WHO-Bericht Die Menschen werden älter - und stützen die Wirtschaft

Die Menscheit wird immer älter – die meisten können erwarten, weit in die Sechziger zu leben. Der Nachteil: Die Gesundheitskosten steigen. Der Vorteil: Die Alten sind eine Säule der Wirtschaft.

Senioren Quelle: dpa

Dem Älterwerden gewinnt Dänemarks Königin Margrethe II. (75) Vorteile ab: „Man hat ganz andere Erfahrungen als früher“, sagte sie Reportern. US-Bestsellerautorin Siri Hustvedt (60) findet: „Es gibt viele Freuden – ich kann es nur empfehlen als Lebensabschnitt.“ Und Hollywood-Star Dustin Hoffman (78) verrät: „Es gibt Dinge, die ich am Altern sehr genieße.“

Schön für die Stars, mag mancher der Generation „Ü70“ denken. Am Morgen hat er seine Pillen gegen Diabetes, Bluthochdruck, Arthroseschmerzen und ein, zwei weitere Leiden geschluckt. Nun blättert er durch die Zeitschriften im überfüllten Wartezimmer seines Hausarztes.

Das sieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf ähnlich. Am Mittwoch hat sie ihren ersten „Weltbericht über Altwerden und Gesundheit“ veröffentlicht. Er beginnt mit einer erfreulichen Feststellung: „Zum ersten Mal in der Geschichte können die meisten Menschen erwarten, weit in die Sechziger und darüber hinaus zu leben“, wird WHO-Generaldirektorin Margaret Chan zitiert.

