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Spiel-Messe 2019 Wenn Brettspiel und Konsole verschmelzen

Auch im letzten Jahr waren Spielverlage aus aller Welt in Essen vertreten. Nach wie vor sind Brettspiele beliebt. Quelle: imago images

Parallel zu Computer- und Videospielen boomt der Markt für Brettspiele. Ab Donnerstag zeigen Spielverlage aus aller Welt ihre neuesten Kreationen auf der Spielmesse in Essen. Auch hier hält die Digitalisierung Einzug.

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Das Land Andor ist in Gefahr: Aus den Wäldern und dem Gebirge rücken die Feinde, Skrale und andere böse Kreaturen immer näher. Doch Anja, Sabine, Peter und Michael – alle um die vierzig Jahre alt und in ihrem normalen Leben Angestellte – haben sich zusammengetan, um sie abzuwehren. Jeden Mittwoch treffen sich die vier einer Wohnung in Köln – und schlüpfen dazu in Rollen, die nicht weiter weg von ihrem Alltag sein könnten. Als Zwerg, Bogenschützin, Zauberin und Krieger. Auf dem DIN-A3-großen und detailgetreuen Landschaftsspielplan lassen sie die Würfel rollen und verschieben danach ihre Heldenfiguren und die ihrer Feinde auf dem Spielbrett.

Nicht nur digitale Games auf Konsolen, Smartphones und Computern boomen: Auch die Nachfrage nach Brett- und Kartenspielen ist weiterhin ungebrochen hoch. So wuchs allein das Geschäft mit Gesellschaftsspielen in Deutschland im vergangenen Jahr immerhin um neun Prozent; insgesamt gingen allein hierzulande mehr als 50 Millionen Spiele über die Ladentheken – beides belegt, dass in Deutschland auch analog stetig mehr gespielt wird.

Der Hauptgrund für diese Entwicklung: Brettspiele verbinden alle Generationen. Sie werden nicht nur hierzulande genutzt als kommunikatives und kooperatives, emotionales und edukatives Erlebnis, etwa beim Spieleabend mit Freunden oder der Familie. Für manch einen wird in diesen Zeiten, in denen das eigene Smartphone quasi omnipräsent ist, analoges Spielen auch zu einer Übung im „Digital Detox“, also zu einem bewussten Verzicht auf das ständige Starren auf blinkende Displays. Wer sich für Spiele begeistert, für den ist die jährlich stattfindende Messe „Spiel“, die am Donnerstag in Essen bereits zum 37. Mal ihre Pforten öffnet, ein Pflichttermin. Die mittlerweile zur weltweit größten Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele avancierte Veranstaltung erwartet in diesem Jahr 1200 Aussteller aus über 53 Nationen und fünf Kontinenten. Diese wollen bis kommenden Sonntag ihre mehr als 1500 Neuheiten präsentieren.

Dominique Metzler, die Chefin des Messeveranstalters Friedhelm-Merz-Verlag mit Sitz in Bonn, erwartet in diesem Jahr deutlich mehr als die 190.000 Spielbegeisterten aus aller Welt, die im vergangenen Jahr nach Essen kamen. Damit ist die Analogmesse immerhin halb so groß wie ihre digitale Schwesterveranstaltung „Gamescom“ in Köln, die Ende August rund 373.000 Videospielende besuchten.
„Je mehr Menschen spielen und so positive Erlebnisse erzielen, umso stärker wächst die Nachfrage und das Interesse an Gesellschaftsspielen“, sagt Hermann Hutter, Chef des Branchenverbandes Spieleverlage. „Die Verlage liefern mit neuartigen Ideen rund um aktuelle Gesellschaftsthemen die Grundlage für einen weiteren Boom.“ Aktuell greifen beispielsweise Spiele wie etwa „Ocean Crisis“ (Verlag:Shepherd Kit) oder „CO2: Second Chance“ (Autor: Vital Lacerda) das Thema Umweltschutz auf und entwickeln so spielerisch Visionen für eine saubere Zukunft.

Aber auch die analoge Spielewelt hat sich längst um zahlreiche digitale Kanäle wie Social Media, Blogs und YouTube-Videos erweitert, in denen Spieler in speziellen Foren über die neuesten Spielehypes diskutieren oder sich über die Vielzahl an Brettspielen informieren können – einer der wichtigsten Trends in der analogen Spielewelt.
So finden sich etwa auf dem Videoportal YouTube ähnlich wie in der digitalen Spielewelt zahlreiche Brettspiel-Kanäle und Blogs. Hier kann sich die Szene über Neuvorstellungen mittels Let’s-play- oder Unboxing-Videos informieren. Zu den größten YouTube-Kanälen in diesem Segment gehören Tom Vasels „The Dice Tower“ mit 226.000 Abonnenten und 14.770 Videos, Rodney Smiths Kanal „Watch It Played“ (160.000 Abonnenten) oder Richard „Rahdo“ Ham (89.200 Abonnenten) mit seinen beliebten „Rahdo Runs Through“-Videos.

