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Interview mit Dov Moran Was der Erfinder des USB-Sticks heute macht

Eine App soll die soziale Interaktion beim Fernsehschauen ermöglichen. Der Kopf hinter der Idee: Dov Moran, der Erfinder des USB-Sticks. Er ist ein alter Hase in der israelischen High-Tech-Szene. Im Interview erzählt Moran, wie er den umkämpften TV-Markt erobern möchte und welche Tipps er für die Startup-Szene in Deutschland hat.

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Soziale Interaktion beim Fernsehen sieht nach Vorstellung von Comigo so aus: Die Nutzer jubelt - oder trauert - gemeinsam mit anderen Usern. Quelle: PR

WirtschaftsWoche Online: Sind sie eigentlich wütend auf die Cloud?
Nein. Wieso?

Weil die Cloud doch zum Aussterben des USB-Sticks führen kann.

Die Cloud ist fantastisch. Ich glaube, sie hat noch eine tolle Zukunft vor sich.

Letztens habe ich mit meinen ehemaligen Kollegen gesprochen, die bei Sandisk geblieben sind. Und sie haben mir von 2011 erzählt. Für sie war es ein Rekordjahr beim Verkauf von USB-Flashdrives. Ich war positiv überrascht. Ich dachte, dass USB-Speicher bereits der Geschichte angehören. Aber das ist nicht der Fall. Der USB-Stick ist nach wie vor da, die Menschen verwenden ihn. Vielleicht nicht mehr so oft in Europa oder den USA, aber in Südamerika und anderen Orten der Welt, wo die Internetverbindung noch nicht so gut ist. Das wird noch eine Weile so sein. Solange wird der USB-Stick seine Dienste leisten. Es ist wie mit einer Schreibmaschine. Tolles Ding, aber kennen sie jemanden, der heute noch eine Schreibmaschine nutzt? Ich kenne keinen. Und das ist gut so. Das ist das Schöne an Technologie: Neue Erfindungen ersetzen alte Dinge.

Sie spüren keine sentimentale Beziehung zu den Dingen, die sie selbst geschaffen haben?

Absolut nicht. Ich empfinde Gefühle für Personen. Technologietransfer finde ich toll. Eine Welt, die sich verbessert, dafür brenne ich. Aber nicht für ein Produkt – unabhängig davon, ob ich es erfunden habe oder jemand anders.

Sie arbeiten derzeit an einem neuen Projekt.

An mehreren. Zum Beispiel haben wir vor kurzem mit meinem Unternehmen Keyview ein neues Keyboard vorgestellt: Smartype. Es enthält ein Display im Keyboard und wenn man tippt, sieht man direkt was man gerade schreibt. Man kann sich ganz auf das Schreiben konzentrieren, ohne auf den Bildschirm zu schauen. Außerdem soll das eingebettete Display verschiedene Widgets anzeigen, wie zum Beispiel Temperaturangaben, Uhrzeit, Shortcuts zu Twitter und Facebook. Unser Keyboard soll die Erfahrung des Schreibens und die Interaktion unter den Nutzern verbessern.

Viele Unternehmen schwören derzeit auf soziale Interaktion als Allheilmittel. Was ist das besondere bei ihrem Startup Comigo?

Mit Comigo entwickeln wir eine Plattform für Smart-TV, auf der Nutzer sich austauschen können und gemeinsame Dinge unternehmen können. Der Austausch erfolgt über alle Art von mobilen Endgeräten. Handys zum Beispiel.

Der Erfinder des USB-Sticks: Dov Moran. Quelle: PR

Aber das kann ich doch schon heute bei Facebook machen: „Ich schau gerade The Bachelor“  und gleichzeitig pflanze ich Tomaten auf meiner Farm.

Mit unserer Plattform erfahren ihre Freunde, was sie gerade schauen – wenn sie das wollen. Sie können dann ihre Buddies einladen, gemeinsam Fernsehen zu sehen.  Der eigentliche Interaktion beginnt ab diesem Moment: Sie können mir ihren Freunden Wetten abschließen, Umfragen starten, bei einem Kochprogramm den Teller bestellen, den sie gerade sehen. Dazu reicht ein Klick auf dem Bildschirm.

In welcher Phase befinden sie sich zurzeit?

Wir haben gerade eine Beta-Version der App gelauncht, die wir gemeinsam mit Orange, dem größten israelischen Mobilfunkanbieter, durchführen. An dieser Test-Phase nehmen mehrere hundert Nutzer Teil. Die Interaktion untereinander klappt gut, wir haben ein sehr gutes Feedback.  

