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Foursquare, Qype & Co. Das Milliardengeschäft mit dem lokalen Internet

Ob Restaurant oder Rockkonzert: Millionenfach publizieren Menschen über mobile Online-Dienste wie Foursquare & Co., wo sie sind und was sie tun – trotz Datenskandalen wie zuletzt bei Apple oder Google. Vom Run auf die ortsbezogenen Web-Angebote verspricht sich die Werbewirtschaft ein Milliardengeschäft.

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Foursquare Quelle: dapd

"Oh Mann!" Dennis Crowley ärgert sich. Rausgeflogen beim Kinderspiel Four Square: vier Spieler, vier auf den Asphalt gemalte Felder, ein Ball. Wer das nächste Feld verfehlt, scheidet aus. So wie Crowley. Egal, nächste Runde.

Über Stunden geht das so in der texanischen Frühjahrssonne, begleitet von bollernder Hip-Hop-Musik mitten in Austin. Eine Woche lang ist die Stadt im März in den Händen der Internet-Szene. Mehr als 25.000 Onliner aus aller Welt sind zur SXSW angereist. Die Veranstaltung, deren Name die Windrichtung "South by Southwest" abkürzt, ist so etwas wie das Woodstock der Branche. Eine Mischung aus Konferenz, Festival und Dauerparty.

Crowley gehört zu den Stars der SXSW. 2009 stellte der 34-Jährige mit der verwuschelten Frisur in Austin sein Unternehmen vor, das so heißt wie das Kinderspiel: Foursquare. Nur zwei Jahre später gehört es zu den wichtigsten Trendsettern der boomenden mobilen Internet-Szene.

Acht Millionen Menschen haben den Dienst, über den sie Freunden und Bekannten jederzeit ihren Aufenthaltsort mitteilen können, schon auf ihren Handys. Vor zwölf Monaten waren es gerade 500.000. Location Based Services (LBS) – ortsbezogene Dienste – heißen die neuen angesagten Online-Angebote, deren prominentester Vertreter Foursquare ist.

Digitales Abbild der Realität

Aber längst nicht mehr der Einzige: Konkurrent Gowalla kommt mit einem ähnlichen Angebot auf rund eine Million Nutzer. Bewertungsportale wie Yelp oder Qype sammeln mit ihren Handy-Apps Millionen ortsbezogener Meldungen zu Events und Restaurants, Kinobesuchen oder Party-Locations ein. Auch die Internet-Riesen Facebook und Google haben mit Places, Latitude und Hotpot LBS-Dienste gestartet, deren Nutzerzahl in die Millionen geht .

Allenthalben nutzen Handybesitzer die Smartphones, um am aktuellen Standort "einzuchecken" und so mitzuteilen, was sie gerade tun – und wo. Mehr als 381 Millionen Check-ins verbuchte Foursquare 2010 – an Arbeitsplätzen, bei Abendessen, in Flughäfen, selbst auf Konzerten der Hardrocker Kiss oder bei Spielen des Fußball-Regionalligisten Preußen Münster.

Dass IT-Experten jüngst enthüllten, wie Apples iPhones und Handys mit Googles Betriebssystem Android auch ohne Zutun der Nutzer Bewegungsprofile erstellen, sorgte zwar für einen Sturm der Entrüstung – und bescherte den Konzernen einen handfesten Datenskandal samt einer Vorladung vor den US-Senat. Doch dem Run auf die Dienste wird die Standortschnüffelei dauerhaft kaum Abbruch tun.

Zumal die Bedeutung der Angebote über die schiere Nutzerzahl und das extreme Wachstum weit hinausgeht. Immerhin lassen sie ein altes Versprechen der Internet-Visionäre tatsächlich Realität werden: Foursquare, Facebook & Co. verknüpfen endlich den virtuellen Raum des Internets mit der realen Welt. Verbunden durch Abermillionen individueller Kurzmeldungen einschließlich der Positionsmeldung ihrer Absender.

Welche Altersgruppen unterwegs ortsbezogene Internet-Dienste nutzen möchten Quelle: TNS Emnid, 12/2010

Zwar veröffentlicht keiner der Anbieter Nutzerzahlen für Deutschland. Doch knapp 60 Prozent der Deutschen kennen die Angebote bereits. Das ergab eine im Januar veröffentlichte Studie von Microsoft. Rund jeder fünfte Bundesbürger unter 50 Jahren, so eine Umfrage von TNS Emnid, ist interessiert, sie auch zu nutzen. Bei 20- bis 30-Jährigen liegt die Quote gar bei gut 35 Prozent (siehe Grafik).

Was sie treibt, ist wohl eine Mischung aus Spieltrieb, der Lust, Freunde oder Gleichgesinnte in der Nähe zu finden, und der Bereitschaft, Privatsphäre einzutauschen, etwa gegen Rabatte beim Einkauf. Denn für den Check-in gibt es Punkte, digitale Medaillen oder Sonderangebote.