Fiese Keime
EbolaDie Ausbreitung dieses Filovirus ließ sich in der Vergangenheit durch Isolation der Kranken sehr gut eingrenzen, weil der Erreger nur durch engen Kontakt mit Erkrankten und deren Körperausscheidungen oder Blut weiter gegeben wird. Zudem können Menschen, die sich mit Ebola angesteckt haben, andere erst dann infizieren, wenn sie selbst offensichtlich erkrankt sind. Während der bis zu 21 Tage dauernden sogenannten Inkubationszeit zwischen der Infektion und dem Ausbruch der Krankheit besteht keine Ansteckungsgefahr. Die fadenförmigen Viren befallen vor allem die Fresszellen unter den weißen Blutkörperchen sowie Zellen in der Leber, den Lymphknoten und der Milz. Sie lösen dabei hohes Fieber und Blutungen aus. 60 bis 90 Prozent der Erkrankten sterben innerhalb weniger Tage oder Wochen an diesem hämorrhagischen Fieber. Weil die Seuche so tödlich ist, hat sie sich bisher immer nach wenigen Wochen selbst auslöscht. Weil sie aber auch Tiere befällt, kommt es immer wieder zu Infektionen von Menschen und neuen Epidemien. Quelle: AP
AidsDas Immunschwäche auslösende Virus (Humanes Immundeffizienz Virus, HIV) wird zwar ebenfalls durch Blut und Körperflüssigkeiten vor allem beim Geschlechtsverkehr übertragen, hat aber eine ganz andere Ausbreitungsdynamik. Hier dauert es im Mittel zehn Jahre, bis die Erkrankung offensichtlich wird. Trotzdem kann der Infizierte schon während dieser jahrelangen Inkubationszeit andere Menschen anstecken. Vor allem in den ersten Wochen ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch. So hat sich das Aids-Virus, seit es Anfang  der 1980er Jahre vom Affen auf den Menschen übersprang, sehr erfolgreich über die ganze Welt verbreitet. Die Pandemie hat seither etwa 28 Millionen Menschenleben gefordert. Aids kam vor allen in den Anfangsjahren einem Todesurteil gleich. Heute lässt sich das Virus – zumindest in der westlichen Welt – mit einem Dreifach-Cocktail aus zwischenzeitlich entwickelten Medikamenten recht gut unter Kontrolle halten. Auch  die Ausbreitung wurde durch Aufklärung deutlich eingegrenzt: Am wirksamsten ist der Schutz durch Kondome beim Sex. Quelle: Gemeinfrei
Hepatitis BDiese Form der Leberinfektion wird wie Aids vor allem beim Geschlechtsverkehr weitergegeben. Aber auch Piercing, Spritzen oder Blutkonserven sind potenzielle Übertragungswege. Mit über 350 Millionen Infizierten gehört das Hepatitis-B-Virus zum erfolgreichsten Krankheitserreger der Welt. Es ist vor allem in China und Südostasien, dem Nahen Oste und Afrika weit verbreitet. Bei 90 Prozent der Infizierten heilt die Erkrankung aber schnell und vollständig aus – oft sogar ohne die typischen Gelbsucht-Symptome wie Gelbfärbung der Haut oder Gliederschmerzen. Dennoch sind auch diese unerkannten Infizierten anstecken. Und bei jenen zehn Prozent der Betroffenen mit chronischem Verlauf kommt es zu schweren Leberzirrhosen und zum Leberkrebs. Durch eine Impfung konnte das Virus vor allem in der westlichen Welt allerdings drastisch eingedämmt werden. In Deutschland werden seit 1995 alle Neugeborenen gegen Hepatitis B geimpft. Quelle: Gemeinfrei
Hepatitis CAuch dieses Virus wird über Blut und Körperflüssigkeiten weitergegeben. Es befällt wie sein naher Verwandter, das Hepatitis-B-Virus, die Leber und bleibt oftmals unerkannt. Der Anteil chronischer Erkrankungen ist allerdings deutlich höher: Bei etwa einem Drittel der Betroffenen zerstört das Hepatitis-C-Virus (HCV) das Organ. Weltweit sind rund 170 Millionen Menschen mit HCV infiziert, allein 300.000 in Deutschland. Besonders betroffen ist zum Beispiel Ägypten, wo 15 bis 20 Prozent der Menschen das Virus in sich tragen. Auch Nicht-Erkrankte können den Erreger weiter geben. An einer Impfung arbeiten Forscher derzeit – zum Beispiel beim Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und beim  schweizerischen Biotechnik-Unternehmen Okairos, das 2013 vom britischen Pharma- und Impfstoff-Konzern GlaxoSmithKline aufgekauft wurde. Seit Ende vorigen Jahres ist zudem ein sehr wirksames Medikament des kalifornischen Unternehmens Gilead Sciences auf dem Markt, das allerdings wegen seines hohen Preises ebenso hohe Wellen schlägt: Eine einzelne Sovaldi-Pille kostet 700 Euro, die zwölf Wochen dauernde Behandlung schlägt mit gut 60.000 Euro zu Buche. Quelle: Gemeinfrei
