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Von Unternehmen finanzierte Forschung "Unser Forschungssystem gerät auf die schiefe Bahn"

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Gleichgewicht bestimmt Einfluss der Wirtschaft

Würden Sie behaupten, die Wirtschaft nimmt keinerlei Einfluss auf Forschung und Lehre?

Hippler: Solange die Balance zwischen öffentlicher Förderung und Mitteln aus der Wirtschaft gewahrt bleibt, nein. Schauen Sie einmal auf die Ingenieurwissenschaften. Diese enge Verzahnung von Hochschule und Wirtschaft hat unseren hohen Lebensstandard erst ermöglicht. Und wir dürfen die Wirtschaft auch nicht aus der Verantwortung lassen. Deshalb finde ich es wichtig und richtig, dass sie sich beteiligt – und zwar nicht nur über die Steuern, die sie zahlt, sondern auch, indem sie Professuren und Forschungsprojekte direkt fördert.

Kreiß: Diese Drittmittelfinanzierung ist noch schlimmer als die Stiftungsprofessuren.

Der Hochschulpakt

Warum?

Kreiß: Die Unternehmen nutzen unabhängige Forschung nur als Deckmäntelchen, um sich ihre – zuvor schon festgelegten Ergebnisse – bestätigen zu lassen. Hier verspielt die freie Forschung ihre Glaubwürdigkeit. So haben Hersteller von Zucker und Süßgetränken Wissenschaftler jahrelang dafür bezahlt, mit gefälschten Studien die Gefahr eines zu hohen Zuckerkonsums herunterzuspielen. Tabakkonzerne scheuten sich nicht, Passivraucher in den zu Tod schicken, indem sie skrupellos Studienergebnisse unterdrückten. Diese krassen Beispiele zeigen, dass die Interessen von Industrie und Bevölkerung oft nicht übereinstimmen. Auch bei Pestiziden, Genfood oder der Laufzeit von Atomkraftwerken ist das so.

Hippler: Sie prangern hier Betrug an, der mit den deutschen Hochschulen und mit legaler Forschungsförderung nichts zu tun hat. Auch einige Doktoranden haben betrogen. Daraus können Sie aber nicht ableiten, dass keiner mehr promovieren sollte.
Kreiß: Der Vergleich hinkt. Bei den Doktoranden handelt es sich um Einzelfälle. Bei der Industrie aber ist es systemimmanent. Hier geht es immer um Profit.

Hippler: Das ist dann legitim, wenn wissenschaftlich integer gearbeitet werden kann. Und wenn ein Unternehmen dabei früh in Kontakt mit exzellenten Wissenschaftlern kommt, wenn es zehn gute Mitarbeiter rekrutieren kann, hat sich die Million Euro schon gelohnt, die es vielleicht in eine Hochschulkooperation investiert hat. Sie können aus betrügerischen Machenschaften weniger Branchen doch keinen Generalverdacht für jegliche Industrieförderung ableiten. Zumal Ihre Beispiele allesamt aus dem vorigen Jahrhundert stammen.

Kreiß: Dann lassen Sie uns gerne über aktuelle Beispiele sprechen. Die Pharmaindustrie finanziert 90 Prozent aller Medikamentenstudien weltweit. Fast alle Forscher in diesem Bereich bekommen also Geld von den Konzernen, die mit Arzneimitteln Profite machen. Denen kommen Studien, die keine Wirksamkeit ihrer Pillen zeigen, sehr ungelegen. Sie bleiben unveröffentlicht. Nur die Studien, die eine Wirksamkeit zeigen, lassen sie dagegen publizieren. Die Basis unserer Medikamentenforschung ist deshalb schief.

Wie viel Geld die Industrie in deutsche Hochschulen steckt.


Hippler: Aber nicht in Deutschland.

Kreiß: Das können Sie nur hoffen. Maulkörbe sind in der Pharmaindustrie die Regel. Laut Experten auf diesem Feld ist bei 90 Prozent der Pharmastudien Verschleierung mit im Spiel. Wie massiv das Problem ist, zeigte sich doch Ende vorigen Jahres. Da wurde 80 Medikamenten die Zulassung entzogen, weil ein indisches Auftragsforschungsinstitut bei Studien getrickst hatte.

Hippler: Jetzt reden wir aber wieder vom Ausland, nicht von Deutschland.

Kreiß: Ja, aber deutsche Unternehmen hatten die Studien in Auftrag gegeben – für Medikamente, die in Deutschland zugelassen und verkauft werden.

Gibt es denn auch Beispiele aus Deutschland?

Kreiß: Natürlich. So kooperiert das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim mit der Universität Mainz – und Bayer aus Leverkusen mit der Uni Köln. Kein Mensch weiß, was da vereinbart wurde – etwa ob Boehringer oder Bayer frei entscheiden können, was publiziert wird und was nicht. Die Verträge wurden nie veröffentlicht.

Hippler: Verständlich.

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