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Virtuelle Realität, Energie, Gentechnik Diese Start-ups stehen vor dem großen Durchbruch

Gründer in den USA, Asien und Europa sind umworben wie selten zuvor. Die Geldschwemme beflügelt sie. Wir stellen zwölf clevere Start-ups vor, die mit ihren Ideen 2016 eine entscheidende Rolle spielen werden.

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Auto, Medizin, Digitales: Zwölf clevere Startups. Quelle: imago images

Von Oliver Voss, Dieter Dürand, Martin Fritz (Tokio), Thomas Kuhn, Susanne Kutter, Philipp Mattheis (Shanghai), Andreas Menn, Eva Mühle, Maximilian Nowroth, Tim Rahmann (New York) und Jürgen Rees.

Gründer von Unternehmen sind derzeit so umworben wie lange nicht mehr: Die Großen aus Pharma-, Computer- oder Energiebranche buhlen um ihre Gunst und wollen von ihrer Kreativität profitieren. Die Investoren überschütten sie mit Geld. Allein in den USA dürften sie bis Jahresende aller Voraussicht nach rund 70 Milliarden Dollar in Start-ups gepumpt haben, erwartet der amerikanische Verband der Risikofinanzierer NVCA. Das ist der höchste Wert seit dem Rekordjahr 2000.

Inzwischen profitieren auch die Gründer in Asien und Europa von der Geldschwemme. So erhielten etwa europäische Jungfirmen in den ersten drei Quartalen laut der New Yorker Marktforschung CB Insights deutlich mehr als zehn Milliarden Dollar – im gesamten Jahr 2014 waren es nur 8,3 Milliarden. „Der Trend dürfte 2016 anhalten“, erwartet Tim Dümichen, bei der Wirtschaftsprüfung KPMG in Deutschland zuständig für Start-ups. Denn immer mehr Investoren aus den USA würden ihr Geld in europäische Unternehmen stecken, bei denen die Bewertungen niedriger seien als beispielsweise im überhitzten Silicon Valley.

Das sind die Meilensteine der Forschung 2015
DNA Quelle: dpa
Pluto Quelle: ap
Ein früher Vorfahr der Indianer Quelle: ARTE France
Psychologe Brian Nosek Quelle: Nature
Homo naledi (Sternen-Mensch) Quelle: dpa
Magma Quelle: REUTERS
Ebola-Impfstoff Quelle: dpa

Fast die Hälfte dieses Wagniskapitals fließt in Unternehmen aus der Informationstechnik und der Softwarebranche. Deutlich gestiegen sind die Investitionen in Start-ups aus den Bereichen Gesundheit und Biotech, aber auch Finanztechnologien, Drohnen oder Internet der Dinge.

Wir stellen zwölf clevere Start-ups aus diesen Bereichen vor, die mit ihren Ideen 2016 eine entscheidende Rolle spielen werden:

Drohnen für Hobbypiloten und eine globale Finanzfabrik

Drohnen: DJI

Frank Wang gilt als scheuer Mensch. „Wenn wir Glück haben, erwischen wir ihn in der Forschungsabteilung“, erzählen seine Mitarbeiter. Dort tüftle der 35-jährige Gründer von Dajiang Innovations (DJI) wie zu Anfang seiner Karriere an technischen Problemen herum. Was kein Fehler zu sein scheint, immerhin hat er den Drohnenhersteller mit Sitz im südchinesischen Shenzhen zum Weltmarktführer gemacht – ökonomisch wie technologisch.

Der Marktanteil soll nach eigenen Angaben bei 70 Prozent liegen, das 2006 gegründete Unternehmen mit seinen 4500 Mitarbeitern zwischen sieben und neun Milliarden Euro wert sein. Wichtiger Grund für den Erfolg: Die Drohnen für Hobbypiloten lassen sich per App und Tablet leicht steuern, ihre Kameras liefern Videos in bester Qualität.