InfluenzaAnders als Ebola, Aids oder Hepatitis befallen Grippe- oder Influenza-Viren die Atemwege der Menschen und verbreiten sich beim Husten oder Niesen durch winzige Tröpfchen sehr effektiv über die Luft. Damit ist es sehr schwer, sich vor einer Ansteckung zu schützen – und Infizierte sind bereits eine Ansteckungsgefahr für Mitmenschen, lange bevor sie selbst mit hohem Fieber und Gliederschmerzen schwer krank im Bett liegen. Anders als eine gewöhnliche Erkältung kann eine echte Grippe durchaus lebensbedrohlich sein. Allein in Deutschland fordert die saisonale Wintergrippe jedes Jahr bis zu 15.000 Menschenleben. Vor allem ältere und immun geschwächte Menschen sind gefährdet. Da jedes Jahr andere Grippestämme grassieren, besteht die Schutzimpfung alljährlich aus drei unterschiedlichen Virentypen, die von den Beobachtungsteams der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgewählt werden. Quelle: Gemeinfrei
SchweinegrippeDa Influenza-Viren auch Vögel und Schweine befallen, entstehen laufend neue Erregertypen. So brachte zwischen 1918 und 1920 solch ein für den Menschen völlig neuer und besonders virulenter Influenza-Stamm – die sogenannte spanische Grippe – weltweit mindestens 25 Millionen Menschen um. Der Erreger gehörte zum Subtyp A/H1N1, der unter dem Namen Schweinegrippe im Frühjahr 2009 erneut für Aufsehen sorgte. Damals war die Sterblichkeit bei den Erkrankten des zuerst in Amerika auftretenden Erregers extrem hoch. Später zeigte sich jedoch, dass vor allem ältere Menschen teilweise gegen den neuen Schweinegrippe-Erreger immun waren. Die zunächst befürchteten zigmillionen Toten blieben aus. Das Virus hat sich aber inzwischen aber weltweit ausgebreitet und unter die saisonalen Grippeerreger gemischt. Quelle: dpa
VogelgrippeUnter ständiger Beobachtung stehen Influenza-Viren der Subgruppe A/H5N1 und A/H9N7, die bei Geflügelzüchtern verheerende Schäden anrichten und sich auch über wildlebende Zugvögel weltweit verbreiten. Vor allem eine Infektion mit dem H5N1-Typ, der auch unter dem Namen Geflügelpest bekannt ist, endet für Legehennen oder Masttiere wie Enten, Truthähne oder Gänse in der Regel tödlich. Immer wieder springen Vogelgrippe-Erreger vor allem im asiatischen Raum auch auf den Menschen über, was bisher aber nie zur befürchteten Pandemie beim Menschen mit avisierten sieben Millionen Toten führte. Quelle: AP
SARSEin anderer luftgängiges Virus ist ein Ende 2002 erstmals in China beobachtetes  Coronavirus, das das sogenannte schwere akute respiratorische Syndrom (SARS) hervorruft – eine Art Lungenentzündung. Der bisher einzige große SARS-Ausbruch forderte 2002 und 2003 insgesamt knapp 1000 Todesopfer. Quelle: AP
MERSDem SARS-Erreger nah verwandt ist MERS, ein Cornona-Virus, das vor allem im Nahen Osten Probleme macht und das Middle East Respiratory Syndrome hervorruft. Der Erreger wird vor allem von jungen Kamelen auch immer wieder auf den Menschen übertragen. Ein sprunghafter Anstieg der menschlichen Infektionszahlen auf über 500 in diesem Frühjahr beruhte aber offensichtlich auf einer neuen Testmethode, die viel mehr Infizierte dingfest machte als die alte Testmethode. Auch der befürchtete Anstieg von Infektionen beim Menschen während der im Oktober anstehenden Pilgerfahrt nach Mekka, der Haddsch, blieb aus. Quelle: AP
EhecGanz andere Übertragungswege sind für Lebensmittelkeime typisch: Hier stecken sich die Menschen nicht gegenseitig an, sondern sie infizieren sich beim Genuss von Nahrungsmitteln, die mit den Keimen verseucht sind. Besonders gefährlich sind die Vertreter der Gruppe enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC). Unter diesem Namen werden entartete, sonst gutartige Darmbakterien des Stammes Escherichia coli zusammengefasst, die schwerste und oft tödliche Probleme beim Menschen hervorrufen. Hier zerstören Bakteriengifte die Blutzellen und setzen die Niere außer Funktion. Im Frühsommer 2011 brach eine solche EHEC-Epedemie in Norddeutschland aus: 4321 Menschen infizierten sich, 50 von ihnen starben. Zunächst standen Gurken, Tomaten und Salat unter Verdacht. Erst nach wochenlanger Suche kamen die Fahnder der Ursache auf die Spur: Aus Ägypten stammende Samen von Bockshornklee-Sprossen waren mit EHEC verseucht. Sobald die Quelle bekannt war und vor dem Verzehr gewarnt wurde, ebbte die Epidemie wieder ab. Quelle: Gemeinfrei

