WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Weltraum-Forschung Europas Mondfahrt hängt am seidenen Faden

Die erste europäische Mondfähre ist ein technisches Wunderwerk: Sie kann selbstständig fliegen, Hindernissen ausweichen und sich einen sicheren Landeplatz suchen. Fraglich ist aber, ob sie je gebaut wird.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Der Ingenieur im Raumfahrtunternehmen Astrium GmbH in Bremen, Ralf Regele, führt einen neu entwickelten Roboterarm für Arbeiten auf der Mondoberfläche vor. Quelle: dpa

Das Raumschiff nähert sich in einer großen Schleife der Mondoberfläche. Noch wenige Sekunden, dann würde es aufsetzen. Doch das ist heute nicht vorgesehen. Testingenieur Silvio Schröder steht am Rand einer großen Sandkiste im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bremen, in der Hand eine Steuerkonsole. Er drückt eine Taste, und die Mondfähre verharrt in der Luft. Nur 40 Zentimeter trennen sie vom Erdtrabanten. Bis zur Landung ist es für die Europäer aber noch ein weiter Weg.
Beim Bremer Raumfahrtunternehmen Astrium kann die Zukunft jetzt schon besichtigt werden: eine zylinderförmige Tonne auf vier Beinen, umhüllt mit Solarmodulen und ausgerüstet mit einem Roboterarm. Um die Füße der Sonde wuselt keck ein winziger Rover. 2019 könnten die Europäer damit den Südpol des Mondes erkunden - und zwar ohne Astronauten. Das Raumschiff soll selbstständig fliegen, sich einen geeigneten Landeplatz auf dem unebenen Terrain suchen und diesen zentimetergenau ansteuern können - eine technische Herausforderung, denn wie die Mondoberfläche am Südpol aussieht, ist kaum bekannt.

Die zwölf Männer auf dem Mond

„Wir haben keine hochauflösenden Karten“, sagt Peter Kyr, Astriums Experte für unbemannte Weltraumerkundung. Diese muss sich die Sonde erst im Anflug erstellen. Unmengen von Daten muss sie dafür innerhalb kurzer Zeit verarbeiten können. 90 Sekunden bleiben ihr, um Kratern, Felsen und Abhängen auszuweichen. Dann soll sie sicher aufsetzen. Bisher ist der „Lunar Lander“ nur eine Vision, an der Astrium für die Europäische Weltraumagentur Esa arbeitet. Die Technologie haben Kyr und seine Kollegen in ihren Laboren und beim DLR bereits getestet. Jetzt hoffen sie, dass ihr technisches Wunderwerk Wirklichkeit wird.

Esa-Ministerrat entscheidet über weitere Finanzierung

Die Meilensteine der bemannten Raumfahrt
Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in seinem Raumanzug kurz vor seinem Start zum ersten bemannten Weltraumflug. Quelle: dpa
Satellit mit Namen Sputnik Quelle: dpa
Mit der Hündin "Laika" fliegt in Sputnik 2 das erste Lebewesen in eine Erdumlaufbahn. Sie stirbt nach wenigen Tagen, Foto: AP Quelle: AP
John Glenn umrundet als erster Amerikaner die Erde Quelle: Reuters
Der sowjetische Kosmonaut Alexei Leonow verließ sein Raumschiff und schwebte als erster Mensch im Weltraum, Foto: Nasa Images Quelle: Presse
Neil Armstrong auf dem Mond Quelle: NASA
astronaut Eugene Cernan auf dem Mond Quelle: REUTERS


Im November wird der Esa-Ministerrat über die nächsten Schritte entscheiden. Etwa 500 Millionen Euro soll die gesamte Mondmission kosten - viel Geld in Zeiten von Finanzkrise und leerer Staatskassen. Trotzdem hält Ralf Jaumann vom DLR für Planetenforschung in Berlin eine Erkundung des Erdtrabanten für wichtig. 40 Jahre nach der ersten Mondlandung gibt dieser der Wissenschaft nach wie vor Rätsel auf. „Was wir immer noch nicht richtig wissen ist, wie der Mond aufgebaut ist.“ Milliarden von Jahren war der Mond Gesteinseinschlägen aus dem All schutzlos ausgeliefert. Deshalb gilt er als Archiv unseres Planetensystems und birgt viele Erkenntnisse über dessen Entstehung.