Gründer Wang ist damit einer der wichtigsten Wegbereiter für die zivilen Flugmaschinen geworden, die längst mehr als ein netter Zeitvertreib sind: Die Feuerwehr überwacht mit ihnen Brände, Amazon und Deutsche Post wollen mit ihnen Pakete ausliefern. DJI steigt verstärkt in die kommerzielle Nutzung ein und hat eine robuste Drohne für Landwirte entwickelt, um Spritzmittel auf Felder zu sprühen. Aber auch private Nutzer umwirbt Wang weiter: Gerade hat er in Shenzhen einen eigenen Flagship-Store auf 800 Quadratmetern eröffnet.

Finanzen: R3 CEV

Veränderungen kann man über sich ergehen lassen. Oder mitgestalten. 42 Topadressen aus der Bankenwelt – darunter Goldman Sachs, Deutsche Bank und UBS – würden gerne die zweite Option ziehen und haben sich mit dem Start-up R3 CEV verbündet. Die New Yorker wollen mithilfe der Blockchain, der Technik hinter dem virtuellen Geld Bitcoin, nicht weniger als die Wall Street revolutionieren. Mindestens.

Digital Handeln per Blockchain

Das verkünden derzeit zugegebenermaßen viele. Doch R3 CEV schafft gemeinsam mit den Banken Fakten. 2014 vom erfolgreichen Broker David Rutter gegründet, arbeiten derzeit knapp 25 Mitarbeiter für das Unternehmen. Neben Informatikern auch Banker und Ingenieure, nicht die üblichen 25-Jährigen, sondern meist erfahrene Geldleute. Ihr Ziel: eine Art globale Finanzfabrik, die jeden Besitzerwechsel von Aktien, Devisen oder Immobilien protokolliert und per kryptografischem Schlüssel absichert. All das ermöglicht die Blockchain-Technik. Sie verhindert auch, eine einmal registrierte Transaktion nachträglich zu ändern.

Jeder Eigentümer einer Aktie, jedes Geschäft mit ihr lässt sich so nachvollziehen. Banken drohen überflüssig zu werden – ein Mittelsmann ist in der Digitalwelt nicht mehr nötig. Die Geldhäuser können allenfalls versuchen, mithilfe von R3 CEV einen eigenen Standard zu schaffen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Das Start-up hat für 2016 längst weitere große Pläne und verhandelt mit Versicherungen, Firmen und Clearinghäusern.

Testkits fürs eigene Mikrobiom und Lehrer-Roboter

Medizin: uBiome

So manchen schüttelt die Vorstellung: Billionen von Bakterien, Viren oder Pilzen besiedeln unseren Körper in jedem Winkel. Meist ist dies Mikrobiom nicht nur harmlos, sondern auch hilfreich etwa bei der Verdauung. Es spielt aber bei Leiden wie Diabetes, Fettleibigkeit oder Depressionen eine wichtige Rolle, vermuten Forscher.

Welche, das will uBiome herausfinden. Ein Wissenschaftlertrio hat das Start-up 2012 in San Francisco gegründet. Es verkauft für 100 bis 400 Euro Testkits an Menschen aus der ganzen Welt, die ihr Mikrobiom entschlüsseln wollen. Die können so Speichel- oder Stuhlproben sammeln. uBiome entschlüsselt dann deren Zusammensetzung. Der Kunde kann die Daten online einsehen und mit seinen Ärzten diskutieren. Die bisher über 50.000 gesammelten Proben dürfen Forscher anonym auswerten.

uBiome steht damit für drei Megatrends in der Medizin: neben der Erforschung des Mikrobioms für die Selbstvermessung des Menschen und für den Einsatz von Big Data im Gesundheitswesen. Denn nur mithilfe dieser Auswertemethoden lassen sich in den riesigen Datenbergen Muster erkennen, aus denen die Forscher wiederum Ansätze für Therapien entwickeln können.

So viele Modeworte lockt die Investoren. Ein Teil der 6,5 Millionen Dollar Kapital, die uBiome eingesammelt hat, stammen von einem der bekanntesten Wagniskapitalgeber des Silicon Valley: Andreessen Horowitz.

