Entwicklerkonferenz I/O Glaubt Google noch an Glass?

Google feierte in San Francisco das mobile Betriebssystem Android für die Automobilbranche und für Datenuhren. Doch Google Glass, das große Vorzeigeprojekt der vergangenen Jahre, blieb unerwähnt.

Ein Google-Glass-Träger hört sich die Keynote der Google I/O 2014 an. Neue Informationen zum Stand der Datenbrille bekam er nicht. Quelle: AP

Vor Erfolgsmeldungen, emotionalen Videos und Erfahrungsberichten rund um die Datenbrille Google Glass konnte man sich in den vergangenen zwei Jahren kaum retten. Keine Gelegenheit ließ das Unternehmen aus Mountain View aus, um die Computerbrille vorzuführen. Doch auf der Entwicklerkonferenz in San Francisco herrschte Schweigen. Kein Wort sagten die jungen Google-Manager, die für ihre App-Entwickler durch die spannendsten Entwicklungen des Unternehmens führten, über die Brille.

Stattdessen eine Lobhudelei auf das neue mobile Betriebssystem: So soll Android künftig nicht mehr nur noch auf Smartphones und Tablets laufen. Explizit forderte Google die IT-Profis dazu auf, das kommende Android „L“ stärker für Automobil-Apps auszunutzen. Auch in den Bereich Smart-TV steigt Google mit eigenen Apps ein. Und natürlich in sogenannte Wearables. Unter dieses Schlagwort fällt eigentlich auch Google Glass. Doch statt über die Brille ließ sich das Unternehmen ausschließlich über neue Datenuhren aus.

Google hatte erst im März die erste eigene Datenuhr mit eigenem Betriebssystem für Wearables vorgestellt. Schon damals wurde gemunkelt, der Suchmaschinen-Gigant könnte eine Kehrtwende hinlegen und die Brille künftig eher stiefmütterlich behandeln. Und auch in San Francisco stellte der Konzern zwar Android Wear vor, zeigte aber nur Computeruhren, auf denen das System laufen soll: Die G-Watch von LG und Samsungs neue Smartwatch Gear Life.

Offensichtlich merkt das Unternehmen, dass die Zeit für die Datenbrille noch nicht reif ist. Nach dem großen Hype kehrte in den vergangenen Wochen und Monaten Ernüchterung ein.  Erst auf der Next-Konferenz im Mai in Berlin übten Entwickler harsche Kritik an Google Glass. 2013 hatte Google die Datenbrille für 1500 US-Dollar an ausgewählte Entwickler und Technologie-Experten verkauft, damit diese erste Apps für Brille entwickeln.

