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Von Unternehmen finanzierte Forschung "Unser Forschungssystem gerät auf die schiefe Bahn"

Korrumpiert Geld aus der Industrie die Hochschulen? Oder sichert es im Gegenteil unseren Wohlstand? Ein Streitgespräch.

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Horst Hippler und Christian Kreiß Quelle: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche Online: Professor Kreiß, warum lehnen Sie die von Unternehmen finanzierte Forschung so radikal ab? Hatten Sie ein Aha-Erlebnis?

Kreiß: Ja, ich hatte mich an der Hochschule München auf einen Stiftungslehrstuhl für Corporate Finance beworben. Der Sponsor, ein Unternehmensberater, war ein netter Kerl, aber nach vielen schlaflosen Nächten fürchtete ich doch die Schere im Kopf und blieb an meinem – öffentlich finanzierten – Lehrstuhl der Hochschule Aalen. Da bin ich frei und kann unterrichten, was ich will.

Hippler: Aber Sie müssen sich doch in beiden Fällen danach richten, was die Hochschule von Ihnen will, Sie haben Vorgaben, wie viel und was Sie unterrichten sollen.

Kreiß: Natürlich, ich decke dort das Gebiet Unternehmensfinanzierung ab, aber das kann ich systemkritisch oder systemstützend tun. Ganz so, wie ich das will.

Vitae

Wer hätte Sie in München gegängelt?

Kreiß: Hätte ich diese auf fünf Jahre befristete Professur angenommen und mich nach der Finanzkrise kritisch über das Investmentbanking geäußert, wäre ich dort sicher nicht weiter verpflichtet worden.

Hippler: Bei jeder befristeten Professur müssen Sie sich erneut begutachten lassen.

Kreiß: Aber nicht politisch, inhaltlich oder nach den Vorgaben des Sponsors. Hier nimmt Wirtschaft Einfluss auf Forschung und Lehre. Und das in wachsendem Maße: So gab es in den Sechzigerjahren in Deutschland keine einzige Stiftungsprofessur. Heute sind laut Stifterverband etwa 1200 der 41 000 Lehrstühle an deutschen Hochschulen industriefinanziert – vor allem bei den Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen, Ingenieuren und den Lebenswissenschaftlern. Das finde ich sehr bedenklich.

Wie sich die Hochschulfinanzierung zusammensetzt

Besorgt Sie das ebenfalls, Professor Hippler?

Hippler: Nein, das sind undifferenzierte Unterstellungen. Was ich allerdings sehe: Anfangs finanzierte die Wirtschaft solche Lehrstühle für zehn Jahre. Anschließend garantierte etwa in Baden-Württemberg das Land die Mittel. Heute bezahlt die Industrie oft nur fünf Jahre, und danach ist unklar, wie es weitergeht. Das ist nicht nachhaltig.

Kreiß: Das Problem ist doch ein ganz anderes. Zum Beispiel finanzieren die Arbeitgeberverbände ein juristisches An-Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und stellen dort eben nur Professoren ein, die unternehmensfreundlich sind, worüber die IG Metall verständlicherweise erbost ist. Die Arbeitgeber lenken Lehre und Forschung in eine gewerkschaftskritische Richtung – und die Professoren geben das auch so an die jungen Menschen weiter, die bei ihnen studieren. Das ist ein Unding.

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Auch ohne Wirtschaftsförderung besitzen Hochschulen unterschiedliche Profile. So gilt Freiburg als wirtschaftsliberal, Bremen als gewerkschaftsfreundlich. Technische Universitäten wie Aachen, München oder Karlsruhe sind sehr anwendungs- und damit industrienah.

Kreiß: Ja, aber das haben die Forscher dort so gewollt und nicht das Geld, das Kapital.

Hippler: Das ist doch Unsinn. Nicht die Stifter bestimmen die Richtung, sie suchen sich allerdings ein Umfeld, das zu ihnen passt.

Gleichgewicht bestimmt Einfluss der Wirtschaft

Würden Sie behaupten, die Wirtschaft nimmt keinerlei Einfluss auf Forschung und Lehre?

Hippler: Solange die Balance zwischen öffentlicher Förderung und Mitteln aus der Wirtschaft gewahrt bleibt, nein. Schauen Sie einmal auf die Ingenieurwissenschaften. Diese enge Verzahnung von Hochschule und Wirtschaft hat unseren hohen Lebensstandard erst ermöglicht. Und wir dürfen die Wirtschaft auch nicht aus der Verantwortung lassen. Deshalb finde ich es wichtig und richtig, dass sie sich beteiligt – und zwar nicht nur über die Steuern, die sie zahlt, sondern auch, indem sie Professuren und Forschungsprojekte direkt fördert.

Kreiß: Diese Drittmittelfinanzierung ist noch schlimmer als die Stiftungsprofessuren.

Der Hochschulpakt

Warum?

