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Hip-Hop-Streit Bizarrer Kampf um die besten Kopfhörer

Hip-Hop-Stars wie Dr. Dre und 50 Cent machen Geschäfte mit teuren Kopfhörern und liefern sich einen skurrilen Streit um die härtesten Bässe. Was taugt die Technik?

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Rapper 50 Cent mit einem Prototyp seines Kopfhörers Quelle: Pressebild

In der Vergangenheit endeten Konflikte amerikanischer Rap-Musiker öfter mal mit Schießereien. Neuerdings fliegen weltbekannten Hip-Hop-Größen wie Dr. Dre und Ludacris eher Anwaltschreiben um die Ohren, und in ihren Streitereien geht es nicht um Frauengeschichten oder Gangrivalitäten – es geht um Wettbewerbsverstöße, Patentklau und, wenn man so will, die härtesten Bässe der Welt.

Denn die Rapper mischen nicht mehr nur den Musikmarkt auf, sondern auch das Geschäft mit Kopfhörern. Als Erster kam Hip-Hop-Star Dr. Dre mit seinem Startup Beats Electronics auf die Idee: Nachdem herkömmliche Hersteller bislang wenig Wert auf Design legten, ist das bei den mindestens 200 Euro teuren Beats-Kopfhörern zentrales Element: Glänzend schwarz oder weiß, mit klaren Linien und einem fetten „B“ auf der Ohrmuschel, sind sie Accessoire und Erkennungsmerkmal einer ganzen Subkultur. Zugleich sind sie so eingestellt, dass sie die heftigen Bässe des Hip-Hop optimal in die Ohren pressen.

Bizarrer Wettstreit um die Ohren der Fans

Das kommt an. Eine halbe Milliarde Dollar Umsatz erwirtschaftet Beats by Dr. Dre im Jahr. Kein Wunder, dass sich kürzlich der taiwanische Handybauer HTC für 300 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Beats sicherte. Von dem Geld soll Dr. Dre 175 Millionen abbekommen haben.

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    Aber das war erst der Anfang. Nun drängen weitere Hip-Hop-Stars in das Geschäft: Darunter Skandalrapper Ludacris, sein Kollege Jay-Z und sogar der Dr.-Dre-Zögling 50 Cent. Und sie entwickeln nicht nur neue Kopfhörer, sondern bringen ihre Technik auch in Form von Lautsprechern in Wohnzimmer, Computer und sogar neue Automodelle. Während sie in immer weitere Felder vordringen, liefern sie sich einen bizarren Wettstreit um die Ohren ihrer Fans.

    Milimetergroß und dynamisch

    Name: Sync by 50 CentPreis: 399 DollarEigenschaften: Drahtlose Musikübertragung , entworfen in Kanada und den USA und gefertigt in China. Der Klang wurde in Frankreich fein abgestimmt. Soundtests liegen noch nicht vor

    Den Aufwand, den die Hersteller bei der Konstruktion der Top-Kopfhörer treiben, ist immens. So umfasst die Palette der Innovationen unter anderem verbesserte, millimetergroße dynamische Lautsprecher, im Branchenjargon „Wandler“ oder „Driver“ genannt, deren Membranen von Spulen bewegt werden, die aus Mikrodrähten bestehen – feiner als ein menschliches Haar.

    Die Arbeit an der Technik lohnt sich: Der Köpfhörermarkt wächst schnell. Allein in Deutschland war er laut den Marktforschern der GfK 2010 mit 170 Millionen Euro 15 Prozent größer als im Jahr zuvor. Und die Branche geht davon aus, dass die Nachfrage auch in den nächsten Jahren zulegt, vor allem, weil Apple und andere Hardwarehersteller ihre Smartphones meist nur mit mittelmäßigem Zubehör ausstatten.