Was kann die Datenbrille wirklich?
Google Glass für alle erhältlich Die Computerbrille Google Glass gibt es nun in den USA regulär für alle - allerdings hat sie weiterhin den Status Betatest. Sie kostet 1500 Dollar und kann online bestellt werden, ist aber mengenmäßig begrenzt. Google hat keine Angaben dazu gemacht, wie viele Brillen für den Verkauf bereit stehen. Aktuell gibt es vier unterschiedliche Gestelle und drei Sonnenbrillen. Google hat außerdem Korrekturgläser eingeführt. Somit können auch Menschen mit eingeschränkter Sehstärke die Brille nutzen. Seit April 2014 funktioniert die Datenbrille mit Android 4.4 alias Kitkat. Das soll eine längere Akkulaufzeit und eine bessere Bedienung bringen. Die Videotelefonfunktion wurde erst einmal entfernt. Quelle: dpa
Es ist ein Marktstart auf Raten: Zuerst mussten sich Interessenten bei Google bewerben, um ein Exemplar seiner Datenbrille Google Glass zu ergattern. Am Dienstag nun macht der Internet-Konzern ein neues Angebot: Für 1500 Dollar kann Jedermann über eine Internetseite ein Exemplar der Cyberbrille kaufen. Freilich nur in den USA. Und nur einen Tag lang. Exklusiver werden höchstens noch Luxus-Handys mit Edelsteinbesatz verkauft. Aber die Technik der Datenbrille verspricht einen ganz anderen Luxus: Erstmals lässt sich damit unterwegs freihändig im Internet surfen. Über einen kleinen Bildschirm vor dem rechten Auge spielt Google Glass dazu einen virtuellen Computerbildschirm ins Blickfeld. Per Sprachbefehl oder Fingertipp auf den rechten Brillenbügel lassen sich Programme bedienen. Töne spielt die Brille über einen Knopf im Ohr ein. So revolutionär das Interface sein mag: Was kann die teure Datenbrille wirklich? Für welche Zwecke gibt es heute schon Glass-Apps? Ein Überblick darüber, was Glass-Nutzer in ihrem Cyber-Alltag alles schon erleben können. Quelle: AP
Das Training im Blick behaltenEine virtuelle Trainingsuhr hat das US-Startup Strava für Google Glass programmiert. Das Display der Brille spielt Radfahrern und Joggern einen virtuellen Tacho ins Blickfeld: Gefahrene Distanz, aktuelles Tempo, Dauer des Trainings. Kleine Pfeile zeigen an, ob der Sportler auf der Strecke schneller oder langsamer unterwegs ist als beim letzten Training. Quelle: Reuters
Sich nie wieder verlaufenAuch Googles-Kartendienst Maps ist auf der Datenbrille präsent. Wer etwa den Weg zur nächsten Tankstelle sucht, kann per Stimme danach fragen. Google Glass sucht daraufhin im Internet nach der schnellsten Route – und blendet sie auf einer Karte ein. So können auch Radfahrer den Weg durch die Stadt finden, ohne zwischendurch absteigen und auf die Karte schauen zu müssen. Quelle: REUTERS
Ich-Perspektive live ins Internet streamenEs klingt wie aus dem Film Being John Malkovich: Glass-Nutzer können bald – eine Mobilfunkverbindung vorausgesetzt - ihre Sicht auf die Welt live ins Internet streamen – ob beim Joggen, beim Fallschirmspringen oder im Konzert. Möglich machen es die eingebaute Kamera und eine neue App des Streaming-Dienstes Livestream.com. Die Zuschauer können dem Brillenträger Textnachrichten schicken, die dieser wiederum per Stimme beantworten kann. Quelle: dpa/dpaweb
Schilder übersetzenDie App Word Lens verwandelt die Brille in einen Übersetzer: Fotografiert der Nutzer ein Hinweisschild, eine Werbeanzeige, eine Speisekarte oder andere kurze Texte, dann übersetzt die App die Worte in eine gewünschte Fremdsprache. Das Ergebnis blendet Word Lens in das echte Bild ein, wobei sogar die Schrift dem Original ähnelt. Das Programm unterstützt derzeit Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, italienische und Russisch - übersetzt wird immer ins Englische. Quelle: dpa/dpaweb
Eine Stadttour machenOb auf Geschäftsreise oder im Urlaub - wer wünscht sich nicht hin und wieder einen privaten Stadtführer, der einem die lokalen Sehenswürdigkeiten vorstellt? Googles App Field Trip verspricht genau das: Anhand der GPS-Positionsdaten des Nutzers blendet sie passende Infokarten ein mit Informationen über historische Bauten, Denkmäler, Landmarken und mehr. Quelle: dpa
Den Alleswisser spielenManchmal wäre man ja gerne so wie Justus Jonas, der erste Detektiv der Drei Fragezeichen, der auf alles eine Antwort weiß und mit einem geradezu lexikalischen Gedächtnis ausgestattet ist. Mit der Cyberbrille lässt sich die Genialität zumindest simulieren: Per Sprachbefehl kann der Nutzer dem großen Google-Orakel alle möglichen Fragen stellen – und bekommt häufig die passende Antwort. Wie groß ist der Eifelturm? Wie heißt die Frau von Barack Obama? Die Brille flüstert die Antworten ins Ohr. Quelle: dpa
Ein Fahrrad ausleihenLeihfahrräder sind in hunderten Städten schon zu einem beliebten Transportmittel geworden. Nur die Suche nach der nächsten Abgabestation ist oft lästig. In New York erleichtert eine Glass-App für den Verleih Citi Bike die Recherche: Auf einen Sprachbefehl hin blendet das Programm NYVCycle eine Routenbeschreibung zum nächsten Fahrradstand ein. Dabei zeigt die App auch an, ob dort noch Stellplätze frei sind und wie viele Leihfahrräder dort bereit stehen. Ein Countdown informiert zudem darüber, wann die Leihfrist für das Fahrrad abläuft. Quelle: dpa
Shoppen im VorbeigehenEinkaufen mit einem Augenzwinkern: So ähnlich soll es mit der Glass-App Glashion funktionieren. Das Programm nutzt einen Bilderkennungs-Algorithmus, um Objekte aller Art zu identifizieren. Gefällt dem Nutzer die Handtasche einer Passantin oder einen Schuh im Schaufenster, dann reicht der Sprachbefehl: „Ok glass, I want this“, schon macht die Brille ein Foto und sucht im Netz nach einem Online-Shop oder einem nahegelegenen Geschäft, wo es das gewünschte Produkt zu kaufen gibt. Findet die Software keinen Treffer, dann zeigt sie Waren an, die dem Original in Form und Farbe ähneln. Quelle: REUTERS
Kochrezepte ausprobierenKochbücher: Zuerst in Hochglanz gedruckt, dann mit Bolognese-Sauce versaut. Wenn Sie das von daheim kennen, sollten Sie die Glass-App KitchMe testen. Sie sucht auf einen Sprachbefehl hin nach Rezepten, blendet dann Schritt für Schritt eine Kochanleitung ein und zeigt an, wie viele Minuten es noch dauert, bis sich alle gemeinsam an den Tisch setzen können. Quelle: dpa
Seinen Tesla Model S überwachenSie haben das Glück, sich ein Model S von Tesla leisten zu können? Dann sind Ihnen 1500 Dollar für eine Google-Brille wahrscheinlich auch nicht zu teuer. Die App GlassTesla zeigt Ihnen auf einen Blick, wie viel Saft der Akku noch hat oder wie lange er noch lädt. Auf Wunsch erinnert Sie die Brille auch daran, wo Sie Ihren Luxuswagen zuletzt geparkt haben – und wenn Sie möchten, öffnet Ihnen die Brille auch per Sprachbefehl die Türen Ihres Elektroschlittens. Quelle: AP