Mehr und bessere Nahrung, die Entwicklung von Insulinlösungen und der Antibiotika, weniger körperlich schwere Arbeit durch moderne Technik – viele Faktoren haben dazu geführt, dass etliche Menschen deutlich länger leben als früher. Forscher sprechen gar von einem „geschenkten Jahrzehnt“ an Lebenszeit.

Wunderbar sei das, sagt die WHO. Aber das Altern von Körper und Geist sei damit ja leider nicht abgeschafft. Und schon gar nicht seien es alterstypische Krankheiten. Das längere Leben – so sehr manche auch in der Lage sein mögen, es zu genießen – wird scheinbar für immer mehr Ältere zum bloßen „Längerüberleben“. Umfassendere Datenerhebungen stehen dazu noch aus. Aber längst ist klar, dass eine längere Lebenszeit nur zu oft mit erheblichen Beeinträchtigungen durch mehrere nicht heilbare Leiden einhergeht.

Der WHO-Fachausdruck lautet „Multimorbidity“, was sich mit „Vielfacherkrankungen“ übersetzen lässt. Für Deutschland zum Beispiel heißt das laut dem jetzt vorgelegten Bericht: „Nahezu ein Viertel aller 70- bis 85-Jährigen leidet an fünf oder mehr Krankheiten gleichzeitig.“

Das bedeutet nun nicht, das ein solches Leben unerträglich sein muss. Viele der hier gemeinten, oft alterstypischen Krankheiten lassen sich in den Griff bekommen. Doch bei allen Fortschritten der Pharmaforschung und Medizintechnik ist nach Ansicht der WHO-Experten der weit verbreitete Slogan „70 ist das neue 60“ völlig daneben, weil er einfach viel zu oberflächlich, ja sogar gefährlich sei: „Er verleitet zu der Schlussfolgerung, dass Menschen in ihren 70er Lebensjahren heute viel besser in der Lage seien, sich um sich selbst zu kümmern, und deshalb weniger Einsatz der Politik erforderlich sei, um ihnen zur Hilfe zu kommen.“

Dabei ist wohl oft das Gegenteil der Fall, wie das Beispiel Deutschland zeigt. „Schon jetzt macht allein der Anteil der über 60-jährigen Krankenhauspatienten 50 Prozent aus – obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 27 Prozent beträgt“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Das erfordere eher begleitende und lindernde Behandlung und Pflege als teure Hochleistungsmedizin. „Doch nur für die Spitzenmedizin steigen die Ausgaben. Diese Fehlentwicklung muss die Politik korrigieren.“

Das deckt sich mit Forderungen des WHO-Berichts, der unter anderem ein Defizit bei pflegerischer Betreuung für Ältere kritisiert. Insgesamt empfiehlt die WHO die Abkehr von einer Gesundheitspolitik, die den Fokus vor allem auf die Behandlung einzelner Krankheiten legt. Nötig sei eine „integrierte Fürsorge, die Menschen in die Lage versetzt, das höchstmögliche Maß an physischen und geistigen Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten“. Erst dann bestehe eine Hoffnung, dass eines Tages wirklich „70 das neue 60“ ist.

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Aber lässt sich ein solcher Systemumbau überhaupt bezahlen? Mehr Geld als bisher werde zweifellos benötigt, räumt die WHO ein. Doch sie verweist auch auf eine Studie in Großbritannien. Dabei wurden für das Jahr 2011 die Gesamtkosten für Pensionen und die medizinische sowie soziale Betreuung alter Menschen mit der Summe verrechnet, die sie durch Steuern, Ausgaben für den Konsum und andere wirtschaftlich nützliche Aktivitäten erbracht hatten. Laut WHO ergab sich ein geschätzter Netto-Beitrag seitens der Alten in Höhe von 40 Milliarden Pfund (54 Milliarden Euro). Insofern sind sie ein wichtige Säule der Wirtschaft.

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