Kreiß: Die Unternehmen nutzen unabhängige Forschung nur als Deckmäntelchen, um sich ihre – zuvor schon festgelegten Ergebnisse – bestätigen zu lassen. Hier verspielt die freie Forschung ihre Glaubwürdigkeit. So haben Hersteller von Zucker und Süßgetränken Wissenschaftler jahrelang dafür bezahlt, mit gefälschten Studien die Gefahr eines zu hohen Zuckerkonsums herunterzuspielen. Tabakkonzerne scheuten sich nicht, Passivraucher in den zu Tod schicken, indem sie skrupellos Studienergebnisse unterdrückten. Diese krassen Beispiele zeigen, dass die Interessen von Industrie und Bevölkerung oft nicht übereinstimmen. Auch bei Pestiziden, Genfood oder der Laufzeit von Atomkraftwerken ist das so.

Hippler: Sie prangern hier Betrug an, der mit den deutschen Hochschulen und mit legaler Forschungsförderung nichts zu tun hat. Auch einige Doktoranden haben betrogen. Daraus können Sie aber nicht ableiten, dass keiner mehr promovieren sollte.
Kreiß: Der Vergleich hinkt. Bei den Doktoranden handelt es sich um Einzelfälle. Bei der Industrie aber ist es systemimmanent. Hier geht es immer um Profit.

Hippler: Das ist dann legitim, wenn wissenschaftlich integer gearbeitet werden kann. Und wenn ein Unternehmen dabei früh in Kontakt mit exzellenten Wissenschaftlern kommt, wenn es zehn gute Mitarbeiter rekrutieren kann, hat sich die Million Euro schon gelohnt, die es vielleicht in eine Hochschulkooperation investiert hat. Sie können aus betrügerischen Machenschaften weniger Branchen doch keinen Generalverdacht für jegliche Industrieförderung ableiten. Zumal Ihre Beispiele allesamt aus dem vorigen Jahrhundert stammen.

Kreiß: Dann lassen Sie uns gerne über aktuelle Beispiele sprechen. Die Pharmaindustrie finanziert 90 Prozent aller Medikamentenstudien weltweit. Fast alle Forscher in diesem Bereich bekommen also Geld von den Konzernen, die mit Arzneimitteln Profite machen. Denen kommen Studien, die keine Wirksamkeit ihrer Pillen zeigen, sehr ungelegen. Sie bleiben unveröffentlicht. Nur die Studien, die eine Wirksamkeit zeigen, lassen sie dagegen publizieren. Die Basis unserer Medikamentenforschung ist deshalb schief.

Wie viel Geld die Industrie in deutsche Hochschulen steckt.


Hippler: Aber nicht in Deutschland.

Kreiß: Das können Sie nur hoffen. Maulkörbe sind in der Pharmaindustrie die Regel. Laut Experten auf diesem Feld ist bei 90 Prozent der Pharmastudien Verschleierung mit im Spiel. Wie massiv das Problem ist, zeigte sich doch Ende vorigen Jahres. Da wurde 80 Medikamenten die Zulassung entzogen, weil ein indisches Auftragsforschungsinstitut bei Studien getrickst hatte.

Hippler: Jetzt reden wir aber wieder vom Ausland, nicht von Deutschland.

Kreiß: Ja, aber deutsche Unternehmen hatten die Studien in Auftrag gegeben – für Medikamente, die in Deutschland zugelassen und verkauft werden.

Gibt es denn auch Beispiele aus Deutschland?

Kreiß: Natürlich. So kooperiert das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim mit der Universität Mainz – und Bayer aus Leverkusen mit der Uni Köln. Kein Mensch weiß, was da vereinbart wurde – etwa ob Boehringer oder Bayer frei entscheiden können, was publiziert wird und was nicht. Die Verträge wurden nie veröffentlicht.

Hippler: Verständlich.

Interesse an Transparenz

Müssten Sie, Herr Hippler, als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz nicht allergrößtes Interesse an Transparenz haben?

Hippler: Ja, aber in solchen Verträgen steht eine Menge Dinge, zum Beispiel auch der Forschungsgegenstand. Wenn sie den veröffentlichen, weiß jeder, woran sie arbeiten. Bei vermarktungsnahen Projekten ist das ein großes Problem. Deshalb sollten Partner künftig zwei Vereinbarungen treffen, eine, die sich veröffentlichen lässt, eine andere über die Forschungsinhalte. Vor allem sollte sich aber niemand darauf einlassen, die Entscheidungshoheit über die Ergebnisse aus der Hand zu geben.

Kreiß: Viele tun es aber. Und dann kommt dabei heraus, dass ein Medikament Kindern mit Blutarmut gar nicht hilft, sondern massiv schadet. Das darf aber nicht veröffentlicht werden – die Firma verkauft das Medikament einfach weiter. Das ist ein Unding.
Hippler: Da gebe ich ihnen völlig recht, das geht nicht. So etwas muss veröffentlicht werden. Alles andere ist unredlich und unethisch. Aber das ist doch wieder ein Beispiel aus Ihrem Buch aus den USA, oder?

