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Mobilfunk-Programme Verlage wollen Apple mit Handy-Apps ausstechen

Unternehmen und Verlage experimentieren mit neuen Handyprogrammen. Die Apps der Zukunft laufen nur noch im Netz und sind ein Angriff gegen den Kontrollwahn von Apple & Co.

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Apps Quelle: AP

Als am 22. Januar ein Mädchen in der englischen Grafschaft Kent das Miniprogramm Paper Glider aus Apples App Store lädt, knallen im 8500 Kilometer entfernten Silicon Valley die Korken. Der kalifornische Computerbauer Apple hatte über seinen virtuellen Softwareladen für iPhone, iPad und iPod zehn Milliarden Apps verkauft – nur gut zweieinhalb Jahre nach dessen Start. Eine atemberaubende Leistung und vorläufiger Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte.

Seit Sommer 2008 können Nutzer solche Miniprogramme auf ihre mobilen Geräte laden. Apple kassiert dabei stets ein Drittel des Kaufpreises. Zudem behält sich der Konzern vor, zu entscheiden, welche Software Nutzer herunterladen dürfen – ohne Angabe von Gründen. Das ärgert Nutzer, Programmierer und Unternehmen gleichermaßen. Entziehen aber konnten sie sich den strengen Regeln bislang nicht.

Doch das ändert sich. Eine neue Generation von Miniprogrammen ermöglicht es App-Anbietern, sich aus der Umklammerung von Apple und Google zu befreien. Und das tun sie: Konsumgüterhersteller, Großbanken, Verlage und Spieleanbieter stürzen sich regelrecht auf die neue Technik.

Die neuen Apps basieren auf der unter Fachleuten als HTML 5 bekannten Programmiersprache, einer Weiterentwicklung des Codes, auf dem die meisten Internet-Seiten basieren. Damit lassen sich Programme schreiben, die nicht mehr direkt auf dem Telefon laufen, wie die bekannten Apps von Bahn, Post und Air Berlin. Stattdessen werden die sogenannten Web-Apps – ähnlich wie Web-Seiten – im mobilen Internet-Browser gestartet. Für den Nutzer ist der Unterschied kaum zu spüren: Er tippt auch in Zukunft auf ein kleines Symbol auf dem Handybildschirm, um das Programm zu starten. Alles, was Programmierer herkömmlichen Apps beibringen können, ist auch bei den Web-Apps möglich. Für die Anbieter indes ist die Technik eine Revolution.

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    Offensive von Facebook

    Das hat sich auch in Deutschland herumgesprochen. Bei Unternehmen wie Yoc, Europas größtem Auftragsentwickler für Apps, stapeln sich die Anfragen von Firmenkunden. An mehr als 30 Web-Apps für deutsche Großunternehmen arbeiten seine Leute, berichtet Yoc-Chef Dirk Kraus. Darunter finden sich beispielsweise die Telefonbuchdienste der Deutschen Telekom sowie ein großer Handelskonzern, der derzeit noch nicht namentlich genannt werden will.

    Und die Entwickler haben mächtige Unterstützer: Eine Reihe globaler Mobilfunkriesen wie China Mobile, Vodafone und die Deutsche Telekom wollen gerade mithilfe der Organisation Wholesale Applications Community App-Entwickler in aller Welt dazu bringen, Web-Apps auf den Markt zu bringen. Unterstützt wird die Londoner Organisation von Handyherstellern wie Huawei, LG, Samsung und Sony Ericsson.

    Am intensivsten jedoch treibt das soziale Netzwerk Facebook die Entwicklung der neuen Programme voran. Dessen Technikvorstand Bret Taylor bezeichnete HTML-5-Apps für sein Unternehmen als eines der wichtigsten Themen des Jahres. Facebook will mit der neuen Technik unter anderem Spiele wie Farmville und Restaurant City, die weltweit von einigen Hundert Millionen Facebook-Mitgliedern gespielt werden, auf Smartphones bringen. Damit soll das Netzwerk für Menschen unterwegs attraktiver werden.

    App-Umsatz Quelle: Forrester

    Ein Team von Facebook-Ingenieuren arbeitet daher an Werkzeugen, mit denen Entwickler diese sogenannten Social Games aufs Handy bringen können. Bisher nutzen die Programmierer meist das Softwareformat Flash, das zwar ähnliche Möglichkeiten bietet wie HTML 5, das aber auf den meisten Smartphones und Tablet-Rechnern nicht läuft.

    Taylor treibt zudem die Überzeugung, dass die Handyhersteller, die heute den Smartphone-Markt dominieren, nicht zwingend die Champions der Zukunft sind. Auf Web-Apps zu setzen sei da sicherer, glaubt er, weil er sich nicht mehr an eine Plattform wie Apples iOS oder Googles Android binden muss. Anders als herkömmliche Handyprogramme laufen Web-Apps auf allen Systemen, genauso, wie sich Internet-Seiten von Rechnern jeder Art öffnen lassen. Damit fallen die Mauern zwischen den Systemen.

