Verwirrende Studien-Vielfalt Warum Ernährungstipps nicht zu trauen ist

Zucker macht nicht dick und Fast Food sogar schlank? Gerade in der Ernährungsforschung ist es schwierig, zu wissenschaftlich stichhaltigen Ergebnissen zu kommen. Ein Blick auf die umstrittensten Thesen.

Die größten Kalorienbomben
ColaDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor den Folgen übermäßigen Zuckerkonsums und empfiehlt etwa für einen gesunden Erwachsenen, die tägliche Zufuhr auf rund 25 Gramm zu beschränken. In einer 330 Milliliter Flasche Cola stecken immerhin neun Teelöffel Zucker, was in etwa 36 Gramm entspricht - das Limit wäre mit einer kleinen Flasche Coca-Cola also schon gesprengt. Ein Blick auf weitere Kalorienbomben: Quelle: REUTERS
Ketchupflaschen Quelle: dpa
Wurst Quelle: dpa
Gummibärchen Quelle: dpa/dpaweb
Gläser mit Saft Quelle: obs
Milch in einem Glas Quelle: dpa
Ein gefangener Fisch Quelle: dapd
Pflanzencreme mit Butteraroma Quelle: dpa/dpaweb
Marzipanschweinchen Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Parmesan Quelle: dpa
Studentenfutter Quelle: Fotolia
Sonnenblumenkerne Quelle: Fotolia
Markenbutter Quelle: dpa/dpaweb
Nuss-Nougat-Creme Quelle: Fotolia
Krümelmonster Quelle: dpa
Chips Quelle: Fotolia
Schokolade Quelle: dapd

Die neue Kinderlebensmittel-Untersuchung der Verbraucherorganisation Foodwatch hat heftige Diskussionen ausgelöst: Fixt die Lebensmittelindustrie mit ihren Werbekampagnen unseren Nachwuchs ganz gezielt auf Kalorienbomben an, in denen viel zu viel Zucker und Fett stecken? Und trägt sie damit zur Verfettung unserer Gesellschaft bei – mit fatalen und kostspieligen gesundheitlichen Folgen wie Herzkreislaufschäden, Diabetes oder Gelenkschäden? Muss sie deshalb mit Gesetzen und Vorschriften gestoppt werden? Oder sind Süßigkeiten, Softdrinks, Chips und Pizza gar nicht schädlich für unsere Gesundheit?

Das Problem an der Sache ist: Wissenschaftlich sauber und stichhaltig lässt sich weder das eine, noch das andere beweisen. Denn Ernährungsstudien oder epidemiologische Untersuchungen zeigen meist nur Zusammenhänge - Korrelationen - an. Etwa die statistisch messbare Zunahme von dicken oder fettleibigen Kindern seit den Neunzigerjahren und der gestiegene Konsum von zuckerhaltigen Getränken und Lebensmitteln. Der ursächliche – kausale – Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen ist damit noch lange nicht erbracht. Denn wie beim Rückgang der Störche und der Geburtenraten muss das eine nicht zwingend mit dem anderen zusammenhängen.

Folgen falscher Ernährung erst nach langer Zeit sichtbar

Die Krux dabei: Anders als bei Medikamenten, die oft innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen Wirkung zeigen, lassen sich die Folgen einer bestimmten Ernährungsweise oft erst nach Jahrzehnten ablesen. Doch wer will so lange an einer Studie teilnehmen und sich Essvorschriften unterwerfen? Und welche Eltern würden ihre Kinder wohl an einer Untersuchung teilnehmen lassen, bei der sie sich jahrelang einseitig mit zu viel Süßkram oder Fett ernähren sollten – nur um den schädlichen Effekt zu beweisen?

Fütterungsstudien an Tieren zeigen zwar klare Ergebnisse, aber – wie in der Medizin – lassen sie sich nie eins zu eins auf Menschen übertragen, bemängeln Kritiker.

Also sind Ernährungswissenschaftler darauf angewiesen, Menschen nach ihren Essgewohnheiten zu befragen, um daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Und sie müssen außerdem mit abfragen, wie viel sich die Befragten bewegen – ob sie also die Kalorien auch wieder verbrennen, die sie zu sich nehmen. Dabei sind sie darauf angewiesen, dass alle Befragten auch hundertprozentig ehrlich und wahrheitsgetreu antworten.

Noch komplizierter wird die Analyse, weil nicht nur die körperliche Aktivität, sondern auch viele andere Lebensumstände wie Stress, Medikamente oder das Rauchen bei der Gesundheit eine große Rolle spielen. Wenn also untersucht werden soll, ob bestimmte Lebensmittel oder Inhaltsstoffe Krebs oder Herzinfarkte fördern oder im Gegenteil verhindern, gehen zahllose Faktoren in die Analyse ein.

Im Vergleich zu Medikamentenstudien, bei dem ein einziger Wirkstoff einer bestimmten Gruppe von Menschen gegeben wird und einer sogenannten Placebogruppe nicht, sind die multifaktoriellen Ernährungsstudien meist sehr schwer auszuwerten.

Wieviel Zucker steckt in...

Glaubwürdigkeit vieler Studien ist fragwürdig

Welche Faktoren die Forscher dann bei ihrer Auswertung wie stark gewichten, kann das Ergebnis stark beeinflussen. Erschwerend kommt hinzu: Dass viele Ernährungsstudien von der Lebensmittelindustrie finanziert oder gesponsert werden, trägt nicht zur Glaubwürdigkeit der Ergebnisse bei. Selbst wenn das Engagement von Lebensmittelherstellen offen dargelegt wird, bleibt ein fader Nachgeschmack.

Der Effekt: In der Ernährungsforschung gibt es fast zu jeder Studie mindestens eine Gegenstudie, so dass jede Seite mit den Daten und Aussagen argumentieren kann, die ihr gerade am besten in den Kram passen. Dass sich neben Verbraucherschutzorganisationen, medizinischen Fachgesellschaften, Politikern und der Lebensmittelindustrie dabei auch zahlreiche selbsternannte Ernährungsgurus in Szene setzen, um sich selbst und ihre Schriften und Bücher zu vermarkten, macht die Lage nicht übersichtlicher.

Im Folgenden haben wir zu den wichtigsten Fragen rund um die Ernährungsforschung Fakten zusammengetragen.

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