Roboter: Aldebaran

Gestatten, der neue Deutschlehrer: 58 Zentimeter groß, fast fünf Kilo schwer, unendlich geduldig. Nao ist sein Name, hergestellt von dem französischen Unternehmen Aldebaran. An der Universität Bielefeld bereitet ein Mann den kleinen Kerl gerade auf den Unterricht vor: Stefan Kopp, Professor für Informatik. Der 42-Jährige leitet ein EU-Projekt, in dem Roboter Fünf- und Sechsjährige unterrichten, „etwa Kinder von Einwanderern, die Deutsch lernen müssen, bevor sie in die Grundschule kommen“. 2016 setzt er den speziell programmierten Roboter in mehreren Kitas ein. „Erste Tests zeigen, die Kinder arbeiten gerne mit dem Ding und lernen spielerisch.“

Wie Roboter den Alltag erleichtern
Krankenpfleger Ein Roboter CARE-O-bot, der vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung entwickelt wurde, versorgt eine Bewohnerin eines Pflegeheims mit einem Getränk (undatiert). Auch dieser Roboter unterstützt ältere Menschen im häuslichen Umfeld und das Pflegepersonal in Pflegeeinrichtungen. Quelle: dpa
Der KochBremer Forscher präsentierten 2013 den Roboter „PR2“, der Popcorn machen und Pfannkuchen wenden kann. Das nötige Vorwissen habe sich dieser unter anderem aus dem Internet geholt, sagte Professor Michael Beetz von der Universität Bremen. Sein Team arbeitet zusammen mit sieben europäischen Partnern in einem auf vier Jahre angelegten Projekt an lernfähigen Robotern. Ziel sei es, diese neue Form der Programmierung zunächst bei Robotern anzuwenden, die alte und pflegebedürftige Menschen bei einfachen Aufgaben unterstützen. Diese könnten in den nächsten zehn Jahren einsatzbereit sein. Quelle: dpa
Der BarkeeperDer Roboter "James" des Münchener Fortiss-Institutes für Hightech-Forschung in München (Bayern) ist als Barkeeper programmiert und soll bei einer Interaktion mit Menschen seine Aufgaben nicht nur richtig erledigen, sondern dabei auch auf die sozialen Bedürfnisse seines Gegenübers eingehen. Wer sich bei James bedankt bekommt die Antwort: "Always a pleasure". Quelle: dpa
KuschelrobbeDer weiße Sozialroboter namens Paro soll Demenzkranken Zuwendung schenken. Das mit Sensoren vollgestopfte Kuscheltier reagiert auf Berührung, Licht und Bewegung. Es soll für Demenzkranke Zuwendung simulieren - und ist deswegen vor allem nach einer Messepräsentation 2011 heftig umstritten gewesen. Tritt an die Stelle des Zivildienstleistenden oder der Pflegekraft nun der Sozialroboter? 5000 Euro kostet die schnurrende Pelzattrappe. Quelle: dpa
Putzhilfe mit gutem OrientierungssinnInzwischen schon fast ein Klassiker unter den Haushaltsrobotern ist der autonome Staubsauger. Dieses Modell, ein Samsung Navibot SR 8855, sticht vor allem durch seine Navigationsfähigkeiten heraus. Aus Aufnahmen von einer eingebauten Kamera setzt er ein digitales Abbild des Raums zusammen, den er reinigen soll. Das verhindert laut Hersteller sinnloses Kreuz- und Querfahren wie bei anderen Saugrobotern. Hindernissen weicht der Navibot aus, die eingebauten Sensoren erkennen auch Treppenabsätze. Im Handel gibt es den Navibot ab etwa 320 Euro. Quelle: Presse
Freundlicher KrankenpflegerDieses freundlich dreinschauende Gesicht gehört einem Roboter aus dem Hause Panasonic. Das Modell Hospi-Rimo soll als Kommunikationsplattform für bettlägerige Patienten dienen, die mit dem Roboter von zu Hause aus mit Arzt, Freunden oder Verwandten per Videokonferenz kommunizieren wollen. Der Roboter kann dabei laut Hersteller mit fragilen Ampullen und Medikamenten so vorsichtig umgehen wie eine Krankenschwester. Quelle: Presse
HaarpflegerDieser von Panasonic hergestellte Haarwaschroboter widmet sich der Pflege des Haupthaars von bettlägerigen Patienten. Vollautomatisch kann das Gerät eine komplette Haarwäsche durchführen und dabei eine Spülung einmassieren sowie die Haare nach dem Waschen wieder trocknen. Dabei kommen insgesamt 24 robotische Finger zum Einsatz. Quelle: Presse

