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Smartphones Die App-Industrie im Umbruch

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Werbeagentur Philipp und Keuntje: Hartwig Keuntje (von links) und Partner Torben Hansen mit ihren Computerexperten Husam al-Hakim und Jörn Schoppe Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

Zudem wimmelt es im App Store vor Kopisten: Als etwa Joel Comm im Dezember 2008 sein virtuelles Furzkissen iFart erfand, traf der Internet-Marketingexperte den Massengeschmack. Wenige Wochen später allerdings sah er sich von Dutzenden Nachahmern umzingelt. "Es war wie eine Lawine", sagt Comm. "Einige nutzen einfach ganz frech unseren Namen."

Kaum verwunderlich: "Der Markt ist absolut überfüllt", sagt Peter Farago, Marketingchef der Beratungsfirma Flurry aus San Francisco. Vor dem Hintergrund verlagert sich das Geschäft zunehmend weg von der Spaß-App oder dem Spiel hin zu professionellen Programmen, die von Unternehmen in Auftrag gegeben und eingesetzt werden. Zwar kann ein Laie mit dem von Apple bereitgestellten Softwareentwicklungs-Kit im Baukastenprinzip einfache Apps an einem Wochenende zusammenbasteln. Doch steigen die Ansprüche der Anwender so stark, dass ein Erfolg immer seltener gelingt.

Das Geschäft wird professioneller. Vor allem große Markenhersteller und Dienstleister scheuen zurzeit keine Summe, um ihren Kunden eigene Miniprogramme bieten zu können. "Wir merken, dass seit einem halben Jahr die Nachfrage massiv anzieht, wir müssen sogar Aufträge ablehnen, weil wir es nicht schaffen", sagt Christian Mühlenbeck, App-Berater bei Proximity, einer Tochter des Werbegigenten BBDO.

Werbeagenturen bauen App-Entwicklerteams auf

Vor allem die Werbeagenturen sind es denn auch, denen der App-Boom derzeit die Dollar-Zeichen in die Augen treibt. Viele von ihnen bauen gerade eigene App-Entwicklerteams auf. So auch die Hamburger Agentur Philipp und Keuntje, die neben dem Autobauer Audi die Deutsche Telekom, den Verpackungshersteller Tetra Pak, den Ketchup-Produzenten Heinz und den Kräuterschnaps Jägermeister betreut.

Agenturchef Hartwig Keuntje richtete in den vergangenen Monaten in seinem Unternehmen eine regelrechte Softwareschmiede ein, um einen Prospekt des Audi A1 für das iPad zu programmieren. Herausgekommen ist eine Multimedia-App mit Fahrsimulator, Videos und allerlei Gimmicks.

Unterm Strich hat die App so viel gekostet wie eine große Eigentumswohnung. 35 der 130 Agentur-Mitarbeiter waren beteiligt, darunter Softwareentwickler, Designer und Computergrafiker. Nun arbeiten die Hamburger bereits an den nächsten Apps für Audi. Auf absehbare Zeit will Keuntje immerhin ein Zehntel des Umsatzes mit den Programmen für iPhone, iPad und Co. verdienen.

Eine Alternative bleibt den Agenturen ohnehin nicht: "Wir erwarten, dass sie sich heute auch um Online und Apps kümmern", sagt Audis Leiter für internationale Werbung, Michael Finke. Der Elektronikhändler Media-Saturn etwa feuerte kürzlich seine Werbeagentur Kempertrautmann, angeblich weil die zu wenig Multimedia-Kompetenz zeigte.

Europas App-König

Und so gehört die Zukunft vor allem jenen Unternehmen, die Apps im Auftrag zahlungskräftiger Kunden entwickeln und nicht ins Blaue hinein programmieren. Und wenn hier einer den Titel des App-Königs von Europa verdient, dann ist es Dirk Kraus, Chef und Gründer des Berliner Web-Dienstleisters Yoc. Sein Unternehmen hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als 500 Miniprogramme für Handys und Tablet-Computer programmiert – ausschließlich für Konzerne wie die Deutsche Post, Kraft Foods, Daimler, Opel, Coca-Cola und Air Berlin. Der Ex-Roland-Berger-Berater, der einst an der Sanierung des Büromittelherstellers Herlitz mitwirkte, beschäftigt heute mehr als 230 Leute – davon die Hälfte für die Entwicklung mobiler Apps.

Dabei wurde Yoc eher unfreiwillig größter App-Entwickler des Kontinents. 2001 gegründet, widmete sie sich zunächst der Programmierung mobiler Web-Sites für Konzerne. Als der App-Boom begann, liefen die gleichen Konzerne Kraus die Bude ein, verlangten nach den Miniprogrammen. Inzwischen erwirtschaftet Yoc 31 Millionen Euro Umsatz und erwartet 2011 ein Wachstum von 20 bis 25 Prozent.

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