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Von Unternehmen finanzierte Forschung "Unser Forschungssystem gerät auf die schiefe Bahn"

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Interesse an Transparenz

Müssten Sie, Herr Hippler, als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz nicht allergrößtes Interesse an Transparenz haben?

Hippler: Ja, aber in solchen Verträgen steht eine Menge Dinge, zum Beispiel auch der Forschungsgegenstand. Wenn sie den veröffentlichen, weiß jeder, woran sie arbeiten. Bei vermarktungsnahen Projekten ist das ein großes Problem. Deshalb sollten Partner künftig zwei Vereinbarungen treffen, eine, die sich veröffentlichen lässt, eine andere über die Forschungsinhalte. Vor allem sollte sich aber niemand darauf einlassen, die Entscheidungshoheit über die Ergebnisse aus der Hand zu geben.

Kreiß: Viele tun es aber. Und dann kommt dabei heraus, dass ein Medikament Kindern mit Blutarmut gar nicht hilft, sondern massiv schadet. Das darf aber nicht veröffentlicht werden – die Firma verkauft das Medikament einfach weiter. Das ist ein Unding.
Hippler: Da gebe ich ihnen völlig recht, das geht nicht. So etwas muss veröffentlicht werden. Alles andere ist unredlich und unethisch. Aber das ist doch wieder ein Beispiel aus Ihrem Buch aus den USA, oder?

Kreiß: Ja, die Forscherin hatte die Maulkorbklausel unterschrieben, wollte dann aber trotzdem veröffentlichen. Doch bei der Klageandrohung in Millionenhöhe knickte ihre Universität ein und ließ sie fallen.

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    Hippler: Genau das geht in Deutschland gar nicht. Da muss die Universität die Verträge unterzeichnen, nicht der einzelne Forscher.

    In Arbeit
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    Herr Kreiß, kennen Sie Beispiele, wo Unternehmen Forschern inhaltliche Vorgaben gemacht haben?

    Kreiß: Es ist vor allem die Schere im Kopf. Da forschen Kollegen etwa im öffentlich geförderten Carissma-Projekt in Ingolstadt daran, wie sich die Zahl der Verkehrstoten, immerhin knapp 26 000 pro Jahr in der Europäischen Union, senken lässt. Aber sie denken nur über neue Stoßdämpfer und Airbags nach, statt über neue, menschenschonende Verkehrskonzepte – ohne Autos. Kein Wunder, denn einer der beiden Leiter des 28-Millionen-Euro-Projekts ist ein Ex-Audi-Manager, im Beirat sitzen drei Audi-Leute und ein Reifenhersteller. Das ist versteckte Industrieförderung.

    Hippler: Wollen Sie mit einem einzelnen, noch dazu angesichts der Laufzeit nicht gerade großen Projekt die Einseitigkeit von Forschung belegen? Es gibt andere Projekte, die Alternativen zum Auto erforschen.

    Kreiß: Das meiste Geld rauscht in industriefreundliche Gebiete. Denn auch in Institutionen, die öffentliche Drittmittel verteilen, sitzen Industrievertreter. Ebenso in Forschungsverbünden wie Helmholtz-Gemeinschaft oder Fraunhofer-Gesellschaft und industrienahen Stiftungen. So bestimmt die Wirtschaft in Deutschland über 75 Prozent der Forschungsmittel: 66 Prozent entfallen auf industrieeigene Projekte, neun Prozent direkt und indirekt auf die freie Forschung.

    Hippler: Sie können der Industrie doch nicht vorwerfen, dass sie selbst forscht. Und die direkte Förderung durch die Industrie beträgt deutlich unter fünf, nicht neun Prozent. Was Sie da indirekt dazurechnen, kann ich nicht nachvollziehen.

    Christian Kreiß: Gekaufte Forschung Quelle: PR

    Lässt sich mit so einem überschaubaren Anteil die Forschung in Deutschland lenken?

    Kreiß: Ich warne davor, es zu unterschätzen. Auch bei uns gibt es schon einen „easyCredit“- und „Aldi-Süd“-Hörsaal. Ganz so weit wie in Kalifornien sind wir aber noch nicht. Dort findet sich ein Mars-Lehrstuhl für Ernährung, dessen Inhaber erklärt, Schokolade sei gar nicht so ungesund. Das ist ein Skandal ersten Ranges.

    Hippler: In Deutschland wäre das unmöglich. Bei uns ist die Freiheit von Forschung und Lehre im Grundgesetz verankert. Selbst wenn ein Konzern per Vertrag versuchen würde, die Forschung einer Hochschule auf bestimmte Ergebnisse zu lenken, könnten sich die Wissenschaftler mit Verweis auf die Verfassung darüber hinwegsetzen.

    Deutschlands beste Universitäten 2014

    Könnte sich das bald ändern?

    Hippler: Bisher nicht. Denn bei Bildung und Kultur gibt es fundamentale Unterschiede zwischen USA und Europa. Aktuell steht aber genau das beim Freihandelsabkommen TTIP zur Diskussion: Sind Bildung und Kultur Wirtschaftsgüter, so wie in USA, oder eine hoheitliche Aufgabe von Staat und Gesellschaft, wie in Deutschland? Bei den Verhandlungen mit Kanada wurden Bildung und Kultur ausgenommen, bei denen mit den USA sind sie aber noch dabei.

    Was befürchten Sie, wenn Bildung zum Wirtschaftsgut wird?

    Forschung



    Hippler: Dann könnte die Industrie tatsächlich unguten Einfluss gewinnen. Die öffentliche Hand würde die Finanzierung der allgemeinen Bildung zurückfahren. US-Unternehmen könnten hier Universitäten gründen und im Zweifelsfall sogar Zuwendungen vom Staat verlangen. Spätestens dann müssten wir Studiengebühren einführen.

    Brauchen wir vor diesem Hintergrund nun mehr oder weniger Industrieförderung?

    Kreiß: Ich würde sie generell verbieten. Unser Forschungssystem gerät sonst auf die schiefe Bahn.

    Hippler: Ich habe kein Problem mit Industriemitteln – solange die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert ist.

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