Junge oder Mädchen sehen dabei auf einem Tablet vor sich einen Gegenstand, den sie auf Deutsch benennen sollen. Ist es die richtige Vokabel, erkennt das der Nao – um dann auf Deutsch zu loben. In einem Tonfall wie die Apple-Spracherkennung Siri.

Eine Maschine, die Menschen in ihrem Alltag unterstützt – das ist ein großer Trend für das kommende Jahr. Marktforscher sprechen von einer Ära der Personal Robots: Bis Ende des Jahrzehnts sollen weltweit rund 30 Millionen Alltagsroboter pro Jahr verkauft werden, erwartet das irische Analysehaus Research and Markets. Vorne mit dabei ist Aldebaran Robotics aus Frankreich. Das Pariser Start-up, mittlerweile eine Beteiligung des japanischen Internetkonzerns Softbank, hat vor zehn Jahren den ersten der niedlichen Naos vorgestellt. Heute sind mehr als 10.000 Klone im Einsatz. Aldebaran hat mit Pepper und Romeo noch zwei Kollegen im Angebot. Der eine begrüßt Kunden in Supermärkten, der andere soll gebrechlichen Menschen zur Hand gehen.

Günstige Solarzellen und praktisches Biotech-Werkzeug

Energie: Dyesol

Das Pariser Klimaabkommen hat es festgeschrieben: Wir müssen weg von Kohle, Gas und Öl. Das funktioniert nur, wenn die erneuerbaren Energien deutlich billiger werden. Genau das ist das Ziel des australischen Unternehmens Dyesol. Es entwickelt neuartige Solarzellen aus einem spottbilligen Material – den Perowskiten. 2009 haben Forscher diese Mineralien erstmals in Fotovoltaikzellen eingesetzt.

Seitdem ist ihr Wirkungsgrad auf 21 Prozent gestiegen, viel schneller als bei jeder anderen Solarzelle zuvor. Die Kosten für Solarmodule können mit der Technik laut Dyesol um zwei Drittel gegenüber klassischen Zellen aus Silizium sinken – bei vergleichbarer Leistung.

Das Unternehmen wurde bereits 2004 gegründet, setzt aber erst seit einigen Jahren auf Perowskite. 120 Millionen Dollar Wagniskapital haben die Australier bisher eingesammelt und wollen nun 2016 erstmals ein großflächiges Solarmodul präsentieren. 2017 soll die Pilotfertigung starten, Verhandlungen mit einem Partner in der Türkei laufen. Gelingt der Sprung in den Massenmarkt, dann könnten die Module laut Dyesol Solarstrom für sechs Cent pro Kilowattstunde liefern – preiswerter als die Kilowatts aus neuen Kohlemeilern.

Medizin: Crispr Therapeutics

Gerade hat das Wissenschaftsmagazin „Science“ das Verfahren mit dem sperrigen Namen zum „Durchbruch des Jahres 2015“ gekürt: Crispr-Cas9. „Die Technik wird Forschung und Entwicklung enorm voranbringen“ sagt Emmanuelle Charpentier. Sie ist eine der Entdeckerinnen des extrem praktischen Biotechwerkzeugs, mit dem sich das Erbgut von Pflanzen, Tieren und auch Menschen so einfach wie nie zuvor umschreiben lässt.

Diese Start-ups arbeiten an Crispr-Cas9

Die aus Paris stammende Charpentier ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und hat das Baseler Start-up Crispr Therapeutics 2014 mitgegründet. Das konnte gleich mit 25 Millionen Dollar Startkapital loslegen und zählt bereits nach gut einem Jahr 40 Mitarbeiter. „Wir werden versuchen, genetisch bedingte Krankheiten zu heilen“, erzählt sie. Gut 5000 solcher Leiden sind bekannt.

