eigenem Ermessen per Knopfdruck bereichern, indem sie ihrem Gegenüber Geld wegnahmen. Dargestellt wurde das über einen Bildschirm, auf dem der Täter Geldmünzen vom Geldsäckchen des Opfers zu seinem hinüber wandern ließ.

In einer zweiten Versuchsanordnung konnten sich die Täter bereichern, wenn sie ihrem Opfer freiwillig einen Stromschlag verpassten. Für jeden ausgeteilten Stromschlag klingelte es in der Kasse. Dabei war die Hand des Opfers an eine Stromquelle angeschlossen und zuckte deutlich sichtbar für den Täter.

Hintergrund dieser Versuchsanordnung: Beim Milgram-Experiment wurde oft bemängelt, dass es sich bei den Opfern um Schauspieler handelte, die in einem anderen Raum als die Versuchsperson untergebracht waren. Die Schmerzensschreie kamen vom Band.

Kritiker des Experiments monierten, man könne nicht sicher sein, dass die Versuchspersonen tatsächlich geglaubt hätten, ihrem Opfer reale Schmerzen zuzufügen. Stattdessen könnten sie gespürt haben, dass es sich um eine Simulation handle. Im aktuellen Versuchsaufbau legte die Forschergruppe Wert darauf, dass die Täter die Auswirkungen ihres Handelns unmittelbar erleben konnten.

Ändert Zwang die Hirnaktivität?

In zwei weiteren Versuchsanordnungen geschahen beide Dinge – Geld wegnehmen und Stromschläge verteilen – durch Zwang eines Versuchsleiters. Einmal hatten die Probanden also selbst die Kontrolle über die Situation, einmal wurde ihnen die Macht über ihre Handlungen entzogen. „Die Kombination von Geld und Schmerz in unseren Experiment stellte sicher, dass unsere Teilnehmer aus Gier und Angst heraus handelten – Faktoren, die menschliche Entscheidungen ständig beeinflussen“, schreiben die Autoren.

In der Auswertung des Experiments zeigte sich, dass die Probanden, die selbst entscheiden konnten, mehr Verantwortung für ihre Taten empfanden. Hingegen erlebten sich die Versuchsteilnehmer, die unter Zwang agierten, als passiv und weniger verantwortlich für die Folgen ihres Handelns.

In einem weiteren Versuchsdurchgang untersuchten die Forscher zusätzlich die Hirnströme der Probanden. Anhand der Auswertung konnten sie zeigen, dass sich die Verarbeitung der Vorgänge im Gehirn deutlich unterscheidet.

Wie frühere Studien zeigen, schlägt ein bestimmtes Signal (sogenannte ereignisbedingte Potenziale, ERP) stärker aus, wenn ein Proband aus freiem Willen handelt. Die Forscher gingen davon aus, dass Zwang den Ausschlag des ERP-Signals reduziert. Und tastsächlich führte die Nötigung durch den Versuchsleiter zu Ausschlägen, die passiven Bewegungen entsprachen.

In Arbeit
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Aktionen unter Befehl würden erlebt, als wenn sie passiv wären, schlussfolgern die Wissenschaftler. Das Gehirn scheine durch Zwang in eine Art „passiven Modus“ umzuschalten, was das Verantwortungsgefühl verändere. „Zwang könnte die Vorgänge reduzieren, die normalerweise die Wahrnehmung des eigenen Handelns und seiner daraus folgenden Konsequenzen verknüpfen“, interpretieren sie die Ergebnisse.

Diese Erkenntnisse, stellen die Wissenschaftler klar, könnten nicht als Legitimation der Ausrede „nur Befehle befolgt“ zu haben, wie sie im Nürnberger Prozess strapaziert wurde, ausgelegt werden. Zwar deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass die Täter sich subjektiv als weniger verantwortlich empfänden. Die Gesellschaft brauche aber „ganz klar Schutz, egal ob die Täter sich zum Zeitpunkt ihrer Taten als verantwortlich empfänden oder nicht“.

Zu Recht argumentiert die Rechtsprechung, dass vernunftbegabte Menschen wissen sollten, dass sie verantwortlich für die Folgen ihres Tuns sind – egal, ob sie das nun so empfinden oder nicht.

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