Die Möglichkeiten sind zwar sehr vielfältig. Doch für den Alltagsgebrauch taugt das Gerät kaum. Warum sollte sich ein normaler Bürger eine Wegbeschreibung über die Datenbrille anzeigen lassen, wenn das Smartphone doch genau die gleichen Informationen ausspuckt? Nur um die Hände frei zu haben? Kaum jemand wird diesen Vorteil so hoch gewichten, dass er sich dafür als „Glasshole“ beschimpfen lässt. In den USA hat sich das Schimpfwort für Technikfreaks längst durchgesetzt.

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„Google Glass ist kein Gadget für den normalen Endverbraucher“, sagte der Blogger Sascha Pallenberg. „Mir fällt kein Szenario ein, in dem die Brille für diese Zielgruppe mehr Sinn ergibt als ein Smartphone.“

Und gerade in Deutschland hat die Datenbrille viel Kritik erfahren. Die Angst vor heimlichen Fotos und Videoaufzeichnungen ging um sich. Und wer die Panikmache skeptisch sah, war im Zweifel vom Design der Brille oder ihren technischen Möglichkeiten nicht überzeugt.

Dass Google nun auf seiner I/O-Konferenz, die weltweit übertragen wurde, das einstige Vorzeigeprojekt komplett ausspart, lässt tief blicken. Offensichtlich gibt es für App-Entwickler auf den Brillen-Front aktuell nicht viel zu tun. Das Unternehmen hat mit der Brille nämlich ganz andere Baustellen – und zwar in Sachen Hardware. Bei den verkauften Prototypen wurde der Akku sehr schnell heiß am Ohr. Außerdem hielt er nur vier bis fünf Stunden durch. Von Marktreife kann hier noch lange keine Rede sein.

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