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Gadgets Canon entdeckt das Internet

Der Kamerariese Canon startet sein erstes Onlineportal für Fotofreunde. Das Angebot Irista ist bisher zwar weder üppig noch innovativ, aber strategisch längst überfällig.

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Die besten Fotosharing-Portale
Flickr: Die vermutlich bekannteste Plattform zum Teilen von Fotos ist vor allem wegen ihrer universellen Einsetzbarkeit beliebt. Und nun auch nochmal komplett überarbeitet. Fotoamateure können ihre Bilder einfach über die Desktopsoftware Flickr-Upload in ihren Onlinespeicher laden. Das geht ganz unkompliziert, so wie man es vom Verschieben von Dateien in Ordner bei Windows oder Mac gewöhnt ist. Profis können ihre Bilder nach der Bearbeitung gleich aus Programmen wie Adobe Lightroom ins Netz ziehen. Sind die Bilder im Netz angekommen, erstellt Flickr automatisch eine Chronologie der Fotos, zählt die Zugriffe und ermöglicht die Weitergabe in soziale Netzwerke wie Facebook. Kostenlos steht jedem Nutzer jetzt ein Terrabyte Speicherplatz zur Verfügung, dieser muss allerdings Werbung auf der Plattform in Kauf nehmen. Für 49,99 US-Dollar im Jahr erkauft man sich eine werbefreie Version, wer noch mehr Speicherplatz wünscht kann seinen Onlinespeicher für jährlich 499,99 US-Dollar auf zwei Terrabyte verdoppeln. Diese Version ist ebenfalls werbefrei. Quelle: dpa
Picasa: Die Plattform erscheint in Google-typischer reduzierter Optik. Picasa ist eine Mischung aus Desktopsoftware und Online-Plattform. Nachdem man sich die Software heruntergeladen und bei Google registriert hat, kann man Bilder bearbeiten, Personen auf den Fotos verlinken und Hintergrundinfos, wie GPS-Daten, hinzufügen. Dabei durchsucht die Software auf Wunsch die eigene Festplatte selbstständig nach Bildern und organisiert diese. Wer die Fotos mit Bekannten teilen möchte, kann die Fotos per Mausklick in virtuelle Webalben laden und diese per Link an Freunde verschicken. Das Posten von Bildern bei Google-Rivale Facebook klappt zwar nicht von Haus aus, lässt sich durch ein Add-On aber schnell nachrüsten. Standardmäßig hat jeder Nutzer rund ein Gigabyte Onlinespeicher zur Verfügung, gegen Aufpreis lässt sich der Platz erweitern. Quelle: Screenshot
Instagram: Besonders unter iPhone- und Androidnutzern ist die Software beliebt, die aus jedem Bild ein quadratisches Foto mit netten Retroeffekten zaubert. Doch Instagram ist mehr als eine App zum Fotografieren und Aufhübschen von Bildern. Durch die Integration sozialer Netzwerke wie Twitter oder Facebook lassen sich die Schnappschüsse direkt auf das eigene Profil hochladen oder mit Freunden per Mail teilen. Dennoch ist Instagram mehr eine Plattform für Hobbyfotografen, die ihre Schnappschüsse untereinander austauschen möchten. Die Fotos werden allesamt mit Handykameras gemacht, es fehlt die Möglichkeit auch Bilder von klassischen Kameras hochzuladen. So geht es bei Instagram hauptsächlich um das Teilen von netten Schnappschüssen, wer professionelle Bildbearbeitung und umfangreiche Speichermöglichkeiten erwartet, ist hier an der falschen Adresse. Allerdings ist der Dienst kostenlos. Quelle: Screenshot
Dropbox: Wer Bilder schnell und und unkompliziert teilen möchte, dem sei zu Dropbox geraten. Der Dienst, der weniger eine Fotosharing-Plattform als Online-Festplatte ist, ermöglicht per einfachem Drag & Drop das Hochladen von Bildern in den eigenen Onlinespeicher. Dies funktioniert direkt über den Browser, wer es noch komfortabler haben möchte, lädt sich die Desktopanwendung herunter. Die erstellt einen Ordner im Explorer, in den man einfach alle Bilder, die hochgeladen werden sollen, hineinzieht. Den Rest erledigt Dropbox von selbst. Sind alle Fotos im Onlinespeicher erstellt Dropbox einen Link, den man per Mail versenden kann. Der Empfänger kann dann, auch ohne Anmeldung bei Dropbox die Bilder anschauen und herunterladen. Standardmäßig stehen jedem Benutzer bei der Erstanmeldung zwei Gigabyte Online-Speicher zur Verfügung. Wer mehr möchte, kann Freunde werben und dadurch den Speicher erweitern oder kostenpflichtig das Volumen erhöhen. Quelle: Screenshot
Amazon Cloud Drive: Ähnlich wie Dropbox ist der Cloud Drive von Amazon mehr als virtuelle Festplatte denn reine Fotosharing-Plattform. Es gibt Anwendungen für iPhone, Android-Geräte und Desktopprogramme für Mac- und Windowsuser. Zugangsvorrausetzung ist ein Amazonkonto. In den standardmäßig fünf Gigabyte großen Speicher lassen sich Fotos, Dokumente und jegliche andere Dateiformate laden. Anschließend kann man diese per Link teilen und in sozialen Netzwerken posten. Außerdem hat man als Anwender von überall Zugriff auf seine eigene Onlinefestplatte, sofern man die App auf seinem Smartphone oder Tablet installiert hat. Wer mehr Speicher als fünf Gigabyte wünscht, kann diesen gegen Aufpreis auf bis zu einem Terrabyte erweitern. Quelle: Screenshot
Smugmug: Und noch eine Plattform für eher professionelle Fotografen. Smugmug bieten seinen Anwendern unbegrenzten Speicherplatz, Möglichkeiten die Bilder online zu bearbeiten, Vorlagen für spezielle Foto-Homepages und vieles mehr. Dafür bittet das Unternehmen allerdings auch zur Kasse. Nach 14-tägiger Probezeit kostet die Plattform fünf Dollar monatlich. Wer seine Fotos nicht nur teilen sondern professionell vermarkten will, der sollte einen Blick auf Smugmug werfen. Quelle: Screenshot

