ProGlove Wenn ein Handschuh die Fabrik effizienter macht

Der smarte Handschuh von ProGlove wird vor allem in Produktion und Logistik eingesetzt. Quelle: obs

Das Münchner Unternehmen ProGlove feiert mit seinen Scannerhandschuhen Erfolge. Nun soll es sich mit neuem Investor an Bord zum Datenkonzern wandeln.

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Eingesetzt werden sie praktisch überall in der Industrie, im Handel oder der Logistik: Die Rede ist von Scannern, etwa um den Ein- und Ausgang von Waren im Lager zu dokumentieren. In der Vergangenheit mussten Arbeiter Pakete dazu meist zu PCs mit angeschlossenem Scanner schleppen – ein zeitaufwändiger und zugleich körperlich anstrengender Vorgang.

Das Münchner Start-up ProGlove hat diese Abläufe revolutioniert, mit einem Handschuh mit eingebautem Scanner. Der ist gerade mal so groß wie eine Streichholzschachtel und so leicht wie drei Musik-CDs – das ist ungefähr ein Zehntel eines herkömmlichen Strichcode-Scanners. Die intelligenten Handschuhe sind über Funk mit einem Rechner verbunden und beschleunigen so die Prozesse von Autoherstellern, Fluglinien und Logistikern.

ProGlove tummelt sich damit in einem bisher wenig beachteten, aber gleichwohl sehr großen und damit potenziell lukrativen Markt: Wearables – also tragfähige Computertechnologien – und industrielle Vernetzung. Schon 2019 zählten Konzerne wie etwa die Lufthansa, Autobauer wie BMW und Audi sowie Einzelhändler wie Rewe, Penny oder Rossmann zu den Kunden von ProGlove.

Geht es nach ProGlove-Chef Andreas König, soll es jetzt dank eines neuen Investors noch schneller voran gehen bei den Münchnern: Der schwedische Finanzinvestor Nordic Capital übernimmt die Mehrheit an dem deutschen Start-up; das Management und die Gründer bleiben Minderheitseigner. Laut Marktkennern soll der Anteil der Schweden jenseits von 75 Prozent liegen; insgesamt liegt der Unternehmenswert von ProGlove nach der Transaktion bei 500 Millionen Euro.

Laut Chef König soll das nur ein Zwischenschritt sein, langfristig wolle man in die Riege der Einhörner, also der mit mehr als einer Milliarde Dollar bewerteten Start-ups, vorstoßen. „Wir brauchten jemanden, mit dem wir unser Wachstum beschleunigen können“, sagt der ProGlove-Chef. Demnach soll Nordic Capital vor allem beim Hochfahren von Vertrieb und Marketing helfen – und künftig auch Entwickler-Know-how zur Verfügung stellen. „Wir sind begeistert von der Vision, die das Management für das Unternehmen hat“, sagt Rainer Lenhard, Partner bei Nordic Capital, der das Geschäft in der deutschsprachigen Region leitet. „Das gilt vor allem für die Themen Vernetzung und Daten.“

So plant der ProGlove-Chef neben der Erweiterung der Hardware-Palette mit einer günstigen Einstiegsvariante und einer teureren Hochpreisversion seiner Scanner vor allem den Auf- und Ausbau eines eigenen Software-Geschäfts: Schließlich verfügt das Unternehmen über seine Scanner im Einsatz über einen umfangreichen Datenschatz.

Analyse von Logistikdaten

Eine neue, seit Ende des vergangenen Jahres verfügbare ProGlove-Software sammelt diese Daten, darunter etwa, wie viele Schritte ein Mitarbeiter macht und wie oft ein Scanner zum Einsatz kommt. Über spezielle Softwareanalysen und Datenauswertungen sollen ProGlove-Kunden so die Abläufe in ihrer Produktion und Logistik durchleuchten und verbessern können. „Das funktioniert im Prinzip wie Celonis für Maschinendaten“, sagt König. Im Unterschied zur Software des ebenfalls in München beheimateten Unternehmens Celonis, die vor allem Daten aus SAP-Systemen und anderen kaufmännischen Softwareanwendungen auswertet, will ProGlove sich auf die Fabrikhallen fokussieren.

Lohn dieser Bemühungen soll eine weitere Steigerung des ohnehin sehr kräftigen Wachstums sein: Genaue Zahlen wollen weder König noch Lenhard verraten. Doch laut Branchenschätzungen dürfte der Umsatz von ProGlove irgendwo im mittleren zweistelligen Millionenbereich rangieren, wobei die Wachstumsrate „nahe an der Verdopplung“ liegt, vermutet ein Insider. „Es gibt wenige deutsche Start-ups, die derart stark wachsen und solche Leuchtturmkunden haben“, attestiert Lenhard seinem jüngsten Zukauf.

Mit der Wachstumsphantasie ähnelt ProGlove übrigens dem früheren Arbeitgeber von König: Von 2015 bis Ende 2017 leitete der gebürtige Österreicher die Geschicke beim deutschen Spezialisten für Fernwartungssoftware TeamViewer; das Unternehmen mit Hauptsitz in Göppingen ging 2019 an die Börse. „Für uns ist ProGlove eine Wachstumsinvestition – mit Börsengang als einer von mehreren Optionen“, sagt Nordic-Capital-Investor Lenhard.

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So weit mag auch Unternehmenschef König noch nicht denken. Allerdings feilt der 56-Jährige bereits an einer Art Vermählung seiner alten und neuen Welt: Denn die Geschäftsfelder von TeamViewer mit seiner Cloud-basierten Vernetzungsplattform und ProGlove im Bereich Internet der Dinge (IoT, Internet of Things) ergänzen sich sehr gut. „Es gibt viele Anknüpfungspunkte, daher reden wir miteinander“, räumt König ein. Bereits bis zur weltgrößten Logistikmesse LogiMat Ende Mai könnte eine Partnerschaft von Köngs altem und neuem Arbeitgeber spruchreif sein.

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