Boardgamegeek.com wiederum verfügt als weltweit größtes englischsprachiges Spieleportal für Brettspielinteressierte über eine Datenbank mit mehr als 100.000 registrierten Spielen. Glaubt man den Nerds und Spielefreaks dort, so gehören in diesem Jahr „Maracaibo“ aus der Feder des österreichischen Stardesigner Alexander Pfister aus dem deutschen Verlag DLP Games, „Cooper Island“ vom deutschen Spieleentwickler Andreas Odendahl aus dem deutschen Verlag Frosted Games sowie „Alubari: A Nice Cup Of Tea“ vom Briten Tony Boydell (Verlage: Studio H, Board Game Box) zu den aktuell am stärksten auf dem Portal diskutierten strategischen Newcomern.
In allen drei Brettspielen tauchen die Gamer in die jeweilige Epoche ein – Karibik im 17. Jahrhundert (Maracaibo), Seefahrer-Entdeckungszeitalter (Cooper Island), Teeplantagenmanagement in Darjeeling um das Jahr 1840 (Alubari) – und treten bei der Erledigung ihrer strategischen Aufgaben gegeneinander an. Die Spiele richten sich an erfahrene Kennerspieler ab 10 Jahren, die eine besondere Komplexität und eine Spieldauer von 60 bis 120 Minuten nicht scheuen.
Weiterhin erobern sogenannte Legacy-Spiele den Brettspielmarkt. Bei diesem Genre handelt es sich um Spiele, bei denen sich – abhängig von den jeweiligen Entscheidungen der Spieler – die Regeln und Komponenten von Runde zu Runde verändern und weiterentwickeln: Etwa indem man neues Spielmaterial entdeckt, das Spielebrett bemalt und beklebt oder neue Charaktere kreiert. Ein aktuell angesagtes Beispiel hierfür ist „Machi Koro Legacy“, das neue Spiel der amerikanischen Spielerfinder Rob Daviau und JR Honeycutt (Verlag Pandasaurus).

Zudem boomen aktuell sogenannte kooperative Spiele wie etwa „Cities Skylines“ vom schwedischen Game-Designer Rustan Hakansson (Verlag: Kosmos), eine Brettspielumsetzung des sechs Millionen Mal verkauften PC-Megasellers gleichen Namens. Hierbei verfolgen die Spieler eine gemeinsame Strategie, um ihre jeweilige Traumstadt zu bauen. Weitere Brettspielumsetzungen von PC-Klassikern sind „World of Warcraft: Das Brettspiel“ (Verlag: Heidelberger), „Age of Empires III: Das Zeitalter der Entdeckungen“ und „Civilization – Das Brettspiel“ (beide Verlag: ADC Blackfire) oder „Doom“ (Verlag: Fantasy Flight Games).
Bei „Zombicide Evolution-Las Vegas“ (Verlag: CMON) verschmelzen sogar Brettspiel und Konsole zu einer hybriden Spieleinheit. In dem Spiel können die Player ihre Charaktere mithilfe einer App verfolgen, die auf ihren Smartphones läuft. Diese ist wiederum mit der sogenannten Gamemaster-App des Herstellers vernetzt und dadurch in der Lage, Spieler mit einer bösartigen Intelligenz zu überraschen. Das Spiel wird auf der Messe als Prototyp zu sehen sein und so im kommenden Jahr über die auch für die Brettspielbranche interessante Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert werden.
Derweil spielen die vier Geeks aus der Kölner Brettspielrunde bereits seit gut zwei Stunden ihr Fantasy-Abenteuer, bis sie wissen, ob sie als Sieger oder Verlierer aus dem Abenteuer hervor gehen. Dieses Mal haben die vier Helden das Land Andor erfolgreich verteidigt – alle Helden haben überlebt, lediglich der Zwerg hat ein paar Lebenspunkte verloren. In der Welt von Andor kann sich die Brettspielgruppe nun einer der zahlreichen weiteren Szenarien widmen, in die Rolle anderer Helden schlüpfen und neue Herausforderungen meistern.

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