    Bose attackieren

    Die Idee zu Beats kam Dr. Dre und seinem Partner Jimmy Iovine, der auch das Plattenlabel Interscope führt, am Strand. Sie saßen beisammen, sprachen darüber, dass Textilhersteller Kleidung mit dem Namen des Hip-Hop-Stars verkaufen wollten. Doch Iovine, der in seiner Karriere für Musiklegenden wie John Lennon und Bruce Springsteen produziert hat, schlug etwas anderes vor: eine eigene Kopfhörermarke.

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      Dafür gründeten die zwei vor vier Jahren das Startup Beats, das die Kopfhörer entwickeln und vermarkten sollte. Ex-Apple-Designchef Robert Brunner lieferte das Aussehen. Und für die Produktion schlossen sie einen Vertrag mit dem Hi-Fi-Ausrüster Monster Cable. Ihr erster Kopfhörer Beats by Dr. Dre Studio war sofort ein Hit. Es folgten In-Ohr-Stöpsel, kleine Bügelhörer und solche für Profis.

      Nach dem Vorbild der Apple-Stores

      Name: Beats by Dr. Dre proPreis: 399 EuroEigenschaften: Von einem ehemaligen Apple-Designer entworfen, gefertigt in China, kräftiger Bass. Kritiker sprechen dem Modell bessere Hoch- und Mitteltöne zu als billigeren Modellen des Herstellers Beats Quelle: Pressebild

      Vor wenigen Tagen eröffnete Beats nach dem Vorbild der Apple Stores gar einen eigenen Laden in New York – weitere sind bereits geplant. All das heizt das Geschäft an. Und das, obwohl Experten den Klang der Kopfhörer mitunter kritisch beurteilen: „Das ist nichts für Audiophile“, sagt die stellvertretende Chefredakteurin des Fachmagazins „Audio“, Christine Tantschinez. Man höre nicht alle Details, die Kopfhörer seien somit nichts für Klassik-Liebhaber. Für Pop und Hip-Hop aber seien sie perfekt. Der Bass sei klar, trocken und unkomprimiert.

      Ziel der meisten Kopfhörerhersteller ist ein möglichst linearer Frequenzgang, bei dem alle Töne – von den Bässen bis zu den Höhen – gleich laut klingen. Im Falle der Hip-Hop-Hörer von Dr. Dre & Co. verpassen Spezialisten den Minilautsprechern aber ein Soundtuning: Sie versehen Bass oder Höhen mit einer Art akustischem Nachbrenner.

      Design, Klang, Marketing

      Nur die Verarbeitung, das lasse sich nicht wegdiskutieren, sagt „Audio“-Expertin Tantschinez, sei miserabel. Das gilt besonders für Einsteigermodelle. Teurere und neue Produkte von Beats immerhin bekommen mittlerweile bessere Noten.

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        Den Fans scheint das egal zu sein. Und so arbeitet, angestachelt vom Erfolg von Beats, auch Rapper 50 Cent an Kopfhörern. Der Star, dessen Vermögen das US-Magazin „Forbes“ auf 100 Millionen Dollar schätzt, kaufte dafür im Sommer Kono Audio, einen Produzenten von Edel-Kopfhörern. Den integrierte er in sein Startup SMS Audio, dessen Chef er ist. Kono-Audio-Gründer Brian Nohe kümmert sich nun bei SMS um Finanzen und Marketing. Von der Arbeit des Musikers ist er angetan: „50 Cent ist tief involviert“, sagt er, „in Design, Klang, Marketing.“ Das unterscheide ihn von denen, die nur ihren Namen lizenzieren lassen.

        Selbstdarstellung mit Kopfhörern

        Die Rapper wollen sich aber nicht nur gegenseitig attackieren, ihr Ziel ist, Branchengrößen wie den US-Audiospezialisten Bose vom Thron zu stoßen. Den Markt jedenfalls haben sie schon verändert: Der Erfolg der Newcomer „hat Auswirkungen auf unser Design, wie wir auf der nächsten Consumer Electronics Show in Las Vegas zeigen werden“, sagt Volker Bartels, Chef des deutschen Premiumherstellers Sennheiser. Käufern gehe es zunehmend darum, sich mit ihren Kopfhörern selbst darzustellen.