Es war vor knapp zwei Jahren auf der Photokina in Köln, als mich Rokus van Iperen, Canons damals frisch berufener Europa-Chef, zur einer unscheinbaren Infosäule auf seinem Messestand führte. Etwas abseits der Flut glänzender Kameraneuheiten im gleißenden Scheinwerferlicht, zeigte er mir auf zwei Bildschirmen den Prototyp eines Online-Fotoportals, das die Canon-Entwickler nach der Messe für einen kleinen Kreis Beta-Tester öffnen wollten. Die „Project 1709“ genannte Plattform, so unscheinbar sie aussah, war für mich eine von Canons wichtigsten Messeneuheiten.

Als erster der großen Fotokonzerne nämlich erkannte der Kamerariese, dass der Wettbewerb ums Bild künftig nicht mehr (alleine) mit Kamerafeatures, Megapixelsensoren, Serienbildgeschwindigkeiten oder der Vergütung von Linsen entschieden wird. Zumindest die innovativeren unter Canons Managern wussten, dass die künftigen Konkurrenten in der Fotowelt viel weniger Nikon, Sony oder Olympus heißen. Es sind vielmehr Flickr, Picasa oder Pinterest ­– und die von ihnen entwickelten Mehrwert-Dienste im Netz.

Dann aber wurde es wieder still um Project 1709. Bis heute.

Denn knapp drei Monate vor der nächsten Photokina geht Canons digitaler Bilderspeicher nun als Live-Produkt ins Netz. Unter dem offiziellen Namen „Irista“ stellt der Kamerariese Fotofreunden ab sofort so etwas wie den intelligenten Sammelkarton für Digitalbilder im Internet bereit.

Dort können sie einerseits ihre Aufnahmen über den PC hochladen oder von anderen Portalen im Netz importieren. Andererseits könne sie die Bilder dort anhand von Schlagworten, Datum, Kamera- oder Objektivtyp kategorisieren, beziehungsweise zu „Memento“ genannten Alben zusammenstellen. Dabei ist es egal, wie die Bilder entstanden sind, ob mit einer Canon- oder einer anderen Kamera geschossen, oder als Schnappschuss am Smartphone.

Zum Start funktioniert der Online-Import aus Facebook und Flickr, die Anbindung anderer Plattformen wie etwa Googles Picasa dürfen demnächst folgen. Bis zu zehn Gigabyte Online-Speicherplatz gibt es kostenlos, 50 Gigabyte sollen monatlich 4,99 Euro kosten, 100 Gigabyte 10,99 Euro.

Das allerdings ist weder üppig noch wirklich innovativ. Bilderspeicher gibt’s im Netz schon einige. Googles Picasa-Webalben etwa bieten 15 Gigabyte Gratis-Speicher. Und die Yahoo-Tochter Flickr stellt ihren Nutzern sogar ein ganzes Terabyte an Netz-Ablage zur Verfügung. Und im Gegensatz zu Canons Irista bieten beide ihren Nutzern auch noch die Möglichkeit, die Bilder elektronisch aufzuhübschen, Belichtungsfehler zu korrigieren oder den Bildausschnitt neu zu wählen. So kommt Irista geradezu spartanisch daher – und überteuert.

Trotzdem ist dieser – jenseits von Marketing- und Supportangeboten – erste Schritt ins Netz absolut richtig. Und er war überfällig. Denn wie in fast allen Branchen verändert die Digitalisierung das Geschäft auch in der Fotowelt radikal. Nicht nur, dass längst mehr Fotos mit Smartphones geschossen werden. Bilder teilen, sie über soziale Netze zu verbreiten, zu gestalten oder zu verwalten, das ist der entscheidende Fototrend in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts.

