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Versiegende Vorkommen Europa geht das Erdgas aus

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Innovationen sind sehr teuer

In der Vergangenheit halfen oft technische Innovationen, um die Fördermengen aufrechtzuerhalten. Ob das diesmal klappt, ist noch unklar – denn sie sind extrem teuer. So investiert der staatliche norwegische Konzern Statoil derzeit rund zwei Milliarden Euro in 5000 Tonnen schwere Kompressoren auf dem Meeresboden, die den Druck in Vorkommen wie Asgard erhöhen und die Produktion verlängern sollen.

Ähnliche Projekte könnte künftig der niedrige Ölpreis verhindern, der den Unternehmen die Bilanz verhagelt. Allein Shell will die Ausgaben für neue Projekte um 15 Milliarden Dollar kürzen. Chevron verzögert eine Zehn-Milliarden-Dollar-Investition in das Öl- und Gasfeld Rosebank nahe den Shetland-Inseln. Auch die Entwicklung des riesigen Erdgasfeldes Stockman in der Barentssee liegt auf Eis.

Bleibt die Frage: Welche Alternativen zum heimischen Erdgas gibt es für Europa?

Russland fällt als Alternative aus – selbst wenn sich die Großmacht und die EU wieder annähern. Erst Ende vergangenen Jahres stoppte Präsident Wladimir Putin den Bau der South-Stream-Pipeline nach Südosteuropa. Die Verbindung hätte knapp 15 Prozent des europäischen Erdgasbedarfs decken und einen Teil des Förderrückgangs auffangen können.

Für Biogas fehlen Anbauflächen

Auch um andere Alternativen steht es schlecht, wie im Oktober eine weitere Studie der Universität Oxford zeigte. Zwar habe Europa genug Terminals an seinen Küsten, um jährlich rund 200 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas zu importieren, haben die Forscher ermittelt – nur gut ein Fünftel davon wird aktuell genutzt. Flüssiggas ist aber bis zu einem Drittel teurer als europäisches Gas. Für die Verbraucher wäre diese Lösung also kostspielig. Auch Biogas könne die Lücke nur begrenzt füllen, dafür fehlten schlicht die Anbauflächen.

Unkonventionelle Gasvorkommen

Und das Schiefergas? Allein um den aktuellen Produktionsabfall eines Feldes wie Groningen aufzufangen, müssten die Rohstoffkonzerne bis 2025 jährlich rund 600 Bohrungen in Europa niederbringen, rechnen die Forscher aus Oxford vor. Beim aktuellen Widerstand der Bevölkerung gegen die Technik ist das wenig wahrscheinlich.

Ebenso wenig ist striktes Energiesparen eine Lösung. Damit die Europäer ihren Erdgasverbrauch signifikant senken, müsste die Politik „sehr weitreichende Anreize bieten, die über die aktuellen Programme hinausgehen“, schreiben die Experten.

Eine letzte Alternative liegt weit im Osten. Im September 2014 hat Ilham Alijew, der Staatschef von Aserbaidschan, feierlich den ersten Spatenstich für eine Pipeline nach Europa gemacht. Sie soll Erdgas aus dem Kaspischen Meer über die Türkei bis nach Italien bringen. Der Bau der 3500 Kilometer langen Röhre samt Erschließung neuer Felder soll 45 Milliarden Dollar kosten. Baubeginn ist 2016, vier Jahre später soll der Rohstoff in Italien anlanden. Baku will vorerst aber nur zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr liefern – viel zu wenig, um Europas Erdgaslücke zu schließen.

Eine Chance für Aserbaidschan

Forschung



Würden die Betreiber das Erdgas komprimieren, wäre auch das Doppelte möglich, sagt Elshad Nassirov, der beim staatlichen Öl- und Gaskonzern Socar für Investitionen und Marketing zuständig ist. Willkommen wäre das Gas, teilte die EU-Kommission erst Anfang Februar in einem Strategiepapier mit. Sie will den Ausbau des Gaskorridors jetzt womöglich noch beschleunigen. Dabei war auch Aserbaidschan als Lieferland lange in Brüssel umstritten. Menschenrechtsorganisationen werfen dem Präsidenten Alijew die Unterdrückung der politischen Opposition vor.

Aber in Baku glauben die Verantwortlichen an ihre Chance. Dort träumen sie davon, künftig mit weiteren Pipelines die riesigen Erdgasreserven in Turkmenistan, dem Iran und Nordirak für Europa zu erschließen. „Wir sind bereit für mehr“, versichert Nassirov. Das gespannte Verhältnis zwischen der EU und Russland sehen die Politiker in Baku auch als Chance, sich als verlässlicher Lieferant zu etablieren.

Die wird Europa bald dringend brauchen.

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