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Wirkungslose Antibiotika Gefährlicher Kampf gegen Killerkeime

Sterben wir bald wieder an Lungenentzündungen? Die Gefahr besteht, weil die meisten Pharmakonzerne jahrzehntelang die Antibiotikaforschung vernachlässigt haben – und nun immer mehr dieser Medikamente gegen Killerkeime versagen.

Die Sanofi-Forscher Hammann (links) und Maas wollen Pilzen und Bakterien neue Antibiotika entlocken. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Eiskalter Nebel steigt auf. Jochen Maas und Peter Hammann ziehen vorsichtig einen Schieber mit Hunderten Plastikröhrchen aus dem fast 200 Grad kalten Stickstofftank. Was die beiden da in einem Labor des französisch-deutschen Pharmakonzerns Sanofi aus einer Art tiefgekühltem Hochsicherheitstrakt heben, sind teils mehr als 100 Jahre alte Mikroben. Die gut 120.000 Pilz- und Bakterienstämme sind nicht bloß ein unbezahlbarer Schatz des Unternehmens. Vor allem sind sie so etwas wie die Lebensversicherung der Menschheit gegen immer neue Formen extrem aggressiver, lebensbedrohlicher Keime.

Diesen Schatz wollen Maas, Forschungschef von Sanofi Deutschland, und Hammann, der beim Unternehmen weltweit für Innovationen zuständig ist, nun heben. In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Gießener Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie suchen sie nach modernen und hochwirksamen Medikamenten gegen bakterielle Infektionen wie Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen – nach neuen Antibiotika.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

Zahlreiche solcher Wirkstoffe sind schon aus dieser Sammlung hervorgegangen. Doch das ist lange her. Wie fast alle Pharmakonzerne hatte auch Sanofi die Antibiotikaforschung weitgehend aufgegeben. Es gab ja so viele, inzwischen spottbillige Medikamente gegen einst tödliche Seuchen wie Syphilis und Tuberkulose oder gegen Allerweltsinfekte wie Mittelohr- und Blasenentzündungen. Noch entscheidender: Mit Herz- oder Krebsmitteln, die Kranke jahrelang einnehmen müssen, ließ sich viel mehr verdienen als mit Antibiotika. Denn die muss der Patient meist nur wenige Tage schlucken, um gesund zu werden.

Inzwischen hat sich die Lage aber extrem zugespitzt. Die Allzweckwaffe Antibiotikum droht ihre Schlagkraft zu verlieren. Viele Erreger sind resistent geworden. Längst besiegt geglaubte Seuchen kehren zurück. Die Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO schlagen bereits lautstark Alarm. In ihrem jüngst veröffentlichten ersten globalen Resistenz-Report malen sie ein geradezu apokalyptisches Bild. Passiere nichts, müssten Ärzte bald wieder hilflos zusehen, wie Menschen an heute gut heilbaren Erkrankungen oder selbst kleinsten Wundinfektionen sterben.

Die Lage ist so brisant, dass selbst Regierungen investieren, um der Pharmaindustrie die Keimabwehr wieder schmackhaft zu machen: Der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline erhält 200 Millionen Dollar vom US-Gesundheitsministerium, um in den kommenden fünf Jahren neue Resistenzbrecher zu entwickeln. Die Europäische Union plant Ähnliches mit dem Programm New Drugs for Bad Bugs.

Inzwischen haben neben Sanofi auch andere Branchengrößen, etwa Roche oder Bayer, eine Kehrtwende gemacht und investieren erneut in die Forschungsfelder, die sie vor Jahren geschlossen oder abgespalten hatten. Sie alle rechnen nun mit guten Geschäften. Angesichts der neuen Notlage sind Kassen und Patienten zumindest in der wohlhabenden Welt bereit, für wirksame Antibiotika viel Geld zu zahlen.

Doch während es Jahre dauern wird, bis aus den jetzt angestoßenen Forschungsprojekten der Branchenriesen marktreife Medikamente entstanden sind, sind einige wenige Pharma- und Biotechfirmen schon weiter, die unbeirrt die Forschung weiter betrieben haben.

Sie sind nun mit neuen Medikamenten schon am Start oder kurz vor der Marktreife. Auf ihnen ruhen große Hoffnungen. Denn auf diese neuen Mittel wird es ankommen, wenn die Menschheit im 21. Jahrhundert das Feld nicht wieder krank machenden Bakterien überlassen will.

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