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Zeitumstellung Der große Betrug um Zeit und Schlaf

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Die übermüdete Gesellschaft

Grundsätzlich treiben wir seiner Meinung nach viel Schindluder mit unserem Schlaf und unserem Tag- und Nacht-Rhythmus. Das belegen auch die immer wiederkehrenden Empfehlungen diverser Manager, am besten spätestens um 4.30 Uhr aufzustehen und eine Runde joggen zu gehen, bevor man dann um sechs Uhr früh mit der Arbeit beginnt. „Schlafen ist was für Weicheier“, soll schon die britische Politikerin Margaret Thatcher gesagt haben. Mehr als vier Stunden pro Nacht habe sie angeblich nie geschlafen. Laut Roenneberg gebe es dank solcher Vorbilder mittlerweile einen Wettbewerb, wer am wenigsten schläft.

Aber der frühe Vogel fängt doch den Wurm?
Wer mosert, wenn er früh aufstehen muss, kann sich in eine Ecke mit Rauchern, Junk-Food-Fans, Fleischessern und Couchpotatoes stellen beziehungsweise setzen. Wer morgens um sieben noch nicht zu Hochleistungen aufläuft, ist nicht effektiv, faul und soll eben abends einfach früher schlafen gehen, so die gängige Meinung. „Es gibt in unserer Gesellschaft eine Moral, wonach früh aufzustehen ‚healthy, wealthy und wise‘ macht“, bestätigt Roenneberg. Zwar belegen zahlreiche Studien, dass ein Großteil der Menschheit erst im Laufe des Vormittags auf Touren kommt, aber das scheint keine Rolle zu spielen.

Im Gegenzug verlangt von den Frühaufstehern – Chronotyp Lerche – niemand, nachts um eins einen Fachvortrag zu halten oder sportliche Höchstleistungen zu erbringen.

Wie viele Stunden verschiedene Personengruppen im Durchschnitt schlafen

Frühaufsteher sind also Gewinner?
Den Frühaufstehern in unserer Gesellschaft geht es auch nicht besser als den Lerchen, wie Roenneberg weiß. Er sagt: „Frühtypen haben immer Schlafmangel: Um morgens um vier oder sechs von selber aufzuwachen, müssten sie um acht ins Bett gehen, das ist aber nicht anerkannt – und am Wochenende schon gar nicht.“ Man könnte fast von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen: Weil die einen die anderen dazu zwingen, morgens früh aufzustehen, müssen sie selber länger aufbleiben. Im Endeffekt hat dadurch allerdings niemand gewonnen, stattdessen haben wir eine übermüdete Gesellschaft. Das gelte besonders für alle, die in irgendeiner Form Verantwortung haben. Roenneberg: „Ein Manager kann seiner Sekretärin genauso wenig sagen, dass er vor elf keine Termine haben möchte, wie dass er nach acht Uhr abends niemanden mehr trifft.“

Wie viel Schlaf brauche ich denn?
Grundsätzlich sind sich Schlafforscher einig: Sieben Stunden Schlaf pro Nacht brauchen wir, um erholt und fit in den Tag zu starten. Das gilt für alle Menschen, wie eine Studie von US-Forschern zeigt, die im Fachmagazin „Current Biology“ veröffentlicht wurde. Demnach schlafen die Mitglieder von Naturvölkern auch nicht länger als die industrieller Gesellschaften. Die Jäger und Sammler von den Hadza aus Tansania, den San aus Namibia und den Tsimanen aus Bolivien schlafen nach Studienangaben durchschnittlich knapp 6,5 Stunden pro Nacht.

Falsche Volksweisheiten rund um den Schlaf

Warum haben wir Schlafstörungen?
Chronische Schlafstörungen sind für die erwähnten Naturvölker ein Fremdwort – im Gegensatz zu den Menschen in Industrienationen. Sechs bis zehn Prozent der Erwachsenen sind laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin von Schlafstörungen betroffen. Was letztlich nicht nur an den Problemen liegt, die viele nachts wälzen, sondern am Licht, das letztlich Einfluss auf uns und unsere innere Uhr hat, wie Roenneberg sagt. „Wir können uns die Nacht erobern, indem wir Licht machen. Aber für eine Evolution ist der Zeitraum zu kurz: Unser Körper hat sich noch nicht darauf eingestellt, dass es künstliches Licht gibt.“

Welchen Einfluss hat Licht auf den Schlaf?
„Weil unsere innere Uhr keine richtigen Informationen mehr bekommt, verrutscht sie nach hinten und wir werden immer später müde.“ Denn wo die Naturvölker sich nach der Temperatur richten – sie stehen auf, wenn es zu heiß zum Schlafen ist und schlafen, sobald es kühl genug ist, bleibt dem westlichen Industriemensch in seinen dreifachisolierten Häusern außer im Hochsommer eben nur der Wechsel zwischen Hell und Dunkel als Signal, wann er müde zu werden hat. Und hier liegt das sprichwörtliche Schlappohr im Pfeffer: In unserer Gesellschaft wird es niemals richtig hell und es ist niemals richtig dunkel, wie Roenneberg sagt. Selbst in der tiefsten Nacht ist überall Licht. Und: „Dadurch, dass der moderne Mensch auch tagsüber in geschlossenen Räumen arbeitet, bekommt er nicht mehr genügend Licht: Während selbst an einem grauen verregneten Tag draußen noch 150.000 Lux sind, bekommt der Büroarbeiter an einem sonnigen Tag maximal 4000 Lux ab.“

