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Smartphones Die App-Industrie im Umbruch

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Wütende Vögel, arme Schweine

Manche sind nützlich, andere skurril, einige die schiere Verschwendung von Zeit. 400.000 Apps gibt es allein fürs iPhone. Der App-Market für Android bringt es auf rund 240.000 Programme. Nokias Software-Shop Ovi Store listet 30.000 Miniprogramme, der Marketplace von Microsofts Windows Phone 7 rund 7000 Titel und der App Catalog der Palm-WebOS-Geräte von Hewlett-Packard etwa 6500. Gut vier Fünftel der Apps sind gratis, andere kosten ein paar Cent, einige wenige sogar Hunderte Euro. 

Der zurzeit wohl mit Abstand heißeste App-Entwickler hat seinen Sitz in Espoo bei Helsinki – dort, wo auch die Zentrale des finnischen Handyherstellers Nokia steht. Rovio Mobile fristete jahrelang als Auftragsentwickler ein Schattendasein, programmierte für Computerspiele-Anbieter wie Electronic Arts, Vivendi und Namco Bandai.

Dann aber kreierten die Rovio-Entwickler um Vorstandschef Peter Vesterbacka beinahe nebenbei ein Spiel für Mobiltelefone, das einschlagen sollte wie eine Bombe, ein Spiel namens Angry Birds. Darin attackieren farbenfrohe, tollpatschig wirkende Vögel im Kamikaze-Stil die Behausungen giftgrüner Schweine.

Ein mal – und nie wieder

Heute ist das in rund acht Monaten für etwa 100.000 Euro entwickelte Programm das Top-Spiel für Smartphones fast aller Art, Spielekonsolen sowie Windows- und Mac-Computer. Seit seinem Start im Dezember 2009 ist es weltweit mehr als 50 Millionen Mal heruntergeladen worden.

Wenig verwunderlich, dass Microsoft es gar nicht erwarten kann, bis endlich auch eine Programm-Version der zornigen Vögel für sein neues Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 fertig wird, um den Absatz seiner Smartphones zu befeuern. Und die Produzenten des Kinohits "Ice Age" haben die hippen Vögel sogar in ihren neuen Streifen "Rio" eingebaut, der im April in die Kinos kommt.

Hinter Angry Birds aber steckt mehr – nämlich eine ausgefeilte Vermarktungsstrategie: Zwar ist die spärliche Basisversion der App kostenlos. Wer jedoch den vollständigen Spielspaß sucht, muss zwischen 99 Cent und 4,99 Dollar zahlen. Die Angry Birds gibt es inzwischen auch als Halloween-Variante und sogar im Weihnachtsoutfit.

Dazu kommt die Werbung in der Gratisversion des Angry-Birds-Spiels, die Rovio dem Vernehmen nach jeden Monat mehrere Millionen Dollar Umsatz einbringt.

Viele Apps sind Eintagsfliegen

Solch ein Erfolg dürfte die meisten App-Entwickler vor Neid erblassen lassen. Für sie werden die App Stores zunehmend zum harten Pflaster. Denn viele Apps sind Eintagsfliegen. Nach Erhebungen des Softwareunternehmens Localytics aus Cambridge bei Boston öffnen Smartphone-Nutzer ein Viertel ihrer Miniprogramme nur einmal – und dann nie wieder. Manch einer sieht in der App-Branche inzwischen fast so etwas wie das Prekariat der IT-Welt.

Vor allem Entwickler der ersten Stunde sind ernüchtert. Wie Andreas Heck aus dem bayrischen Vöhringen-Illerberg, der sich von den Handyprogrammen weitgehend abgewendet hat: "Ich entwickle nur noch nebenher Apps und verdiene mein Geld jetzt wieder mit Web-Design", sagt der Unternehmer. Dabei war er 2008 Gründungsmitglied des Verbands der iPhone-Entwickler deutschsprachiger Apps, kurz Vieda.

Hecks Programme wie das virtuelle Kartenspiel Super Trumps Bikes oder die Bibel-App The Bible Oracle gehen inzwischen im Massenangebot unter, davon leben kann er nicht mehr. Seien die Nutzer bei Klassikern wie Need for Speed des Spieleriesen Electronic Arts bereit, 2,39 Euro zu zahlen, würden sie bei Apps kleiner Anbieter schon über 79 Cent murren. Nach Abzug der 30 Prozent Verkaufsprovision durch Apple bleiben dem Entwickler nur noch 55 Cent je App. Und auch die Werbebanner bringen ihm, sagt Heck, kaum mehr als ein paar Cent am Tag.

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