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Industrie 4.0 Roboter werden für Mittelständler erschwinglich

Industrieroboter Panda Quelle: PR

Roboter dringen in Branchen vor, die bisher kaum automatisiert wurden. Weil die Helfer immer günstiger werden, sind sie inzwischen auch für kleinere Mittelständler interessant.

Vorsichtig biegt Toru nach links ab. Er nähert sich einer Regalreihe, bleibt stehen, erkennt die bestellte Ware und fährt seinen Greifarm etwa zwei Meter nach oben. Dann streckt er ihn zu einem Schuhkarton aus, zieht die Kiste mit Saugnäpfen an und verstaut sie in seinem Inneren.

Wenn Toru durch die Gänge am Firmensitz von Magazino im Münchner Stadtteil Laim schleicht, erinnert er an einen schicken weißen Minigabelstapler mit gläsernem Fahrergehäuse – nur ohne Fahrer darin. Denn tatsächlich ist Toru ein Roboter, der sich selbstständig bewegen und Waren zu Bestellungen heraussuchen kann. Eine Art automatisierter Leiharbeiter quasi, der bereits für einige mittelständische Logistikbetriebe seinen Dienst verrichtet. „Toru fügt sich in eine für Menschen gemachte Umgebung ein und arbeitet dort mit“, sagt Frederik Brantner, der vor vier Jahren im Münchner Westen das Start-up gegründet hat. Der Jungunternehmer baut den Roboter und beschäftigt inzwischen mehr als 100 Mitarbeiter.

Fleißige Helfer mit Greifarmen, die in einer Fabrik stehen und schweißen, gibt es bereits seit Jahrzehnten – auch in mittelständischen Unternehmen aus dem produzierenden Bereich. Jetzt aber werden die Roboter schlau und fügen sich in die Industrie 4.0: Sie lernen Bewegungsabläufe, zu denen bislang nur Menschen imstande waren, finden sich in einer vernetzten Welt zurecht und müssen nicht mehr in Käfige gesteckt werden, um niemanden zu gefährden. „Derzeit beginnt eine neue Automatisierungswelle, die vor allem auf künstlicher Intelligenz beruht“, sagt Nadine Kammerlander, die den Lehrstuhl für Familienunternehmen an der Wirtschaftsuniversität WHU leitet.

Das belegen auch Ende Juni veröffentlichte Zahlen des Industrieverbands International Federation of Robotics: Demnach wurden im vergangenen Jahr weltweit mehr als 380.000 Industrieroboter verkauft – das sind fast 30 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Die meisten sind in der Automobilindustrie im Einsatz. Auch Unternehmen aus der Elektrotechnikindustrie sowie der Metallverarbeitung ordern immer mehr Roboter. Bisher haben vor allem Konzerne die zumeist noch teuren Maschinen eingesetzt. Doch die Helfer werden immer günstiger – und damit auch für Mittelständler erschwinglich.

In einer Werkstatt gleich neben dem Raum mit den Regalen in München schrauben die Mechatroniker von Magazino an Toru und seinem großen Bruder Soto. Letzterer kann nicht nur Schuhkartons, sondern auch größere Gegenstände erkennen und verladen. Mit den beiden Robotern möchte das Gründerteam um Frederik Brantner Logistikern die Lösung für eines ihrer drängendsten Probleme bieten. Wie eine Umfrage des Branchenverbandes zeigt, tun sich zwei Drittel der Unternehmen schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden. Weil es körperlich anstrengend ist, sich zu den Regalbrettern zu strecken und zu bücken, melden sich die Arbeiter in Warenlagern auch häufiger krank als in anderen Berufen.

Diese Jobs mischen Roboter auf
IndustrieSchon heute werden viele Arbeitsschritte von Maschinen übernommen - doch die vernetzte Produktion setzt auch in den Werkshallen eine weitere Automatisierungswelle in Gang. Das muss unterm Strich aber nicht zwangsläufig zu Jobverlusten führen, heißt es aus der Wirtschaft: Bereits Ende 2016 lag Deutschland bei der „Roboter-Dichte“ weltweit auf Platz drei hinter Südkorea und Japan - und trotzdem sei die Beschäftigung auf einem Rekordstand, erklärt der Maschinenbau-Verband VDMA. Auch der Präsident des Elektronik-Branchenverbandes ZVEI, Michael Ziesemer, sagt: „Es können auch mehr Jobs entstehen als wegfallen.“ Die Digitalisierung werde eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle und damit neue Stellen hervorbringen. „Wer kreativ ist, rangeht und sich Dinge überlegt, hat jede Menge Chancen.“ Quelle: dpa
Das vernetzte und automatisierte Fahren dürfte künftig viele Jobs überflüssig machen Quelle: dpa
BüroSchreibarbeiten, Auftragsabwicklung und Abrechnungen - Büro- und kaufmännische Fachkräfte erledigen nach Experteneinschätzungen Arbeiten, die heute schon zu einem hohen Grad automatisierbar sind. Dadurch könnten auch viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind in solchen Berufen tätig. Quelle: dpa
Der Handel wurde als eine der ersten Branchen von der Digitalisierung erfasst - entsprechend laufen im Online-Handel viele Prozesse automatisiert ab Quelle: dpa
Sie melken die Kühe, füttern, misten aus und helfen beim Ernten - Roboter haben längst auch auf den Bauernhöfen Einzug gehalten Quelle: dpa
Roboter in der Pflege - was in Japan bereits zum Alltag gehört, bereitet vielen Menschen in Deutschland noch eher Unbehagen Quelle: dpa
Auch im Haushalt tun Roboter schon ihren Dienst Quelle: dpa

Geht es nach Brantner, dann federt Toru nicht nur den Fachkräftemangel ab, sondern entlastet auch die menschlichen Kollegen: Denn der Roboter, so berichtet er stolz, sei der erste, der niedrige Regalfächer in fünf Zentimeter Höhe genauso erreicht wie die höchsten auf zweieinhalb Metern. Zudem kann er etwas, das jedes Kleinkind beherrscht, Robotern aber bislang schwerfiel: gucken und gezielt nach etwas greifen. Toru identifiziert mithilfe seiner eingebauten 3-D-Kamera das gewünschte Objekt und fasst danach. So kann er nicht nur ganze Regale fortbewegen, sondern auch bestimmte Waren herausholen.

Durch eine eingebaute Sensorik erkennt der Roboter, wenn sich Menschen nähern. Er wartet dann kurz ab und nimmt einen anderen Weg, falls das Hindernis nicht verschwindet. Auf diese Weise kann er auch mit menschlichen Kollegen zusammenarbeiten. Beim Textillogistikunternehmen Meyer & Meyer ist Toru seit April in zweifacher Ausfertigung im Einsatz, um im niedersächsischen Peine Schuhkartons ein- und auszulagern. Auch das Familienunternehmen Fiege Logistik nutzt bereits zwei Exemplare, 30 weitere hat es bei Magazino bestellt. Neben dem Internetklamottenversender Zalando und dem Technologiekonzern Körber gehört Fiege Logistik auch zu den Unternehmen, die Anfang des Jahres insgesamt 20,1 Millionen Euro in das Start-up investierten.

Mit menschenähnlichen Wesen wie R2D2 aus „Star Wars“ oder dem putzigen Wall-E aus dem gleichnamigen Pixar-Film haben die schlauen Roboter, die sich heute anschicken, den Mittelstand zu automatisieren, nur wenig zu tun. Denn im Gegensatz etwa zum bekannten Serviceroboter Pepper müssen die Industrie-Pendants etwa wie ein Gabelstapler funktionieren.

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