Kreiß: Ja, die Forscherin hatte die Maulkorbklausel unterschrieben, wollte dann aber trotzdem veröffentlichen. Doch bei der Klageandrohung in Millionenhöhe knickte ihre Universität ein und ließ sie fallen.

Hippler: Genau das geht in Deutschland gar nicht. Da muss die Universität die Verträge unterzeichnen, nicht der einzelne Forscher.

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Herr Kreiß, kennen Sie Beispiele, wo Unternehmen Forschern inhaltliche Vorgaben gemacht haben?

Kreiß: Es ist vor allem die Schere im Kopf. Da forschen Kollegen etwa im öffentlich geförderten Carissma-Projekt in Ingolstadt daran, wie sich die Zahl der Verkehrstoten, immerhin knapp 26 000 pro Jahr in der Europäischen Union, senken lässt. Aber sie denken nur über neue Stoßdämpfer und Airbags nach, statt über neue, menschenschonende Verkehrskonzepte – ohne Autos. Kein Wunder, denn einer der beiden Leiter des 28-Millionen-Euro-Projekts ist ein Ex-Audi-Manager, im Beirat sitzen drei Audi-Leute und ein Reifenhersteller. Das ist versteckte Industrieförderung.

Hippler: Wollen Sie mit einem einzelnen, noch dazu angesichts der Laufzeit nicht gerade großen Projekt die Einseitigkeit von Forschung belegen? Es gibt andere Projekte, die Alternativen zum Auto erforschen.

Kreiß: Das meiste Geld rauscht in industriefreundliche Gebiete. Denn auch in Institutionen, die öffentliche Drittmittel verteilen, sitzen Industrievertreter. Ebenso in Forschungsverbünden wie Helmholtz-Gemeinschaft oder Fraunhofer-Gesellschaft und industrienahen Stiftungen. So bestimmt die Wirtschaft in Deutschland über 75 Prozent der Forschungsmittel: 66 Prozent entfallen auf industrieeigene Projekte, neun Prozent direkt und indirekt auf die freie Forschung.

Hippler: Sie können der Industrie doch nicht vorwerfen, dass sie selbst forscht. Und die direkte Förderung durch die Industrie beträgt deutlich unter fünf, nicht neun Prozent. Was Sie da indirekt dazurechnen, kann ich nicht nachvollziehen.

Christian Kreiß: Gekaufte Forschung Quelle: PR

Lässt sich mit so einem überschaubaren Anteil die Forschung in Deutschland lenken?

Kreiß: Ich warne davor, es zu unterschätzen. Auch bei uns gibt es schon einen „easyCredit“- und „Aldi-Süd“-Hörsaal. Ganz so weit wie in Kalifornien sind wir aber noch nicht. Dort findet sich ein Mars-Lehrstuhl für Ernährung, dessen Inhaber erklärt, Schokolade sei gar nicht so ungesund. Das ist ein Skandal ersten Ranges.

Hippler: In Deutschland wäre das unmöglich. Bei uns ist die Freiheit von Forschung und Lehre im Grundgesetz verankert. Selbst wenn ein Konzern per Vertrag versuchen würde, die Forschung einer Hochschule auf bestimmte Ergebnisse zu lenken, könnten sich die Wissenschaftler mit Verweis auf die Verfassung darüber hinwegsetzen.

Deutschlands beste Universitäten 2014

Könnte sich das bald ändern?

Hippler: Bisher nicht. Denn bei Bildung und Kultur gibt es fundamentale Unterschiede zwischen USA und Europa. Aktuell steht aber genau das beim Freihandelsabkommen TTIP zur Diskussion: Sind Bildung und Kultur Wirtschaftsgüter, so wie in USA, oder eine hoheitliche Aufgabe von Staat und Gesellschaft, wie in Deutschland? Bei den Verhandlungen mit Kanada wurden Bildung und Kultur ausgenommen, bei denen mit den USA sind sie aber noch dabei.

Was befürchten Sie, wenn Bildung zum Wirtschaftsgut wird?

Forschung



Hippler: Dann könnte die Industrie tatsächlich unguten Einfluss gewinnen. Die öffentliche Hand würde die Finanzierung der allgemeinen Bildung zurückfahren. US-Unternehmen könnten hier Universitäten gründen und im Zweifelsfall sogar Zuwendungen vom Staat verlangen. Spätestens dann müssten wir Studiengebühren einführen.

Brauchen wir vor diesem Hintergrund nun mehr oder weniger Industrieförderung?

Kreiß: Ich würde sie generell verbieten. Unser Forschungssystem gerät sonst auf die schiefe Bahn.

Hippler: Ich habe kein Problem mit Industriemitteln – solange die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert ist.

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