Red Dot Design Award Wie die Hohepriester des Designs entscheiden

Einmal im Jahr treffen sich Designexperten in einer Lagerhalle, um die schönsten Entwürfe für den Designpreis Red Dot zu küren. Ein Blick hinter die Kulissen.

Die besten Produktdesigns 2012
FreudenfeuerWenn es gut läuft, wird er nie gebraucht. Scheinbar nutzlos hängt ein Feuerlöscher an der Wand. Er schmückt auch nichts. Trotzdem drängelt er sich mit seiner roten Alarmfarbe in den Vordergrund – damit er im Ernstfall rasch gefunden wird. Der Firephant des schwedischen Herstellers GPBM Nordic AB begeisterte die Juroren Marten Claesson aus Schweden, den Koreaner Ken Nah und den Chinesen Renke He, „weil er so selbsterklärend wie einfach zu nutzen und im Notfall schnell einsatzbereit ist. Er verwandelt ein bislang unauffälliges Produkt in ein farbenfrohes Objekt mit zeichenhafter Aussage.“ Da spielt es bei einem Brand kaum noch eine Rolle, wenn der Nutzer nicht Schwedisch versteht. Die Piktogramme unter dem Wort „Brandsläckare“ erläutern die Funktion bildhaft. Quelle: Pressebild
LeuchttürmchenDie Designer Stefan Diez, Simon Ong und Guto Indio da Costa sahen hier mehr als nur ein Glasgefäß, in dem ein Feuer brennt: „Die Leuchte überführt das traditionelle Motiv eines wärmenden Feuergefäßes in eine zeitgemäße Formensprache. Als eine spannende Synthese aus Windlicht und Feuerstelle erinnert sie an die Form einer Flasche. Sie stellt damit auch in symbolischer Hinsicht eine sehr überzeugende Neuinterpretation dar.“ Der finnische Gestalter Ilkka Suppanen hatte bei dem mit Bioethanol betriebenen Licht für den Hersteller Iittala zusätzlich die Form alter Leuchtfeuer im Sinn, die bis zum 19. Jahrhundert entlang des Bottnischen Meerbusens Seefahrer leiteten und dann von modernen Leuchttürmen abgelöst wurden. Quelle: Pressebild
Zwischen-BikeHusqvarna Nuda 900 R – der etwas sperrige Name des Gefährts verrät dennoch ein wenig über die Idee. „Nuda“, wie nackt, bezieht sich auf die Kategorie der „Naked Bikes“, die keine Form von Bekleidung besitzen. Die Juroren Martin Darbyshire, Lutz Fügener und Ken Okuyama attestieren der Maschine, dass sie „mit ihrer minimalistischen und spannungsreichen Formensprache eine sehr gelungene Neuinterpretation der Marke darstellt und dem Betrachter ihre sportlichen Qualitäten vermittelt“. Als eine Mischung aus Naked Bike und der Kategorie Supermoto, die für Rennmotorräder steht, entzieht sich die 900 R den üblichen Schubladen. Alles an der 900 R soll sportlich und dynamisch wirken, vom Scheinwerfer bis zum Heck. Quelle: Pressebild
AllesmerkerFotos aus dem vergangenen Urlaub auf Bornholm, gescannte Zeugnisse, Lieblingsfilme – ausgelagerte Festplatten sind zurzeit der leichteste Weg, große Mengen an Daten außerhalb des Computers zu speichern und sie auf Reisen mitzunehmen. Und sie sehen irgendwie alle immer nach kleinen Kästchen aus mit Buchsen. Die Juroren Gordon Bruce, Cheng Neng Kuan und Renke He erheben die von Toshiba produzierte Festplatte STOR.E Edition hingegen zu einem „stilvollen Accessoire, deren ästhetisiert. Sie ist funktional, überaus schnell in der Datenübertragung und dabei leicht zu bedienen.“ Quelle: Pressebild
HochsitzSitzlehnen aufrecht und die Tische wieder hochgeklappt – bei Start und Landung kann der Sitz Basic Line 3520 von Recaro Aircraft Seating seine Vorteile nur zum Teil ausspielen. Sie sind zunächst unsichtbar. Dank leichter Materialien konnte das Gewicht des Sitzes reduziert werden, was hilft, die Spritkosten zu senken. Darüber hinaus begeisterte die Juroren Martin Darbyshire, Lutz Fügener und Ken Okuyama „die Funktionalität und Ergonomie. Das gesamte Konzept ist stimmig und durchdacht und vermittelt ein Gespür für jedes Detail.“ Die Sitze sind für die Kurz- und Mittelstrecken entwickelt worden, wo jeder zusätzliche Zentimeter zwischen Knie und Rückenlehne des Vordermanns von den Passagieren als Wohltat geschätzt wird. Je schmaler das Sitzpolster, desto mehr Platz. Quelle: Pressebild
Schicke WippeErwachsene bleiben wohl einfach drin liegen in dem Stoff, der um einen Holzrahmen gespannt ist. Dabei lädt die Shallow Swing zum Schaukeln ein. Quelle: Pressebild
PanzerknackerUngebetene Gäste in Gestalt von Einbrechern können ihr Handwerk stilvoll verrichten mit der verstellbaren Brechstange von Hultafors. Dank des isolierten Griffs schont sie die Hände bei der Arbeit. Quelle: Pressebild
Gut gewürztHilfestellung in der Küche bieten die Gewürzbehälter Mellow des Bewater Studio aus Hongkong. Der Clou sind die magnetischen Deckel, die Salz, Pfeffer, Essig und Öl mit einer Handbewegung freigeben. Quelle: Pressebild
Keep on movingBeide Hände am Lenker behalten sollten die Fahrer des speedmax concept vom Hersteller Canyon, das aerodynamisch aussieht, aber nur versierten Athleten zu empfehlen ist, die dem Wind ein Schnippchen schlagen. Quelle: Pressebild
Was fürs AugeMit neuem Bildsensor, schnellem Autofokus und Wechselobjektiven in elegantem, minimalistischen Design verdiente sich die Digitalkamera Nikon 1 die Auszeichnung. Quelle: Pressebild
Modernes DuschvergnügenDie Duschabtrennung OpenSpace von Duravit, deren Glaswände so eingeklappt werden, dass dahinter die Armaturen verschwinden und als Blickfang nur der Alurahmen im Badezimmer verbleibt, erscheint nahezu unsichtbar. Quelle: Pressebild
Batteriewechsel waren gesternDeutlich auffälliger ist die Digitaluhr Sparc von Ventura, die ihren Strom aus dem Rotor im oberen Teil gewinnt: Er dreht sich und erzeugt Strom, der in einem Akku zwischengespeichert wird. Quelle: Pressebild
Für kühle KöpfeWenig Gewicht und beste Belüftung bringt dem Motorradhelm AirFlow 2 von BMW den roten Punkt ein. Quelle: Pressebild