"Die Lektion war: Kleinere Schritte und kleinere Teams"

Die wichtigsten Web-TV-Anbieter
Screenshot Webseite tape.tv Quelle: Screenshot
Screenshot der Webseite Live.tv Quelle: Screenshot
Screenshot der Webseite Sevenload Quelle: Screenshot
Screenshot Zattoo-Webseite Quelle: Screenshot
Screenshot der Webseite Sendungverpasst.de Quelle: Screenshot
Screenshot der Webseite Qtom.de Quelle: Screenshot
Screenshot der Webseite TV-Stream.to Quelle: Screenshot

Was kommt danach?

Sobald wir die Betaphase abgeschlossen haben, wollen wir gemeinsam mit anderen Kunden unsere Plattform einem größeren Publikum zugänglich machen. Wir führen dazu Gespräche mit weiteren Mobilfunkanbietern. Aber für uns ist es zunächst wichtig, Erfahrung in einem kleinen Markt zu sammeln: die Interaktion unter den Nutzern zu beobachten, ihr Feedback sammeln, darauf zu schauen, was ihnen gefällt und was ihnen nicht gefällt.

Das ist sicherlich auch eine Folge der Erfahrungen, die sie mit ihren vergangenen zwei Unternehmen gemacht haben.

Ja. Nach M-Systems, mit dem ich den USB-Stick entwickelt hatte, kam Modu. Wir wollten mit dem Unternehmen Module für Mobiltelefon herstellen. Es sollte nicht weniger als den Mobilfunkmarkt zu revolutionieren. Doch am Ende fehlte uns Geld, das Ganze ist nichts geworden. Einer der letzten Amtshandlungen war, die Patente an Google zu verkaufen. Das hat uns immerhin ein schönes Ende ermöglicht.

Welche Erfahrungen haben sie aus diesem Abenteuer mitgenommen? Schließlich haben sie mit ihrem Privatvermögen 15 Millionen Dollar in den Sand gesetzt. Ihre Kapitalgeber waren 120 Millionen Dollar los.  

Eine Niederlage ist eine großartige Möglichkeit, zu lernen. Wer Erfolg hat, kann nicht viel lernen, eben weil Erfolge nicht so einfach zu wiederholen sind. Wer aber verliert und eine Niederlage einstecken muss, der kann viel Neues lernen – und künftige Fehler vermeiden. Einer der Modu-Lektionen war: Ich muss alles kleiner aufziehen, kleinere Schritte unternehmen, mit kleineren Teams. Und nicht zu schnell Kapital besorgen. Ein Beispiel: Bei Modu habe ich mir gleich zwei Wochen nach der Gründung Risikokapital geholt. Warum? Weil es nach meinem Exit bei M-Systems einfach war, an Geld zu gelangen. Jetzt werde ich den gleichen Fehler nicht nochmal machen. Ich werde mir fremdes Kapital besorgen sobald ich es tatsächlich benötige oder der Markt es von uns verlangt.

In einem Interview mit der israelischen Businesszeitung Globes haben sie zudem gesagt, sie hätten bei Modu keinen Businessplan gemacht.

Das stimmt. Schauen sie, bei Modu bin ich so einfach an Kapital gekommen, dass ich mir keinen Kopf über einen Businessplan gemacht habe. Jetzt habe ich natürlich einen Businessplan für Comigo. Wir arbeiten ständig an den Zahlen, wir kontrollieren die Ausgaben. Und das, obwohl wir uns noch kein Venturekapital besorgt haben. Außerdem habe ich gelernt, mir ganz genau die Investoren anzuschauen, bei denen ich mir Geld hole.    

Nun wollen sie mit Comigo in einen Markt gehen, wo bereits viele etablierte Player unterwegs sind. Neue Akteure versuchen zudem, den Internet-TV-Markt zu erorbern: Google, Apple , nur um einige Top-Player zu nennen. Wie wollen sie da erfolgreich sein?

Weil wir was Einzigartiges werden. Sie nennen die Top-Player, aber diese haben sich ausschließlich auf den Endkunden eingeschossen. Wir richten uns an die Contentprovider, an die Mobilfunkanbieter und TV-Sender. Warum? Weil es sie auf jeden Fall noch lange Zeit geben wird. Sie sind unerlässlich, um ihren Nutzern guten Service anzubieten: Wartung, Datenübertragung, gute Inhalte. Daher wollen wir den Anbietern eine geeignete Plattform anbieten. Ich glaube, dass es da einen großen Markt gibt. Natürlich wird es auch Konkurrenz geben, aber dort wo es sie nicht gibt, gibt es auch kein Markt.

Aber Apple versucht schon seit längerem den TV-Markt einzunehmen, alle Gespräche mit größeren TV-Sendern haben bisher nicht geklappt. Wie wollen sie das anstellen?

