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Vor der Nobelpreis-Woche Der typische Nobelpreisträger ist weiß, alt und amerikanisch

Weiß, alt und US-Bürger: Dieser Steckbrief dürfte auch kommende Woche wieder passen, wenn die Nobelpreisträger 2018 benannt werden. Doch die US-Vorherrschaft bröckelt.

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Im vergangenen Jahr waren acht der elf Preisträger US-amerikanische Staatsbürger. Eine Frau war 2017 nicht unter den Geehrten. Quelle: dpa

Stockholm/Oslo Ein alter, weißer, amerikanischer Mann im schwarzen Anzug – der typische Nobelpreisträger lässt sich mit wenigen Worten beschreiben. Auch im vergangenen Jahr waren acht der elf Preisträger US-amerikanische Staatsbürger, keine einzige Frau bekam 2017 diese Auszeichnung. Wird das wieder so, wenn in der ersten Oktoberwoche mit großem Tamtam die Nobelpreisträger 2018 verkündet werden?

Die absoluten Zahlen sind bemerkenswert eindeutig: Die schlausten Köpfe der Welt sitzen demnach in Amerika. Seit 1901 haben Wissenschaftler von 127 US-amerikanischen Forschungsinstituten 369 Nobelpreise in den Kategorien Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaft abgeräumt. Das ist mehr als die Hälfte aller vergebenen Auszeichnungen. Zum Vergleich: In derselben Zeit brachten Forscher von 54 deutschen Instituten 72 Nobelpreise mit nach Hause.

Doch diese Zahlen, meint der Frankfurter Physiker Claudius Gros, täuschten darüber hinweg, dass die Zeit der großen US-amerikanischen Erfindungen zumindest in den Nobeldisziplinen langsam zu Ende gehe. Er hat die erlangten Nobelpreise ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl der Länder gesetzt, deren Staatsangehörigkeit die Gewinner zur Zeit der Preisvergabe hatten. Die Kurve der USA zeigt klar nach unten, schon seit 1972.

„Davor standen die USA wissenschaftlich in voller Blüte“, sagt Gros. Es die Zeit der ersten Mondlandung und anderer großer wissenschaftlicher Entdeckungen. Noch immer sei die „Produktivität“ der US-Wissenschaftler zwar relativ hoch. „Deutlich höher als die von Deutschland. Aber nach der Vorhersage wird sich das in zehn Jahren ändern“, sagt der Physiker.

2025 hätten deutsche Wissenschaftler demnach bessere Chancen auf einen Nobelpreis als amerikanische. Am meisten aber würde mit Blick auf die Einwohnerzahl Großbritannien abräumen.

Heißt das, dass die US-Forschung schlechter geworden ist? Nicht unbedingt. Die Wissenschaftler dort konzentrieren sich allerdings inzwischen weniger auf Physik, Chemie oder Medizin, wo wissenschaftlicher Fortschritt immer schwieriger wird. „Sie machen lieber Informatik und künstliche Intelligenz, wo die Post noch richtig abgeht. Wo auch mehr Geld zu verdienen ist“, sagt Gros. Bloß gibt es dafür eben keine Nobelpreise.

Für Deutschland kam das Erbe von Alfred Nobel ein paar Jahre zu spät. Die produktivste Zeit der deutschen Wissenschaft sei die Gründerzeit gewesen, sagt Gros. Schon bevor 1901 der erste Nobelpreis vergeben worden sei, sei es abwärts gegangen. Zudem flohen ab 1933 zahlreiche hervorragende Wissenschaftler vor der Nazi-Herrschaft aus Deutschland – viele davon in die USA.

„Ich vermute, dass die Produktivität ohne die Auswanderung größer wäre, als sie heute ist“, sagt Gros. Mit anderen Worten: Die Nazi-Zeit brachte Deutschland um Nobelpreise. Mindestens 25 in Deutschland geborene Nobelpreisträger hatten zum Zeitpunkt der Preisverleihung eine andere Staatsangehörigkeit. Viele davon hatten wegen der Nazis Deutschland verlassen. Das aktuellste Beispiel: Der Physik-Preisträger des vergangenen Jahres, Rainer Weiss, der als Kind mit seiner Familie 1938 vor den Nationalsozialisten floh.

Eindeutig ist zu sehen, dass deutsche Wissenschaftler bis etwa 1940 in absoluten Zahlen gesehen mehr Auszeichnungen einheimsten als die amerikanischen oder britischen, vor allem in Physik und Chemie. 1943 begann dann die selten unterbrochene Siegesserie der US-Universitäten.

Nimmt man die Nobelpreise für Literatur und Frieden mit in die Rechnung, ist die Dominanz übrigens nicht mehr ganz so erdrückend. Beim Literaturnobelpreis hat Frankreich mit 16 ausgezeichneten Autoren die Nase vorn. Die USA und Großbritannien teilen sich mit je 11 den zweiten Rang, Deutschland folgt mit 8 Nobelpreisträgern gleichauf mit Schweden.

Ihren eigenen Landsleuten scheinen die skandinavischen Nobeljurys ohnehin ungern Preise zu geben. Und Frauen auch nicht. Nur 48 der fast 900 Nobelpreisträger waren weiblich. Die vielleicht bekannteste dieser Forscherinnen, Marie Curie, erhielt sogar zwei Auszeichnungen – den Nobelpreis für Physik und den für Chemie.

Im vergangenen Jahr äußerte die Königliche Wissenschaftsakademie ihre Sorge über die geringe Zahl weiblicher Preisträger. „Ich vermute, dass es viel mehr Frauen gibt, die es verdienen, für den Preis berücksichtigt zu werden“, sagte der Vorsitzende Göran Hansson. Auch die Geografie sprach er an. „Ich hoffe, dass wir in fünf oder zehn Jahren eine ganz andere Verteilung sehen.“

Im gleichen Jahr ging der Physik-Nobelpreis übrigens an drei alte, weiße Amerikaner.

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