    Zwar sind die neuen Programme mitunter teurer als die bislang bekannten Apps. So kostet eine Web-App bei Yoc das Anderthalbfache einer gleichwertigen, nativen iPhone-App. Doch weil man eine App künftig nur noch einmal programmieren lassen muss, sind sie unterm Strich billiger.

    Genervte Verleger

    Trotz der neuen Unabhängigkeit lassen sich die Web-Apps bei Bedarf in die App Stores von Apple und Google bringen. Yoc etwa wendet dafür einen Kniff an: Die Programmierer erstellen ein Mini-Programm, mit dem das Handy eine Verbindung zur Web-App herstellt. Experten sprechen dabei von einem App-Store-Konnektor.

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      Ein weiterer Vorteil der Web-Apps: Anders als bisher müssen Anbieter die neuen Versionen ihrer Programme nicht mehr in die einzelnen App Stores hochladen. „Apps für alle Plattformen zu entwickeln und kontinuierlich zu aktualisieren ist extrem zeit- und kostenintensiv und selbst für große Unternehmen wie Axel Springer auf Dauer nur schwer zu realisieren“, sagt etwa Georg Konjovic, Director Premium Content beim Axel Springer Verlag.

      Kein Wunder, dass es viele Verlage kaum noch erwarten können, dass sich die neue Technik endlich durchsetzt, um ohne Umwege und Provisionen digitale Versionen ihrer Zeitungen und Zeitschriften auf iPad & Co. zu bringen.

      Gerade die harte Haltung Apples hat ihnen in den letzten Wochen die Lust an herkömmlichen Apps verdorben: Der Computerbauer verlangt von ihren Abo-Umsätzen, die sie über klassische Apps einnehmen, künftig 30 Prozent. Zugleich weigert sich Apple, die traditionell für die Abo-Werbung nötigen Kundendaten an die Verlage weiterzugeben. „Mit Browser-Apps könnten wir uns endlich emanzipieren“, sagt „Zeit-Online“-Geschäftsführer Christian Röpke.

      Miniprogramme

      Das Startup OnSwipe zeigt, wie es gehen könnte: Dem kleinen Unternehmen ist es nach eigener Aussage gelungen, eine Web-App zu entwickeln, die dieselben Funktionen beherrscht wie die bejubelte iPad-Zeitung „The Daily“ – dem Gemeinschaftsprojekt von Medienunternehmer Ruppert Murdoch und Apple-Chef Steve Jobs. Seine Software will OnSwipe nun an Verlage in aller Welt vermarkten.

      Yahoo arbeitet ebenfalls an neuen Distributionswegen für die Medienbranche: Auf der neuen Plattform Livestand will das Unternehmen nicht nur eigene Inhalte wie Nachrichten aus Politik, Sport und Wirtschaft multimedial anbieten, sondern auch Inhalte aus Medien wie dem „Surfer Magazine“ vermarkten.

      Aufseiten der Wholesale Applications Community hat der Mobilfunkausrüster Ericsson indes einen virtuellen Softwareladen entwickelt, den Mobilfunkanbieter rund um den Globus unter ihrer eigenen Marke nutzen können, vorbei an Apple, Google und Microsoft. Abgerechnet werden die Einkäufe über die Handyrechnung der Nutzer.

      Google im Abwehrkampf

      Hat Ericsson damit Erfolg, wartet ein gewaltiges Geschäft auf die Mobilfunker. Über die Handynutzer haben sie rund drei Milliarden potenzielle App-Kunden. „Wir sind die, die den Link zum Kunden haben, nicht die anderen“, heißt es bei Vodafone.

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        Das immense Potenzial der Web-Apps hat sich mittlerweile auch bei den Investoren herumgesprochen. Einer der einflussreichsten Wagniskapitalgeber Amerikas, Sequoia Capital, steckte vergangenes Jahr zusammen mit anderen Anlegern 14 Millionen Dollar in das kalifornische Unternehmen Sencha. Das Startup entwickelt gerade ein Gerüst für HTML-5-Apps, mit dem Softwareentwickler schnell und einfach Web-Apps für Tablet-Rechner aufbauen können.

        Bei Google hingegen ist man mittlerweile offenbar zum Abwehrkampf gegen die Web-Apps übergegangen. Schließlich prognostiziert der Marktforscher Forrester, dass das gesamte App-Geschäft bis 2015 regelrecht explodieren wird, von derzeit gut zwei Milliarden Dollar auf 38 Milliarden Dollar. Galt Google lange als Vorreiter in Sachen HTML 5 und mit Web-Apps beispielsweise für YouTube als das Maß der Dinge, ist seit einigen Wochen eine Kehrtwende in der Konzernstrategie zu spüren. So hat das kalifornische Unternehmen gerade eine Offensive mit konzerneigenen nativen Apps wie Places, Übersetzer und Latitude hingelegt, nicht nur für den eigenen Android Store, sondern auch für das iPhone.

        Doch die Konkurrenz durch die Web-Apps wird sich damit kaum aufhalten lassen. Sie ist die nächste große Bewegung im Mobilfunk. So groß, wie einst die Erfindung der Handyprogramme selbst.  

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