Crispr Gentechnik

Vor wenigen Wochen hat die Firma einen 105 Millionen Dollar schweren Deal mit dem US-Biotechunternehmen Vertex unterzeichnet, um Therapien gegen die schwere Erbkrankheit Mukoviszidose, die unter anderem die Lunge zerstört, und gegen fünf weitere Erkrankungen zu entwickeln. Ganz aktuell investiert der Pharmakonzern Bayer aus Leverkusen kräftig in Crispr Therapeutics: Für 35 Millionen erwirbt Bayer Anteile an dem Start-up, 300 weitere Millionen fließen in ein Joint-Venture-Unternehmen, das Therapien gegen Bluterkrankungen, Erblindung und erblich bedingte Herzerkrankungen erforschen soll.

Auch wenn Crispr Therapeutics selbst daran nicht arbeitet, so erlaubt die präzise Genschere auch, Designerbabys mit einem definierten Erbgut zu schaffen. Die Debatte über diese Anwendung wird sicherlich auch 2016 für Schlagzeilen sorgen.

Computergenerierte 3-D-Modelle und Mobilität mit Roboter-Elektroautos

IT: Magic Leap

Manche Technik ist so bahnbrechend, dass sie wie Magie wirkt, wer sie beherrscht, scheint zu zaubern. Die derzeit größten Chancen, zu so einem Magier aufzusteigen, hat Rony Abovitz. Der Chef des kalifornischen Start-ups Magic Leap will radikal verändern, wie wir die Welt betrachten. Er plant, alles, was wir sehen, in Echtzeit mit computergenerierten 3-D-Modellen zu überlagern.

Da springt etwa in einer Turnhalle ein virtueller Wal aus dem Boden, der täuschend echt wirkt, auch weil die Spielfiguren reale Gegenstände mit in die Simulation einbeziehen und den Gesetzen der Schwerkraft gehorchen. Wie das technisch geschieht, ist noch geheim.

Magic Leap geht viel weiter als heutige Augmented-Reality-Apps fürs Handy, die etwa Aufnahmen einer Sehenswürdigkeit mit Infos ergänzen. 827 Millionen Dollar wollen die Kalifornier noch einsammeln – und kämen dann auf 1,4 Milliarden Dollar Startkapital. Die Investoren hat Abovitz also schon überzeugt. Fasziniert er auch den Rest der Menschheit, könnte bald ein ganz neues Internet entstehen: Architekten beugen sich über virtuelle Modelle, Ärzte sehen bei der OP virtuelle Organe vor sich, Computerspieler zocken im Wohnzimmer gegen virtuelle Gegner. Die Welt wäre eine andere.

Auto: Faraday Future

Kurz vor Start der Elektronikmesse CES Anfang Januar in Las Vegas präsentiert dort das kalifornische Start-up Faraday Future ein Elektrovehikel, das die Zukunft der Mobilität symbolisieren und schon 2017 auf den Markt kommen soll. Noch ein Elektro-Start-up vom Schlage Tesla?

Bisher gibt es nur Spekulationen: Faraday Future wolle elektrisch angetriebene Roboterautos in Serie fertigen, die der Kunde nicht kaufen muss. Vielmehr versteht sich das Start-up als Mobilitätsanbieter: Wer will, bucht ein Kilometerkontingent und wählt dann den Kleinwagen für die Fahrt zur Arbeit, den SUV für den Wochenendausflug oder das Cabrio für die Spritztour zum Meer. Daher plant das Start-up angeblich, bis zu sieben verschiedene Modelle zu fertigen, die Produktionsstätte soll nahe Las Vegas für eine Milliarde Dollar entstehen.

Wahlweise steckt Apple als Geldgeber hinter dem Start-up oder der chinesische Milliardär Jia Yueting, Gründer des chinesischen Onlinevideodienstes Leshi Television, das als Netflix Chinas gilt.

Sicher ist: Es gibt eine Milliarde Dollar Startkapital. Und das Start-up zahlt gut: Es lockt scharenweise Topkräfte für Design, Entwicklung, Herstellung und Verkauf, gerne vom Konkurrenten Tesla. Rund 500 Mitarbeiter sind es bereits nach Firmenangaben.