Zehn Dinge, die uns den Schlaf rauben
Trennung von Arbeit und FreizeitSchlafstörungen haben sich nach Einschätzung von Medizinern zu einer Volkskrankheit entwickelt. „Wir schätzen, dass zwischen 5,7 und 6 Prozent der Bevölkerung an behandlungsbedürftigen Ein- und Durchschlafstörungen leiden“, sagte Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Es gebe wissenschaftliche Hinweise, dass heute weniger geschlafen werde als vor Jahrzehnten. Ein Grund ist die mangelnde Trennung von Arbeit und Freizeit: Abends noch schnell E-Mails für die Arbeit beantworten oder am PC noch an einem Projekt feilen – die ständige Erreichbarkeit und die technischen Möglichkeiten, auch von daheim zu arbeiten, lassen die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschwimmen. Das hindert daran, den Kopf frei zu bekommen und entspannt, einschlummern zu können. Quelle: Fotolia
Aktivierung statt Entspannung beim Internet-SurfenPCs und Smartphones verändern unser Freizeitverhalten: Statt vorm Einschlafen ein Buch zu lesen oder Fernzusehen – und dabei passiv Informationen aufzunehmen – surfen Menschen zunehmend vorm Schlafengehen im Internet. Doch beim Online-Shopping, E-Mail-Verkehr, Facebook-Chats oder Online-Spielen  muss das Gehirn sehr viele Informationen verarbeiten. Dabei wird es eher aktiviert als auf den Schlaf vorbereitet zu werden. Dabei kann helfen die Hintergrund-Beleuchtung der Displays zu dimmen, um sich auf die anstehende Nachtruhe einzustellen. Außerdem sollte nicht im Schlafzimmer gesurft werden, um den Raum gedanklich nicht mit Aktivität in Verbindung zu bringen. Eine Stunde vor dem Schlafengehen sollte man komplett auf PCs, Smartphones und Co. verzichten. Quelle: obs
Zu viel StressStressige Lebensphasen wühlen den Körper auf, und machen es nachts schwieriger, einzuschlafen. Um so wichtiger ist, es für Entspannung zu sorgen. Quelle: Fotolia
Die Angst vor Schlafstörungen verstärkt sie nurJe mehr man sich Gedanken, um die Schlafstörungen macht, desto stärker fördert man sie. So wird die Angst zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Da man denkt, in der Nacht nicht einschlafen zu können, stellt sich der Körper auf diesen Zustand ein – und man bekommt tatsächlich kein Auge zu. Quelle: Fotolia
Unruhiger Schlaf kann zur Gewohnheit werdenWenn Menschen lange Zeit einen unruhigen Schlaf haben, etwa weil sie gerade ein Kind bekommen haben, wird dieser Zustand für den Körper irgendwann zur Gewohnheit. So können Menschen auch Jahre nachdem ihr Baby das letzte mal nach der Flasche geschrien hat, immer noch einen unruhigen Schlaf haben. Dagegen kann eine Verhaltenstherapie helfen. Quelle: dpa
Es fehlt ein EinschlafritualMenschen sollen über ihre Schlafprobleme nicht grübeln, sondern ihr Verhalten ändern. Dies kann etwa ein Einschlafritual sein. So stellt etwa die obligatorische Tasse Tee oder Milch vor dem Gang zum Bett, den Körper irgendwann darauf ein, dass nun die Schlafenszeit ansteht. Dadurch kann das Einschlafen mit der Zeit leichter fallen. Quelle: dpa/dpaweb
Verschiedene Wecker Quelle: dpa

Also kann eine Hell-Dunkel-Kur helfen, die innere Uhr auszutricksen?
Zwar wird aus einem Frühtyp nie ein Spätaufsteher und umgekehrt, aber da wir ohnehin schon täglich in unseren Tag- und Nachtrhythmus hinein pfuschen, könnte man zumindest versuchen, früher müde zu werden, in dem man morgens für Licht und abends für Dunkelheit sorgt. Da wir Tageslicht und kein künstliches Licht brauchen, um auf Touren zu kommen, heißt das allerdings: mit Hund, Kind oder der Lieblingsmusik raus vor die Tür und ab um den Block – zu Fuß, nicht im Auto.

Im Herbst und Winter lohnt das vor neun Uhr morgens natürlich nicht viel, aber spätestens in der Mittagspause kann man sich eine kurze Lichtdusche genehmigen. Und abends gilt es, das Licht – insbesondere das künstliche Licht von Smartphone, Tablet & Co. – zu verbannen und die Augen müde werden zu lassen. Und zwar vor Mitternacht.

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