Die Technik sei nur Instrument, sagt Crowley. "Es geht darum, rauszugehen, etwas zu unternehmen." Foursquare helfe mit Tipps, Fotos und Check-ins von Freunden. Die scheinbar wertlosen Ehrenbezeugungen veränderten das Nutzerverhalten, behauptet Crowley. Menschen spielten gern: "Wenn wir Check-ins nutzen, um Empfehlungen zu geben, und die Spielmechanik, um Menschen an einen Ort zu bewegen, ist das ein Volltreffer."

So eine Mechanik ist der Mayor-Status. Wer sich bei Foursquare am häufigsten an einem Ort anmeldet, wird dessen Mayor, der Bürgermeister. Symbol ist eine Comickrone im Nutzerprofil. Die Krone ziert auch Crowleys T-Shirt in Austin. Er ist so was wie der Mayor der SXSW, ein Großteil der Teilnehmer nutzt seinen Dienst.

Wiedergeburt einer alten Idee

Nur wie lange noch? Im Technik-Treibhaus Silicon Valley sprießen neue Dienste mit Bezug zum lokalen Geschehen, die den Erfolg von Foursquare kopieren wollen. Sequoia Capital – einst früh bei Apple, Google und Paypal an Bord – etwa steckte Ende März 41 Millionen Dollar in das Unternehmen Color Labs – noch bevor dessen LBS-Software zum Austausch von Digitalfotos auf dem Markt war.

Das spiegelt die immensen Erwartungen der Branche an die Angebote wider. Und Milliardenumsätze bei der Vermarktung mobiler, ortsgebundener Werbung. Sie ist das neue Klondyke des Internets. Checken sich Verbraucher zum Beispiel in der Nähe eines Supermarktes ein, kann der ihnen Sonderangebote aufs Telefon schicken und so Impulskäufer ködern.

 Die Idee wabert seit mehr als zehn Jahren durchs digitale Marketing. Doch erst der Boom von Smartphones und mobilen Internet-Zugängen lässt sie Realität werden.

Dank ortsbasierter Dienste mutiert das Telefon zur digitalen Rabattkarte, bei deren Gebrauch regelmäßige Besucher Sonderangebote erhalten. Handys, die Werbung verbreiten? Das scheint Konsumenten weniger zu stören, als mancher denkt: Nach Umfragen der Marktforscher Jiwire unter US-Konsumenten würden 53 Prozent diese Art von Werbung akzeptieren.

Auch in Deutschland: So lockt etwa das Berliner Web-Szene-Café St. Oberholz erfolgreich mit dem Angebot, dass der Foursquare-Mayor Kaffee bis zum Abwinken bekommt. Vorbild der mobilen Werber ist der Online-Dienst Groupon, der seinen Nutzern ein bis zwei E-Mails am Tag mit lokalen Sonderangeboten sendet. So gab es jüngst für 9,90 Euro einen 20-Euro-Gutschein für das Frankfurter Weinlokal Zum Lahmen Esel. Und für 19,90 statt 79 Euro konnten Potsdamer fünfmal im Fitnessstudio Ladys 1st trainieren.

Nur drei Jahre nach dem Start setzt Groupon schon geschätzt über eine Milliarde Dollar um. Bald soll ein LBS-Angebot starten. Dazu hat Groupon jüngst das Startup Pelago übernommen, zu dem der Foursquareartige Dienst Whrrl gehört.

Check-ins für alle: Die Marktlücke will das Unternehmen Wirelesswerx aus dem kalifornischen Anaheim mit einem Dienst schließen, über den jedes Unternehmen eigene Handyprogramme um Foursquareartige Funktionen erweitern kann.

An Selbstbewusstsein mangelt es den Neulingen im LBS-Markt nicht. "Wir lieben Foursquare – aber wir können es besser", brüsten sich auch Ralph Shao und Dave Bisceglia, die Gründer von Tap City.: "Wir wollen mobile Spiele auf eine neue Ebene bringen", sagt Shao. "Unsere Nutzer sollen um echte Plätze kämpfen."

Entscheidungshelfer

Das klingt martialisch – und ist doch ein zuckersüßes Monopoly-Spiel: Wer sich an einem Ort eincheckt, kann ihn mit Spielgeld kaufen und ein virtuelles Haus darauf bauen. Wer später kommt, zahlt Miete. Tun sich Freunde zusammen, können sie das Haus übernehmen. "Wir wollen beide Geschlechter ansprechen", erklärt Bisceglia weiblich-sanfte Comicoptik, gepaart mit der eher maskulinen Rangelei.

Oder Ditto: Hier geht es nicht darum, wer gerade wo ist – sondern was er dort tun will. Ditto-Gründer Jyri Engström möchte Nutzern bei der Entscheidungsfindung helfen: Wer in einer fremden Gegend ein Café sucht, gibt das bei Ditto ein – und Freunde, egal, wo sie sich befinden, oder Fremde in der Nähe geben ihm Tipps.

