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Wissenschaft kann Vertrauen schaffen Meeresforschung als Mosaikstein im Nahost-Friedensprozess

Nach drei Jahren Funkstille haben Israelis und Palästinenser wieder Gespräche aufgenommen. In Kiel treffen sich Meeresforscher aus Deutschland, Israel und Palästina. Sie arbeiten schon länger zusammen.

270.000 Tonnen Plastikmüll treiben auf den Weltmeeren
Fast 270.000 Tonnen Plastikmüll treiben einer neuen Studie zufolge auf den Ozeanen der Erde. Das sei so viel Abfall, wie nicht einmal in 38 500 Müllwagen passen würde, schätzt eine am Mittwoch in dem Fachjournal „Plos One“ veröffentlichte Studie. Es handele sich dabei um mehr als fünf Billionen Einzelteile, heißt es in der Untersuchung. Um zu den Zahlen zu kommen, hatten Forscher zu See mit einem Maschennetz kleine Abfallteilchen gesammelt. Beobachter auf Booten zählten größere Gegenstände auf dem Wasser. Mit Computermodellen wurde für nicht untersuchte Gebiete hochgerechnet, wie viel Müll auch dort schwimmt. Die Studie bezieht sich lediglich auf Plastikabfall an der Wasseroberfläche. Wieviel Material auf dem Meeresboden liegt, erforschten die Wissenschaftler nicht. Foto: NOAA/PIFSC Quelle: Presse
Im Meer vor Griechenland treiben Plastiksäcke. Das Bild stammt aus dem Jahr 2008. Foto: Gavin Parson/Marine Photobank Quelle: Presse
Plastikmüll als Habitat für Meeresbewohner im Pazifik. Foto: Lindsey Hoshaw Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Tromsø in Norwegen. Foto: Bo Eide Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Kanapou in den USA. Foto: NOAA/Marine Debris Program Quelle: Presse
Vor der Küste von Hawaii sind etliche Netze angeschwemmt worden. Foto: Chris Pincetich/Marine Photobank Quelle: Presse
Kein seltener Bild: Eine Robbe hat sich in einem Treibnetz verfangen, USA, 2009. Foto: Kanna Jones/Marine Photobank Quelle: Presse

Frieden wird von unten geschaffen und nicht von oben verordnet. Daran glaubt Professor Boaz Lazar von der israelischen Hebrew University of Jerusalem. Und während in Washington zum ersten Mal seit drei Jahren wieder offizielle Gespräche zwischen Palästinensern und Israelis stattfinden, forscht der maritime Geochemiker schon seit Mitte 2010 gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich, Israel und Palästina im Projekt Trion. Dabei spüren sie - stark vereinfacht ausgedrückt - dem Weg von Spurenmetallen von der chemischen Verwitterung von Gesteinen an Land bis in die Kalkskelette von Korallen nach.


Wissenschaft kann Vertrauen schaffen, über ethische, religiöse und politische Grenzen hinweg - davon ist auch Lazars Kollege vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, Trion-Koordinator Anton Eisenhauer, überzeugt. Das sieht die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ebenfalls so. Sie hat erst kürzlich rund eine Million Euro für die zweite Phase des Projekts bewilligt. Es gibt gemeinsame Expeditionen, Workshops und Studenten der palästinensischen AlQuds Universität im Osten Jerusalems lernen an der Hebrew University den Umgang mit einem Massespektrometer. Dieses Gerät steht baugleich in Kiel und Israel - und dank des Projekts auch an der einzigen Universität der palästinensischen Autonomiegebiete.

Riesen-Eisberg treibt im Polarmeer
Am 8. Juli 2013 übermittelt der Erdbeobachtungssatellit TerraSAR-X vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) dieses Bild an die Forscher des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung: Ein Riss von rund 34 Kilometer Länge trennt die rund 720 Quadratkilometer große Schelfeisfläche vom Pine-Island-Gletscher, dem längsten Gletscher in der Antarktis. Unter Schelfeis versteht man Eismassen, die von einem Gletscher ins offene Meer abgleiten. Wissenschaftler bezeichnen diesen Vorgang, bei dem oft riesige Eisberge entstehen, als "Kalben". Quelle: Presse
Diese Luftaufnahme der NASA zeigt einen "gekalbten" Eisberg an der Spitze des Pine-Island-Gletschers. Immer wieder lösen sich hier Eisflächen und treiben in das Polarmeer vor der Westküste der Antarktis. Quelle: Presse
Den ersten Riss in der Gletscherzunge hatten Wissenschaftler der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA im Oktober 2011 bei einem Überflug entdeckt. Die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts verfolgten die weitere Entwicklung während der nächsten Jahre mithilfe eines Satelliten. Quelle: Presse
Auf dieser Aufnahme des Satelliten TerraSAR-X vom 13. Oktober 2011 ist der Riss schon zu erkennen. Die Forscher haben die hoch auflösenden Radaraufnahmen des DLR-Erdbeobachtungssatelliten genutzt, um das Fortschreiten des Risses zu beobachten und die physikalischen Prozesse hinter den Gletscherbewegungen besser zu verstehen. Quelle: Presse
Was auf dem Satellitenbild noch harmlos erscheint, wirkt bei näherer Betrachtung gewaltig: Bei seiner Entdeckung war der Riss bereits 24km lang und an der weitesten Stelle 50m breit. Beim "Kalben" des Eisbergs handelt es sich nach Angaben der Forscher um einen natürlichen Prozess. Ein Zusammenhang mit dem Klimawandel sei nicht zu erkennen, heißt es in der offiziellen Mitteilung. Quelle: Presse

Doch ganz einfach ist auch der Austausch bei Trion nicht. So liegen die beiden Universitäten nur etwa sieben Kilometer voneinander entfernt. In Deutschland müsste man vielleicht zehn Minuten mit dem Auto fahren, in Jerusalem braucht man gleich rund eine Stunde, weil unter anderem der Sperrzaun zwischen den beiden Campussen liegt und man nicht den direkten Weg nehmen kann. Palästinensische Studenten könnten auch nicht einfach so ins israelische Kernland reisen, um an einer gemeinsamen Expedition teilzunehmen. Sie brauchen eine Arbeitsgenehmigung, die sie über das Projekt aber bekommen, wie Eisenhauer sagt. Und an ihrer eigenen Universität würden sie oft schräg angesehen. Er höre oft, „das ist doch der Feind“, sagt der palästinensische Diplom-Chemiker Mahmoud AlKatib.

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Eisenhauer bestätigt das: „Da gibt es einige, die die Zusammenarbeit auch auf dem akademischen Level kritisch sehen.“ Aber gemeinsam mit seinen Kollegen arbeitet er daran, dies zu ändern, die angespannte Atmosphäre zu lockern. Vertrauen schaffen eben. Aber wie sieht es mit einem Friedensschluss zwischen den Regierungen aus, wie er gerade in Washington vorbereitet werden soll? Gibt es in zehn Jahren zwei Staaten? „Wer weiß“, heißt die Antwort Lazars. Er werde keine Vorhersage wagen.

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