Canons Irista spricht bisher wenig an

Fotografieren in Zeiten des iPhones
Wie reagiert die Fotobranche auf den Trend zum Mobile Imaging, zum Fotografieren mit Smartphones und Tablets? Das ist eine der Kernfragen auf der Photokina in Köln. Wir zeigen einige Antworten. Quelle: dpa
Leistungsstarke Mini-Kameras wie die Pentax Q10 liegen voll im Trend. 10,2 Zentimeter breit, 5,8 Zentimeter hoch und 3,3 Zentimeter tief ist die laut Hersteller kleinste Systemkamera der Welt - bei gerade einmal180 Gramm Gewicht. Quelle: Presse
Noch winziger ist die Nikon Coolpix S01, die kleiner als eine Scheckkarte ausfällt. Quelle: Presse
Ein anderer Trend: Sofortbilder. Die „Instax mini 8“ von Fuji sieht auf den ersten Blick aus wie buntes Spielzeug, entpuppt sich aber als Sofortbildkamera, die Bilder im Sekundentakt ausspuckt. Quelle: rtr
Mit der Z2300 knüpft Polaroid an seine lange Tradition der Sofortbildkameras an. Quelle: Presse
Wer für seine Kamera den Preis eines Mittelklasseautos ausgeben möchte, ist mit der Leica S gut bedient. Die Mittelformat-Spiegelreflexkamera, die das Modell S2 ablösen soll, ist für stolze 19.000 Euro zu haben. Quelle: rtr
Nikon D600 Quelle: Presse

Die attraktivste Online-Plattform, die coolste App auf dem Smartphone oder der per Software erweiterbaren Kamera wird darüber entscheiden, welche Marken in der Bilderbranche Zukunft haben. Bei den Verantwortlichen der klassischen Hersteller müssten alle Alarmsirenen tönen, wenn sie sehen, dass heute App-Anbieter wie Instagram oder Netz-Dienste wie Pinterest als Trendsetter der Fotowelt gelten. Und nicht mehr die Kameraproduzenten selbst.

In diesem sich radikal wandelnden Markt mit eigenen Cloud-Angeboten präsent zu sein, wird über kurz oder lang zur Überlebensfrage für eine Kamerabranche, die heute schon unter drastisch schrumpfenden Geräteverkäufen ächzt.

Genau deshalb ist Canons Irista zwar bisher enttäuschend wenig attraktiv, aber im Grunde alternativlos. Die Plattform ist der letzte Weckruf für die Kamera-Dinosaurier, das Zukunftsgeschäft nicht gänzlich der Online-Konkurrenz zu überlassen, die in Sachen Software und Services ohnehin viel agiler und kreativer ist, als die hardware-fokussierten Ingenieurstruppen der traditionellen Foto-Konzerne.

Ehrlich gesagt, ist das neue Angebot, wenn man das Canon zugute halten will, denn auch kaum mehr als der Wechsel von der geschlossenen zur offenen Beta-Phase, der ein rascher Ausbau von Funktionalität und Vernetzung folgen muss. Zumindest inoffiziell deuten die Verantwortlichen auch an, dass ihr entwickeltes Produkt vermutlich bereits zur Photokina im September funktional deutlich aufgewertet wird.

Und nicht bloß das: Bei Canon weiß man, dass Cloud-Dienste wie Irista auf Dauer der Anker sein müssen, um die Kunden im Web-Zeitalter an die Marke zu binden. Fotos, mit einer (Canon-) Kamera geschossen oder dereinst womöglich mit einer (Canon-) Kamera-App auf dem Smartphone aufgenommen, müssen per Auto-Upload direkt im Canon-Online-Speicher landen. Der wiederum muss die Möglichkeit bieten, die Bilder optimiert direkt auf (Canon-) Druckern auszugeben oder über einen externen Dienstleister als Fotobuch produzieren lassen.

Gadgets



Angesichts dessen fragt man sich, warum die Japaner nicht beispielsweise längst das Entwicklerteam hinter der großartigen „Camera+“-App gekauft haben? Bis heute rätsele ich, warum sie beispielsweise Flickr Xahoo überlassen haben, statt selbst zuzugreifen. Warum bietet Apple ein durchgängiges Angebot vom Bildermanagement mit der Software iPhone über den Netzspeicher iCloud bis zum professionellen Bilderdruck und nicht Canon?

Denn nur wer künftig als Kamerahersteller dieses Ökosystem beherrscht, hat in der digitalen Bilderwelt eine Überlebenschance. Einem Markt in dem die Hersteller – die Mobilfunkwelt macht‘s vor – schon bald ihren Abo-Kunden womöglich alle zwei bis drei Jahre eine neue Kamera zur Verfügung stellen, solange die nur (gut) zahlende Kunden des Online-Portals bleiben.

Von all dem ist Irista aktuell noch weit entfernt. Aber es ist der erste Schritt – und Canon ist der erste unter den klassischen Kameragiganten, der ihn macht. Bleibt zu hoffen, dass ihm rasch weitere folgen.

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