Wer schnell etwas braucht, kann dies beim LBS-Neuling Zaarly ausschreiben und den Preis nennen, den er dafür zahlt. Andere Nutzer können den Wunsch dann erfüllen. Nur 48 Stunden nachdem Zaarly-Gründer Bo Fishback die Idee erstmals präsentiert hatte, konnte er Investoren über eine Million Dollar präsentieren – darunter Schauspieler und Medienunternehmer Ashton Kutcher.

Weit in die analoge Welt reicht auch Viaplace. Im Laufe dieses Jahres will das Startup aus Baltimore TAG – das mobile Killerspiel auf den Markt bringen. In der realen Welt ist diese US-Variante von Räuber und Gendarm längst ein Renner: Die Spieler tun sich zu Gruppen zusammen, jeder erhält ein Foto eines anderen Teammitglieds – sein Ziel. Das muss beobachtet und per Wasserpistole zur Strecke gebracht werden. "Studenten lieben das", sagt Alex Hachey, der Designer von TAG. Via Handy können nun auch Fremde miteinander spielen. Jeder erhält ein Suchprofil und muss seinen Standort regelmäßig via Foursquare einchecken. Wer sein Ziel entdeckt, fotografiert es.

Das passt. Denn Bilderdienste mit Ortsbezug sprießen gerade, wie mit Extrem-Dünger begossen. Vorbild ist Instagram. Drei Millionen Anwender publizieren dort ihre Handyfotos im nostalgisch-quadratischen Format und mit Sepia-Effekten.

So weit will auch der Bilderdienst Cooliris mit seiner App Liveshare kommen. Dabei können Nutzer ihre Fotos Freunden zeigen – oder auf öffentliche Seiten überspielen. So meldeten sich etwa Fans der Rocker von Kiss via Liveshare auf der Facebook-Seite der Band. Und Dutzende Fans des 1. FC Köln lassen Freunde so regelmäßig am Stadionbesuch teilhaben. Die Menschen hätten Spaß daran, ihr Leben mit anderen zu teilen – "mit Fotos als aussagekräftigstem Medium", meint Sebastian Blum, der die Geschäftsentwicklung bei Cooliris verantwortet.

Auch Color Labs, das 41-Millionen-Dollar-Investment von Sequoia Capital, widmet sich dem Foto-Teilen. Dabei wirkt die Software Color zunächst todlangweilig: Nutzer laden Fotos hoch, und jeder, der am gleichen Ort ist, kann die Bilder und ein Profilfoto des Fotografen sehen.

Allein: Das mit dem Ort nimmt Color sehr genau. Nur Menschen im gleichen Raum sollen die Fotos sehen können. Dafür reicht die GPS-Navigation nicht aus. Die Software analysiert dafür die Lichtverhältnisse der Fotos und erstellt über das Mikro ohne Wissen des Nutzers ein Soundprofil der Umgebung – von Geräuschen wie Musik bis zu Gesprächen. Dass Color heimlich mithört, hat dem Unternehmen Ärger eingehandelt: Nach Informationen des "Wall Street Journal" ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft.

Vor den US-Senat zitiert

Stärker denn je stellen uns die neuen Dienste vor die Frage: Wie viel Privatsphäre mag ich einsetzen, um Menschen kennenzulernen, Sonderangebote, Unterhaltung oder Informationen zu erhalten? Zumal wir längst nicht mehr allzeit Herr unserer Daten sind, wie die aktuellen Datenskandale von Apple und Google belegen.

Beide Konzerne müssen in dieser Woche bei einer Anhörung im US-Senat erläutern, warum iPhones und Handys mit Googles Android-Software ohne Zutun des Nutzers Positionsdaten protokollieren. Die wurden auf dem Rechner des Benutzers gespeichert beziehungsweise an Google übermittelt. Apple – ansonsten für Perfektionismus bekannt – beruft sich auf einen Programmfehler.

Wie sich die Debatte auswirkt, ist offen. Bisher allerdings – das zeigt die ungebremste Nutzerbegeisterung für Datensauger wie Google oder Facebook – hat sich der gefühlte Vorteil von Anwendungen aber immer gegen Datenschutzbedenken durchgesetzt. Und so werden die aktuellen Skandale die Verbreitung ortsbasierter Dienste vielleicht verlangsamen – aufhalten werden sie sie nicht.

Dennis Crowley, der Bürgermeister der SXSW, jedenfalls gibt sich ungerührt. „Wir treten jetzt gegen Google und Facebook an, größere Unternehmen, die Check-ins nun auch cool finden.“ Dann bricht er auf – zur heißesten Party der SXSW, einem Konzert mit Hip-Hop-Superstar Big Boi. Pepsi zahlt, Foursquare ist Kooperationspartner, 1500 Zuschauer werden kommen und sich einchecken. So bekommen sie den raren "Epic Swarm Badge". Den gibt es nur, wenn sich 1000 Menschen innerhalb einer Stunde an einem Ort anmelden.

Auf der Party verteilen Helfer kostenlose Drinks: "Hier, keine Kalorien – check it out", sagt einer der Brause-Werber. Es scheint, nur der Pepsi-Mitarbeiter hat es noch nicht begriffen: Auschecken ist out – künftig dreht sich alles ums Einchecken.

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