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Versiegende Vorkommen Europa geht das Erdgas aus

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Die Niederlande können sich bald nur noch selbst versorgen

Dieser Rückgang ist derzeit besonders bedrohlich, warnt Tim Boersma, Energieexperte der Brookings Institution, einem US-Thinktank. Denn: „Einen Förderrückgang in Groningen können die Niederlande nicht auffangen.“ Erst Anfang Februar hat die Regierung in Den Haag wegen der Erdbebengefahr die Förderung weiter gesenkt. Verglichen mit 2013 könnte Groningen dieses Jahr knapp 40 Prozent weniger Erdgas liefern. Ob das ausreicht, um die Erde zu besänftigen, weiß niemand. „Fahren wir die Produktion zurück, wird es das Risiko eines gravierenden Erdbebens nicht verringern“, räumt ein Sprecher von Shell ein. Allenfalls lasse sich Zeit gewinnen.

Aufgrund der Probleme in Groningen können sich die Niederlande womöglich schon 2020 nur noch selbst mit Erdgas versorgen. An Exporte nach Deutschland wäre nicht mehr zu denken.

Aber nicht nur bei unseren Nachbarn droht der Engpass. In Großbritannien ist er längst Realität. Dort ist die Erdgasproduktion seit 2005 regelrecht eingebrochen. Alte, seit Jahrzehnten aktive Felder leeren sich. „Mögliche neue Felder sind aber nur mit großem Aufwand zu erschließen“, sagt William Powell, Erdgasexperte beim Analyseunternehmen Platts in London.

Stürme behindern Erschließung neuer Vorkommen

Ein Beispiel: die Vorkommen zwischen den Shetland- und Färöer-Inseln im äußersten Norden Großbritanniens. Seit 2004 arbeitet dort der französische Rohstoffriese Total daran, die Felder Laggan und Tormore ans Netz zu bringen. Es ist eine teure Herkulesaufgabe. Wegen der orkanartigen Stürme und bis zu 30 Meter hohen Wellen bauen die Ingenieure keine Plattformen mehr, sondern wollen automatisiert in 600 Meter Tiefe am Meeresboden fördern. Bis zu vier Milliarden Euro wird das Projekt am Ende voraussichtlich kosten.

Außerdem sind neue Gasfelder teilweise bis zu 200 Grad heiß und stehen mit 1000 bar unter extremem Druck. Zum Vergleich: Ein Autoreifen misst 2,5 bar. Das Risiko bei der Förderung steigt. 2012 wurden wegen eines Gaslecks mehr als 200 Mitarbeiter von der Bohrinsel Elgin vor der schottischen Küste evakuiert. Die Plattform drohte zu explodieren. Sieben Prozent der britischen Erdgasförderung waren gefährdet.

„Insgesamt befindet sich die Öl- und Erdgasindustrie in Großbritannien in einer Dämmerphase“, resümiert Powell. Laut einer Studie der Universität Oxford versiegen die aktuell in Betrieb befindlichen Felder in weniger als sieben Jahren.

Seit 2010 keine großen Erdgasfelder entdeckt

Bleibt von den großen Produzenten in Europa nur Norwegen als Hoffnungsträger. Immerhin 20 Prozent des Erdgases bezieht Deutschland aus dem nordischen Staat. Hier scheint die Situation auf den ersten Blick weniger brenzlig. „Wir werden die Produktion bis 2020 konstant halten können“, erklärt Harris Utne, Erdgasexperte beim Energieanalysedienst Rystad Energy in Oslo. Was aber passiert dann? „Nach 2020 müssen wir neue Felder erschließen.“ Zwar könne Troll, das größte norwegische Vorkommen, das für ein Drittel der landesweiten Produktion steht, sein Niveau bis 2030 halten. Dafür gehe aber die Produktion in Ormen Lange und Asgard zurück, die heute noch ein weiteres Drittel liefern.

Ein gravierendes Problem hat aber auch Norwegen: „Seit 2010 wurde kein größeres Gasfeld mehr entdeckt“, sagt Utne. Die Hoffnung der Norweger ruhen auf Erdgasreserven in der Barentssee, am Rand des arktischen Ozeans. Aber Utne warnt vor übertriebenen Erwartungen. Die Erschließung sei schwierig und teuer, zudem müssten Pipelines gebaut oder Schiffe angeschafft werden, um den Rohstoff zu den Kunden zu bringen. „Laut unseren Berechnungen ist keine größere Produktion vor 2035 zu erwarten.“ Bisher liefert nur das Snøhvit-Feld (deutsch: Schneewittchen) in der Barentssee geringe Mengen.

Welche Felder den Produktionsrückgang in Norwegen nach 2020 auffangen sollen, ist derzeit also noch völlig unklar. Auch hier muss sich Deutschland auf schwindende Lieferungen einstellen.

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