Die Sache war so gut wie gelaufen. Alles stimmte an dem Objekt: Der Turnschuh war schnittig wie ein Rennwagen. Die Proportionen waren ausgewogen. Das helle Grün der Spitze harmonierte zum Hellgrau der Sohle. „Ein Schuh zum Träumen“, murmelt Tapani Hyvönen. Der Designexperte aus Finnland nimmt den Schuh noch einmal in die Hand, streicht über die Sohle und die Spitze, um den Wechsel vom Kunststoff zum Wildleder zu spüren. „Wirklich ein gelungener Entwurf“, sagt auch Karen Korellis Reuther, Präsidentin des Design Management Institute, USA.

Auch der Dritte in der Jurorengruppe, der Designer Robin Edman, ist begeistert von dem Schuh. Doch nur vom schönen Aussehen will die Jury sich nicht blenden lassen. Edman, ein gut trainierter Laufsportler, Skifahrer und Segler, zieht sich die Schuhe an und läuft ein paar Hundert Meter. Als er zurückkommt, verzieht er das Gesicht. „Die sind gut für den Laufsteg, aber nicht zum Laufen“, sagt Edman. „Die Schuhe bieten keinen Halt“, stellt er fest.

Eine Weile diskutieren die drei Juroren noch. Doch dann steht das Urteil fest. Durchgefallen! Schönheit allein genügt nicht. „Gutes Design muss auch funktionieren“, sagt Edman.

Hohe Durchfallquote

Wie den schicken Sneakern ging es in diesem Jahr mehr als 3.000 weiteren Objekten bei der Auswahl der Preisträger zum Red-Dot-Award. 4.515 Objekte schickten Unternehmen und Formgeber an das Design Zentrum Nordrhein-Westfalen, dem Veranstalter des Red Dot. 1.300 Designobjekte dürfen künftig das Siegel der Sieger, den roten Punkt, tragen, 60 Entwürfe davon erhalten die begehrte Auszeichnung best of the best. Red-Dot-Award-Chef Peter Zec sagt: „Wer zum Red Dot als Kandidat geht, kehrt mit über 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit als Verlierer heim.“

Die Gewinner treffen sich in diesem Jahr am 2. Juli – wie jedes Jahr in Essen. Neben den Designern der „best of the best“ wird das „Designteam of the Year“, in diesem Jahr Michael Mauer von Porsche und seine Crew, auf die Bühne geholt. Doch die wenigsten Preisträger und Gäste auf der festlichen Gala ahnen, welcher logistische und organisatorische Aufwand diesem Ereignis vorausgeht. Mehr als 100 Menschen arbeiten wochenlang für den Wettbewerb. Schauplatz der Auslese ist eine Lagerhalle in einem tristen Gewerbegebiet am Rande von Mülheim an der Ruhr nahe der Stadtgrenze zu Essen.

Die Halle der Wahrheit

Doch in der Designerszene gilt der schmucklose Bau als magischer Ort. Über Monate liegt die „Halle der Wahrheit“ wie Designer in aller Welt das Gebäude auch nennen, im Dornröschenschlaf. Dann, gegen Ende des Jahres, kehrt Leben zurück. Lieferwagen von Paketdiensten fahren vor. Sackkarren und Gabelstapler rumpeln über den Hof, um ein Paket oder mannshohe Sperrholzkisten in die Halle zu transportieren. Und je näher die Tage der Entscheidung rücken, desto häufiger kurven schwere Lastwagen auf dem Entladeplatz vor dem Lager herum. Bagger, Räumer und meterhohe Dreh- und Fräsmaschinen treffen ein.

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