        Noch gibt es keine unabhängigen Produkttests der neuen in China gebauten 400-Dollar-Hörer von 50 Cent. Doch Nohe verspricht schon mal „grandiose Bässe, grandiose Höhen und einen mittleren Klangbereich, der genau richtig ist“. Eine neue Drahtlostechnik namens Kleer ermögliche, bis zu vier Kopfhörer an eine Audioquelle anzuschließen. Kleer sei besser als Bluetooth, sagt Nohe, spare Strom und liefere einen besseren Ton.

        Ohrschmuck

        Name: Skullcandy Roc Nation AviatorPreis: 160 EuroEigenschaften: Ist der Form einer Ray-Ban-Fliegerbrille nachempfunden, Kritiker bemängeln allerdings die vergleichsweise schwachen Bässe für einen Hip-Hop-Kopfhörer Quelle: Pressebild

        Die ersten Kopfhörer von 50 Cent kommen in den USA gerade auf den Markt. Bis zum zweiten Quartal 2012 will er sie auch in Deutschland anbieten. Um den Ohrschmuck bekannt zu machen, wird der Star gar sein neues Album nutzen, das nächstes Jahr herauskommt: Wie, wird nicht verraten. Nur so viel: In einigen Musikvideos anderer Stars tauchen die Kopfhörer bereits auf. Traditionelle Hersteller haben da wenig entgegenzusetzen.

        Aber wo Erfolg ist, gibt es Neider – und Nachahmer. Rapper Christopher Bridges, Künstlername Ludacris, und sein Hongkonger Produktionspartner Signeo müssen sich gerade mit ihren Kopfhörern der Marke Soul by Ludacris in einem Patentstreit verantworten: Dr. Dre beschuldigt sie, Soul by Ludacris verletze Design-Patente von Beats. Auch klinge der Name Soul by Ludacris etwas zu sehr nach Beats by Dr. Dre.

        Ins Auto

        Die Soul-Hörer seien „substanziell gleich – gar fast identisch – zum Kultdesign der Beats“, schreiben die Anwälte. In einer Gegenklage werfen Signeo und Ludacris Beats nun vor, das Startup versuche mit juristischen Tricks Konkurrenten auszubremsen. Brief und Klage liegen der WirtschaftsWoche vor. Selbst wenn sie gegen den Rapper aus Illinois gewinnen – stoppen können Dr. Dre und sein Kompagnon Iovine die Welle, die sie losgetreten haben, nicht mehr: Auch die Rapper Jay-Z sowie RZA und sogar Musiklegende Quincy Jones haben mittlerweile ihre Namen an Kopfhörerhersteller wie Skullcandy, Wesc und Harman verkauft. Es werden immer mehr.

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          Die Beats-Gründer setzen deshalb auf Expansion über Kopfhörer hinaus: Zusammen mit dem Autohersteller Chrysler beginnen sie, Beats-Lautsprecher in Fahrzeuge einzubauen. Den Anfang macht die Limousine Chrysler 300. Statt des bei vielen Herstellern üblichen Fünf-Kanal-Surround-Sounds kommt Musik hier klassisch in Zwei-Kanal-Stereo aus Beats-Boxen.

          Computerlautsprecher, Musiksysteme, Docking-Stationen

          Zudem baut der PC-Riese Hewlett-Packard Beats-Lautsprecher in einige Computer ein. Und HTC, der neue Mehrheitseigner von Beats, brachte im Oktober mit dem Smartphone Sensation XE sein erstes Handy mit Beats-Hörern auf den Markt. Doch auch hier zögern Konkurrenten nicht: 50 Cent und Nohe wollen in den nächsten 12 bis 24 Monaten Computerlautsprecher, Musiksysteme und Docking-Stationen für iPods und iPhones auf den Markt bringen.

          Dann geht der Wettstreit in eine neue Runde – endet möglicherweise wieder vor Gericht. Zu hoffen bleibt, dass er nicht doch noch mit Kugeln endet.

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