Auf dem Sprung zum Mars

Doch nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht ist der Mond spannend. „Er ist auch eine Zwischenstation für die weitere bemannte Erkundung des Weltraums“, sagt der zuständige Esa-Direktor Thomas Reiter. Der Sprung zum Mars wäre zum Beispiel von dort eine Möglichkeit. Auch international erlebt der Mond zurzeit eine Renaissance. Neben der Esa planen Russland, Japan, China und Indien Mondmissionen. Als Konkurrenz sieht Reiter diese jedoch nicht. „Ich erkenne da momentan keinen Wettlauf - jedenfalls nicht wie in den 60er Jahren.“ Vielmehr sieht er die anderen Länder als Partner, um Kosten teilen zu können.

Curiosity kommt in die Jahre
März 2017Curiosity hat inzwischen deutliche Abnutzungsspuren. Ein Routine-Check der Reifen im März zeigt, dass es am linken mittleren Reifen zwei Brüche der sogenannten Stege im Profil gibt. Der Rover hat während seiner Reise über den Roten Planeten inzwischen etwa 16 Kilometer zurückgelegt. Curiosity-Projektmanager Jim Erickson sagte, alle sechs Reifen hätten trotz der sichtbaren Schäden noch genug Lebenszeit, um den Rover zu allen geplanten Orten zu bringen. Die regelmäßige Überwachung der Reifen wurde eingeführt, nachdem die Forscher im Jahr 2013 deutlich mehr Dellen und Löcher in den Rädern entdeckt hatten, als erwartet worden war. Tests auf der Erde hatten gezeigt, dass der Bruch von drei Stegen zeigt, dass etwa 60 Prozent der Lebenserwartung des Reifens erreicht sind. Curiosity hat aber bereits deutlich mehr als diesen Anteil an der geplanten Strecke zurückgelegt. Quelle: NASA/JPL-Caltech/MSSS
US-Präsident Barack Obama verlässt das Weiße Haus - und auch Curiosity verabschiedet sich. Quelle: Screenshot
Mars: Curiosity untersucht Meteoriten Quelle: NASA, JPL-Caltech, LANL, CNES, IRAP, LPGNantes, CNRS, IAS, MSSS
September 2016Die Kuppen und herausstehenden Felsen aus Schichtgestein am Mount Sharp entstanden wohl aus von Wind abgelagertem Sand. Sie erinnern stark an Wüstenlandschaften auf der Erde, etwa im Grand Canyon oder dem Monument Valley. Quelle: NASA
September 2016Der Rover sendet neue Fotos vom Mars: Im Hintergrund der Aufnahme ist der Rand des Gale-Kraters zu sehen, in dem Curiosity seit 2012 aktiv ist. Geologisch ist die Region besonders interessant, da sie die Untersuchung zahlreicher Gesteinsschichten ermöglicht. Der etwa fünf Kilometer hohe Mount Sharp liegt in der Mitte des Gale-Kraters. Quelle: NASA
Juli 2016Curiosity kann jetzt seine eigenen Ziele für die Laser-Analyse auswählen. Bisher wurden diese von der Erde aus anhand von Fotos ausgewählt. Die Wissenschaftler auf der Erde werden dadurch aber nicht ersetzt: Die neue Funktion soll vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn die Nasa-Forscher anderweitig beschäftigt sind. Curiosity sendet auch nicht ständig Bilder, sondern am Ende seiner Wegstrecken. Bisher könnten wichtige Objekte auf Fahrten daher übersehen worden sein. Quelle: NASA
Curiosity: Mars hatte wahrscheinlich einst eine sauerstoffreiche Atmosphäre Quelle: dpa


Doch bis Menschen zum Mond zurückkehren, wird es mindestens noch zwei Jahrzehnte dauern. Auf dem Esa-Ministerrat im November geht es erstmal um einen überschaubareren Zeitraum. Nach dem Vorschlag, der zur Abstimmung steht, soll Astrium in den nächsten zwei Jahren die Technologien für die Mondfähre weiterentwickeln und 90 Millionen Euro dafür erhalten. Ob der „Lunar Lander“ am Ende tatsächlich gebaut wird, sollen die 20 Mitgliedsstaaten erst 2014 entscheiden.

Einen Plan B hat Thomas Reiter jedoch schon in der Tasche: Statt einer eigenen Mission könnten sich die Europäer an den russischen Plänen beteiligen. Gespräche über mögliche Kooperationsangebote laufen bereits. „Das wäre natürlich schade. Damit gibt man einen Teil der geplanten Weiterentwicklung von Schlüsseltechnologien auf, die auch für den Flug zu anderen Himmelskörpern von großem Interesse sind.“ Ob die Europäer nach dem Mond greifen werden - und vor allem wie - bleibt also weiterhin offen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%