Die Eintrittshürden ins Geschäft sind niedrig: Ein Auto mit E-Motor ist deutlich weniger komplex als eines mit Verbrenner. Zudem sinken die Batteriepreise. Weil viel Kapital aus China kursiert, nimmt die Branche den Newcomer ernst. 2016 muss er liefern.

Prothesen aus dem 3-D-Drucker und Gebäude-Navi

Medizin: Exiii

Wer den Unterarm durch einen Unfall verliert, muss weit über 10.000 Euro für eine Prothese ausgeben, in vielen Ländern auf eigene Kosten. Dagegen verlangt das Tokioter Start-up exiii derzeit für eine kompakte Handprothese nur den Selbstkostenpreis von 250 Euro für knapp 60 Plastikteile, die ein einfacher 3-D-Drucker ausspuckt. Ein Handy mit einem Infrarotsensor, der Muskelbewegungen unter der Haut erkennt, kontrolliert die Robohand und steuert drei Motoren, die Daumen, Zeigefinger und die restlichen drei Finger als Einheit bewegen.

Erste klinische Tests laufen. Die Träger können mit der Prothese Schuhbänder knoten und Seiten umblättern. Das coole Design ist preisgekrönt.

„Unsere Prothesen sollen ein Trendartikel wie ein Markenturnschuh werden“, sagt Gründer Genta Kondo. Vielleicht lassen sich bald auch Gesunde künstliche Gliedmaßen anpassen, um schneller zu sprinten oder schwere Lasten zu tragen.

Bisher kommt das 2014 gegründete exiii mit wenig Geld aus. Per Crowdfunding kamen 26.000 Euro zusammen, ein Inkubator stieg ein. Weitere 190.000 Euro brachte der Gewinn eines Wettbewerbs. 2016 muss nun die Kommerzialisierung gelingen.

IT: NavVis

Kaum jemand will heute auf sein Navi im Auto oder im Smartphone verzichten. Doch die Technik ist auf GPS-Satelliten angewiesen. Damit hat sie einen entscheidenden Mangel: Im Gebäude ist Schluss mit der Ortsbestimmung aus dem All. Start-ups wie die 2013 gegründete Münchner Firma NavVis wollen das ändern. Sie lockt ein unerschlossenes Geschäft: Auf 4,5 Milliarden Dollar kalkuliert Marktforscher Research and Markets das Umsatzpotenzial bis 2019.

Diese Städte sind digitale Vorreiter
Menschen mit Laptops und Smartphones Quelle: dpa
Der Schlossplatz in Stuttgart Quelle: dpa
Luftaufnahme Dresden Quelle: dpa
Wuppertaler Schwebebahn Quelle: AP
Touristen vor dem Brandenburger Tor Quelle: dpa
Luftaufnahme Leipzig Quelle: dpa
Düsseldorf Quelle: dpa

Um ein Gebäude zu erfassen, scannt NavVis mittels optischer und elektronischer Sensoren quasi im Vorbeigehen zentimetergenau Flure und Zimmer. Daraus baut es am Rechner eine 3-D-Karte. Der Nutzer bestimmt später seinen Standort über eine Smartphone-App, die das Bild der Handykamera mit dem zuvor erfassten Gebäudemodell vergleicht. Das spart teure Zusatztechnik wie Peilsender zur Ortung.

Die Technik der Münchner, die gerade 7,5 Millionen Euro von Investoren eingesammelt haben, setzen bereits Konzerne ein. Sie kartieren damit Warenlager oder dokumentieren Arbeitsfortschritte an Baustellen. Auch das Deutsche Museum in München hat Teile seiner wegen Renovierung geschlossenen Ausstellung 3-D-digitalisiert. Und das ist erst der Anfang. Es bleiben noch Millionen Quadratmeter Innenräume zu erfassen, damit sich niemand mehr in Einkaufszentren oder Flughäfen verläuft.