Apple ist ein tolles Unternehmen. Sie wollen sich aber nicht als Nummer zwei zufriedengeben. Sie wollen die Größten sein, egal wo sie Fuß fassen. Und neben sich dulden sie niemanden. Sie mögen die traditionellen Content-Provider nicht besonders. Das spüren diese anderen natürlich. Klar, dass sie dann mit den TV-Sendern einen Schattenkrieg führen.

"Das was ich über Berlin höre, klingt gut"

Die neuen Web-Fernseher
Philips 42PFL6907K Quelle: Presse
LG 42LM670S Quelle: Presse
Samsung UE40 ES8090 Quelle: Presse
Panasonic TX-P50 VT50E Quelle: Presse
Loewe Connect ID 40 Quelle: Presse
Sony KDL-40 HX855 Quelle: Presse

Und in diesem Markt glauben sie, dass es noch was zu holen gibt?

Natürlich. Es kommen neue Player auf den Markt. Mobilfunkanbieter wollen unbedingt auch gute Inhalte anbieten, vor allem TV-Inhalte übers Internet. Wir befinden uns da noch am Anfang - Inhalte, die gestern und heute noch nicht die Endgeräte erreichen, werden das in Zukunft auf jeden Fall schaffen. Im Over-The-Top-Content-Markt sind die Claims noch lange nicht abgesteckt.

Reden wir über Israel. Es ein Paradies für die High-Tech-Szene: über 3800 Startup-Unternehmen, das Risikokapital ist per Kopf größer als in den USA. Sie sind aber diesbezüglich kritischer geworden. Warum?

Israel ist ein toller Ort für Unternehmer, alle haben eine gute Meinung zur hiesigen High-Tech-Szene. Doch es gibt Probleme. Ein Beispiel: Viele Startups kommen schnell in die Bredouille, weil sie kein Geld bekommen. Sie müssen dann entweder verkauft werden oder sie gehen viel zu früh an die Börse – was ein Fehler sein kann. Das hat dazu geführt, dass es wenige große Player gibt und viele kleine Startups. In solch einer Umgebung ist es nicht einfach das richtige Personal zu finden: erfahrene Manager, die einem beim Wachsen unterstützen. Viele Unternehmen sind daher oft zu klein und können nicht weiter wachsen.

Haben sie ein Beispiel, woran das liegen könnte?

Die Pensionsfonds könnten einspringen. Doch in Israel werden die Pensionsfonds nicht nach ihrer Performance bewertet. Es ist tatsächlich so, dass wenn sie smarte Investments machen, die Kosten dafür nicht im Profit berücksichtigt werden. Das führt dazu, dass alle Pensionsfonds kein Geld für High-Tech bereitstellen. Sie bevorzugen Wandelanleihen.

Warum?

Weil Wandelanleihen einfach zu managen sind. Die Folge ist, dass das meiste Geld für die israelische High-Tech Industrie nicht selbst aus der dem Land kommt, sondern ausländische Investoren zur Verfügung stellen. Es gibt Fonds, die für Startups nicht mehr als 20 bis 30 Millionen Dollar haben. An wen kann man sich aber wenden, wenn man 200 bis 300 Millionen Dollar braucht? Das ist die Größe, wenn man in den USA an die Börse gehen möchte. Es gibt also ein Graben zwischen beiden Zahlen und sehr wenige israelische Unternehmen haben diesen überqueren können.

Woran liegt das?

An der Politik und wie sie die Pensionskassen reguliert. Das ist weder für die Sparer sinnvoll, für die Pensionskassen und auch nicht für unsere Volkswirtschaft.

Was denken sie über die Startup-Szene in Berlin?

In Arbeit
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Ich habe noch keine deutschen Startups kennengelernt, aber das, was alles an Gerüchte hier in Israel von der Szene in Berlin ankommt, hört sich gut an.

Ich glaube, dass Startups vor allem eine spezifische Kultur brauchen. Wenn diese Kultur gerade im Entstehen ist, dann kann man das nur weiter unterstützen. Wie? Man muss darüber sprechen, über Unternehmen, über Erfolge. Es kann nur gut sein, sobald das jemand checkt: Hey, die haben in Berlin Erfolg mit Startups, ich bekomme das auch hin. Das schafft das wahre Momentum.  

Was wäre also ihr Tipp für junge Entrepreneure in Deutschland?

Einfach mal machen. Und wenn es nicht klappt, ist das ok. Wichtig ist, dass die Gesellschaft ihren Unternehmern Mut zugesteht. Auch sie muss verstehen, dass Niederlagen ok sind. Viele Gesellschaften in der Welt schauen auf den gescheiterten Unternehmer mit Verachtung. Das ist ein Problem. Fehler machen ist ok – wenn man daraus lernt und es beim zweiten Mal richtig macht.

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