Virtuelles Großkraftwerk und Sensortechnik

Energie: Next Kraftwerke

Weil Wind und Sonne nicht immer genügend Strom liefern, verspotten Kritiker die grünen Quellen gerne als Zitterenergie. Hendrik Sämisch, Geschäftsführer des Kölner Stromhändlers Next Kraftwerke, lässt die Polemik kalt – er ist sicher, ein Gegenmittel zu haben: Die Kölner schalten in Deutschland, Österreich sowie neuerdings in Belgien und Frankreich fast 2800 gut regulierbare Wasserkraft-, Biogas- und Biomasseanlagen zu einem virtuellen Großkraftwerk zusammen. Mit seinen 1700 Megawatt leistet es etwa so viel wie drei große Kohlekraftwerksblöcke; die Kölner können mit ihm, zumindest kurz, das unsichere Angebot von Wind und Sonne ausgleichen. „Ganz ohne Subventionen“, betont Sämisch.

Er und Mitgründer Jochen Schwill verkaufen die sauber produzierten Elektronen an Netzbetreiber, die dafür Spitzenpreise zahlen. Und liefern nebenbei noch ein Paradebeispiel, wie sich in der konservativen Energiebranche durch geschickte Digitalisierung Geld verdienen lässt.

Fünf Wege in die Unabhängigkeit
Haus mit Solarzellen auf dem Dach Quelle: obs
Fotovoltaik Wärmepumpe Batterie Windrad Schema im Haus
Fotovoltaik Wärmepumpe Batterie Schema Haus
Sonnenkollektor Fotovoltaik Batterie Schema Haus
Kollektor Fotovoltaik Batterie Blockheizkraftwerk Schema Haus
Brennstoffzelle Schema Haus

Spätestens kommenden Februar will das 2009 gegründete Unternehmen, das dieses Jahr mehr als 250 Millionen Euro umsetzt, den nächsten Schritt gehen. Es öffnet seinen digitalen Marktplatz etwa für Kühlhausbetreiber, die Elektrizität nur ordern, wenn sie im Überfluss vorhanden und daher günstig ist. Umgekehrt fahren sie die Maschinen bei Engpässen herunter. Das hilft, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. In Überflusszeiten können Anlagenbetreiber so die Kilowattstunde bis zu 30 Prozent billiger beziehen als marktüblich.

IT: Relayr

Ein rechteckiges braunes Stück Plastik soll das Internet der Dinge anschieben. Das ist jedenfalls die Idee des Start-ups Relayr. Die Berliner haben „WunderBar“ entwickelt.

Wie bei einem Schokoriegel lassen sich verschiedene Segmente abbrechen, in denen Sensoren für Licht, Töne oder Bewegungen stecken und Funkchips zum Senden der Messwerte. Damit können Entwickler schnell erste Anwendungen für das Internet der Dinge entwickeln, etwa um auffällige Geräusche einer Maschine zu erfassen und dann den Servicetechniker loszuschicken.

Mehrere Tausend der Sensor-Sets hat Relayr verkauft.

Doch das eigentliche Geschäft wollen die Berliner mit ihrer offenen Cloud-Plattform machen, auf der sich die erhobenen Daten anzeigen, verwalten und auswerten lassen. Relayr hat beispielsweise für Cisco in Berlin und Manchester Teile der Gebäudesteuerung etwa für Wärme und Licht vernetzt. Weitere Kunden sind Coca-Cola, Nestlé oder Bosch Siemens Hausgeräte.

Das Startkapital von Relayr in Höhe von 2,3 Millionen Dollar hat Chef Josef Brunner 2013 mitfinanziert. Die Mittel stammen aus dem Verkauf seiner ersten Firma, des Energiemanagers JouleX, an Cisco – für mehr als 100 Millionen Euro.

Weitere elf Millionen Dollar für Relayr kamen unter anderem jüngst von Kleiner Perkins Caufield & Buyers, einem der weltweit renommiertesten Wagniskapitalgeber, der sich nur selten an deutschen Start-ups beteiligt. Relayr will nun die internationale Expansion 2016 vorantreiben. Damit hat ein deutsches Start-up die Chance, eine Schlüsselposition im Internet der Dinge zu besetzen.

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